Antoni Gaudí: Sagrada Família und die Politik


„Wir haben diesen Titel entweder einem Verrückten oder einem Genie verliehen“, soll der Direktor der Höheren Architekturschule Barcelonas bei der Vergabe des Abschlussdiploms an Antoni Gaudí 1878 gesagt haben. Äußerst kühn war dessen Entwurf einer Universitätsaula, der mit seinen der Natur entnommenen Formen und dem durch konzentrische Fenster optimierten Lichteinsatz schon Grundzüge seines späteren Wirkens erkennen ließ.

Der 1852 in Reus als Sohn eines Kupferschmiedes geborene Katalane zeichnete sich bereits in Jugendjahren durch seinen Perfektionismus und ein erratisches Temperament aus. Nachdem er mit Anfang 20 von seiner großen Liebe verschmäht worden war, lebte Gaudí zölibatär. Halt gaben ihm sein katholischer Glaube und ein asketischer Lebensstil: Gaudí war Vegetarier und unterzog sich strengen Fastenkuren.

Weit weniger bekannt ist Gaudís politisches Engagement. Gemeinsam mit anderen Vertretern des Modernisme, der katalanischen Variante des Jugendstils, die sich durch organische Formen sowie Tier- und Pflanzensymbolik auszeichnete, setzte sich Gaudí für mehr Autonomie für Katalonien ein. Das späte 19. Jahrhundert war für die Region eine Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs und eines neuen Selbstbewusstseins, die Hand in Hand mit der architektonischen Neugestaltung Barcelonas einhergingen, an der Gaudí maßgeblichen Anteil hatte.

Dr. Lasse B. Lassen ist Habilitand am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg.
Dr. Lasse B. Lassen ist Habilitand am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg.privat

Im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges von 1701 bis 1714 war Barcelona am 11. September 1714 nach einer 14 Monate währenden Belagerung erobert und besetzt worden. Der siegreiche Bourbonenkönig Philipp V. beseitigte die seit Jahrhunderten verbrieften Rechte der Katalanen und schaffte die seit 1359 bestehende katalanische Ständevertretung (Generalitat) ab. In der Architektur Barcelonas des 18. Jahrhunderts manifestierte sich der Status der Stadt als Besatzungsgebiet. Große Teile des Hafenviertels wurden niedergerissen, um eine gigantische Festungsanlage, die Ciutadella zu bauen, die als Bollwerk zur Niederschlagung zukünftiger Aufstände gedacht war.

Während Madrid im selben Jahrhundert mit der Anlage eines Kanalisationssystems, breiter Prachtstraßen und Alleen seinen barocken Charakter erhielt, blieb die Entwicklung Barcelonas dahinter zurück. Eingeengt durch die mittelalterlichen Stadtmauern konnte die Stadt kaum wachsen. Betrug die Einwohnerzahl Madrids um 1750 schon 150.000, so zählte Barcelona zur gleichen Zeit gerade einmal 40.000 Einwohner.

Die architektonische Befreiung Barcelonas

Mit der industriellen Revolution veränderte sich die architektonische Gestalt Barcelonas. Im Jahr 1854 wurden die Stadtmauern niedergerissen, was neue Wachstumsperspektiven eröffnete. Die Stadt wurde gemäß den Vorstellungen des Städteplaners Ildefons Cerdà im Schachbrettmuster erweitert.

Im Zuge der liberalen Revolution von 1868, die maßgeblich vom katalanischen General Juan Prim angeführt wurde, wurde dann auch die Festungsanlage der Ciutadella geschleift – ein Befreiungsakt, der in seiner Bedeutung für das katalanische Selbstbewusstsein mit der Zerstörung der Bastille während der Französischen Revolution gleichgesetzt werden kann.

Die für die Bebauung freigewordenen Flächen wurden zum Experimentierfeld der Architekten des Modernisme wie Gaudí, Lluís Domènech i Montaner und Josep Puig i Cadafalch. Denn außerhalb des alten Stadtkerns entstand mit der Schachbrettstadt L’Eixample eine Ansiedlung neuer Bürgerhäuser, deren Besitzer – wie der Textilfabrikant Eusebi Güell – auf anspruchsvolle Architektur im Geiste der Zeit setzten. Auf dem Areal der einstigen Ciutadella entstand ab 1872 eine gigantische Stadtparkanlage, die 1888 die Weltausstellung und ab 1892 den Zoo von Barcelona beherbergte.

Das Deckengewölbe der Sagrada Família in einer Aufnahme vom Oktober 2015
Das Deckengewölbe der Sagrada Família in einer Aufnahme vom Oktober 2015REUTERS

Gaudí und seine modernistischen Mitstreiter arbeiteten schon früh katalanische Symbolik in die von ihnen gestalteten Bürgerhäuser und Stadtpalais ein. So prangte auf der Fassade des von Gaudí entworfenen Palau Güell die rot-gelb gestreifte Nationalflagge Senyera, während über dem Haupteingang ein schmiedeeiserner Phoenix – Symbol der katalanisch-nationalistischen Kulturzeitschrift „La Renaixença“ – thronte.

Häufiges Motiv war außerdem der Drachentöter und Nationalheilige Sant Jordi. So finden sich Drachenelemente in dem von Domènech i Montaner für die Weltausstellung von 1888 gebauten Castell dels Tres Dragons im Parc de la Ciutadella, an den Fassaden der Casa Martí (1896) und der Casa Amatller (1900) von Puig i Cadafalch sowie auf dem Dach von Gaudís Casa Batlló aus dem Jahr 1912. Die Senyera ist außerdem in den Mosaiken des Palau de la Música Catalana und dem Hospital de Sant Pau zu sehen, die Domènech i Montaner 1908 und 1913 gestaltete.

Mit maritimen Schiffselementen spielte Gaudí in seiner Casa Batlló auf das einstige Seereich Katalonien an. Denn Ende des 14. Jahrhunderts standen Sizilien, Sardinien, Süditalien und zeitweilig sogar Athen unter der Herrschaft des Grafen- und Königshauses Barcelona.

Zum Flaggschiff des katalanischen Modernisme entwickelte sich um die Jahrhundertwende aber die Basílica i Temple Expiatori de la Sagrada Família (Basilika und Sühnekirche der Heiligen Familie). Die Idee zur Sagrada Família ging auf den katholischen Buchhändler und Philanthropen Josep Maria Bocabella zurück, dem eine Sühnekirche nach italienischem Vorbild vorschwebte, die durch lokale Spenden finanziert werden sollte. Mit dem Verein Associació de Devots de Sant Josep hatte Bocabella im Jahr 1881 genug Spenden gesammelt, um eine knapp 13.000 Quadratmeter große Fläche im neuen Stadtteil L’Eixample zu kaufen.

Beinahe zufällig gelangte Gaudí an den Großauftrag. Denn als Projektleiter des Bauwerkes war zunächst der Diözesanarchitekt Francisco de Paula Villar vorgesehen. Nachdem dieser im Streit mit Bocabella und dem Statiker Joan Martorell hingeworfen hatte, fiel die Wahl auf dessen Mitarbeiter Gaudí. Kaum fünf Jahre nach seinem Universitätsabschluss begann der junge Architekt, an seinem berühmtesten Werk zu arbeiten.

Die katalanische Frage

Während die Krypta noch nach den ursprünglichen neogotischen Entwürfen Villars fertiggestellt wurde, ließ Gaudí sich bei der weiteren Planung der Kirche von der katalanischen Natur inspirieren. Nach Eingang einer großen anonymen Spende an Bocabellas Associació de Devots entwickelte Gaudí um 1894 das Konzept einer fünfschiffigen Kirche mit 18 Türmen – zwei für Jesus und die Gottesmutter Maria, vier für die Evangelisten, zwölf für die Apostel.

Inspiration für die spitz zulaufenden, kegelförmigen Türme waren die Felsspitzen des Montserrat-Gebirges, während die Gewölbe an der Fassade den Tropfsteinhöhlen der Pyrenäen nachempfunden waren. Die Säulen im Inneren der Kirche wiederum sollten Baumstämme darstellen – Gaudí imaginierte einen Steinwald im Inneren der Kirche.

Ein zentraler Gedanke wurde der Einsatz natürlichen Lichtes, das die Kathedrale in unterschiedlichen Farben beleuchten sollte. Die östliche „Geburtsfassade“ sollte das Licht der Morgensonne durch die Fenstermosaiken in blaue und grüne Farbtöne brechen. Die westliche „Passionsfassade“ sollte demgegenüber durch Mosaiken das Kircheninnere abends in Rot und Gelb tauchen. Licht sei die „Essenz des Mittelmeeres“, so Gaudí.

Um 1900 wurde die „katalanische Frage“ mit wachsendem Nachdruck gestellt. Mit der Lliga Regionalista de Catalunya war unter der Führung von Enric Prat de la Riba 1901 eine Partei des katalanischen Bürgertums entstanden, die mehr Autonomie für die Region einforderte. Schon 1892 hatten die späteren Führungsfiguren der Partei in einem Manifest unter anderem Katalanisch als einzige Verkehrssprache sowie die ausschließliche Besetzung öffentlicher Ämter mit Katalanen gefordert. Einer der Gründerväter der Lliga war Gaudís Berufskollege Puig i Cadafalch.

Gaudí selbst mischte zwar nicht aktiv in der Politik mit, unterhielt aber Kontakt zu Prat de la Riba, der ein besonderes Interesse an der Sagrada Família hatte, die er als nationales Prestigeprojekt eines selbstbewussten Kataloniens sah. Tief beeindruckt zeigte sich der Politiker bei einer Begehung der Baustelle im November 1914. Die Lliga begann, den Architekten als „das Genie Kataloniens“ zu bezeichnen, und rief zu Spenden für den Bau der „Kathedrale aller Katalanen“ auf.

Gaudís eigenes Streiten für mehr Autonomierechte der Region blieb der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Ein Interview anlässlich des Todes von Prat de la Riba am 1. August 1917, in dem Gaudí den verstorbenen Präsidenten der Lliga Regionalista als einen Kämpfer für die katalanische Selbstbestimmung bezeichnete, der gezeigt habe, „dass Katalonien es verstand, sich selbst zu regieren – trotz ständiger Hindernisse und Druck seitens des Zentralstaates“, wurde unter dem Einfluss der Militärpolizei erst ein halbes Jahr später in der Lokalzeitung „Vila-Nova“ veröffentlicht und erlangte wenig Bekanntheit.

Politisch aktiver wurde der Architekt unter der Diktatur von General Miguel Primo de Rivera von 1923 bis 1930, die den Gebrauch der katalanischen Sprache unter Strafe stellte und katalanische Symbole – so auch Gaudís Phoenix am Palau Güell – entfernen ließ.

Gaudí schrieb 1923: „Ein Volk lässt sich nicht auslöschen: Man kann Stimmen übertönen, Ventile zudrehen, doch dann steigt der Druck und die Explosionsgefahr wächst.“ 1924 wurde der Architekt kurzzeitig inhaftiert, als er am 11. September (dem Gedenktag der Erstürmung Barcelonas 1714) eine verbotene Gedenkmesse für die Gefallenen der Belagerung besuchen wollte und sich weigerte, mit den Polizisten Spanisch zu reden.

Im Feuer des Bürgerkriegs

Gaudí war klar, dass die Kirche zu seinen Lebzeiten unvollendet bleiben würde: „Es gibt keinen Grund zu bedauern, dass ich die Kirche nicht fertigstellen kann. Was immer bewahrt werden muss, ist der Geist des Werkes“, sagte er schon 1916 nach einer Messe in der Krypta der Sagrada Família.

Bis zum Tod Gaudís am 10. Juni 1926 wurde die Geburtsfassade der Sagrada Família ausgestaltet und deren vier Aposteltürme errichtet. Er wurde im Alter von 73 Jahren von einer Straßenbahn angefahren – der Legende nach, weil er seinen Blick auf die Sagrada Família fixiert hatte. Die Beerdigung am 12. Juni wurde zu einer Demonstration katalanischen Selbstbewusstseins.

Obwohl Gaudí sich eine schlichte Beerdigung gewünscht hatte, war die Anteilnahme der Einwohner Barcelonas enorm. 30.000 Trauernde säumten die Straßen, als der Leichnam übergeführt wurde. Gaudí wurde in der alten Kathedrale in der mittelalterlichen Altstadt aufgebahrt, wo die Messe gelesen wurde – mit Predigt und Gebeten im verbotenen Katalanisch. Danach zog die Prozession weiter zur unfertigen Sagrada Família, in deren Krypta Gaudí seine letzte Ruhestätte fand.

Die Sagrada Família im Jahr 1929
Die Sagrada Família im Jahr 1929Wikimedia Commons/gemeinfrei

Mit dem Ende der Diktatur Primo de Riveras und der Ausrufung der Zweiten Republik am 14. April 1931 erlangte Katalonien neue Souveränität. Ein 1932 verabschiedetes Autonomiestatut rief die historische Ständeversammlung Generalitat als moderne Regionalregierung wieder ins Leben. Da nun jedoch die republikanische Linke die Generalitat dominierte, wandelte sich das Bild Gaudís ins Negative. Als Anhänger der bürgerlichen Lliga galt er nun als konservativer Reaktionär.

Weil der Fluss der Spenden schwand, verlangsamte sich die Fortführung des Kathedralenbaus. Der gescheiterte Staatsstreich nationalistischer Generäle gegen die linke Regierung der Spanischen Republik am 18. Juli 1936, mit dem der Bürgerkrieg begann, wurde auch für Gaudís unvollendete Kirche eine Katastrophe. In Barcelona war der Putsch schnell gescheitert, insbesondere am Widerstand bewaffneter anarchistischer Arbeitermilizen. Die Wut auf die „faschistisch-reaktionäre Machtergreifung“ brach sich in Attacken auf Gotteshäuser Bahn.

50 der 58 Kirchen Barcelonas wurden durch Brandanschläge beschädigt. Anarchistische Milizen legten Feuer in der Krypta der Sagrada Família, dem die im Todesjahr Gaudís installierte Orgel zum Opfer fiel. Schwerer wog der Brandanschlag auf Gaudís Architekturbüro, da dieser eine große Zahl von Bauplänen und Gipsmodellen zerstörte.

Die Schwierigkeiten des Franco-Regimes mit Gaudí

Der Sieg des nationalistischen Militärs unter General Francisco Franco im Bürgerkrieg – das republikanische Barcelona wurde am 26. Januar 1939 besetzt – änderte zunächst wenig an der prekären Lage der Sagrada Família. Zwar investierte der „Neue Staat“ Francos in den Wiederaufbau von zerstörten Kirchen, denn der Katholizismus war ein konstitutives Element der Staatsideologie. Doch die Sagrada Família wurde nicht berücksichtigt. Der Modernisme Gaudís galt dem Regime als dekadente Kunstform.

So bezeichnete der franquistische Kulturkritiker Eugeni d’Ors Gaudí 1944 als „Epigonen des Fin de Siècle“ und „Dichter der Anarchie“. Erst ab etwa 1945 begann die in Katalonien erscheinende und von der Staatspartei Falange herausgegebene Kulturzeitschrift „Destino“, Gaudí zu rehabilitieren. Kunstkritiker, die Gaudí zunächst im Duktus des Regimes verdammt hatten, gestanden ihm nun zu, dass sein Stil zwar „abscheulich“, doch „niemals tote Form“ sei (Josep Pla), und dass man ihn „unabhängig von unserer momentanen Stimmung“ (Joan Teixidor) betrachten müsse. Im März 1946 erschien dann eine Ausgabe von „Destino“ mit der Sagrada Família auf dem Titelblatt, die verkündete, Gaudís Genie sei „unbestreitbar.“

Da der Weiterbau aber von im Nachkriegsspanien immer noch raren Privatspenden abhängig war, ging es weiterhin mühsam voran. Zudem war der neue Baudirektor Francesc de Paula Quintana i Vidal zunächst damit beschäftigt, die im Feuer von 1936 vernichteten Baupläne Gaudís auf Basis von Fotografien und Materialien privater Archive zu rekonstruieren. 1954 wurde immerhin das Fundament für die Passionsfassade gelegt, auf die sich die Arbeit in den folgenden Jahren konzentrierte. Die vier Türme dieser westlichen Fassade wurden 1976, ein Jahr nach Francos Tod, vollendet. Dennoch blieb die Sagrada Família ein zweiteiliges Gerippe, das starke Ähnlichkeit zum Kölner Dom zur Zeit des großen Baustopps zwischen 1560 und 1842 aufwies.

Das Jahr 1964 markierte indes einen zentralen Wendepunkt in der Rehabilitierung Gaudís. Während das Franco-Regime im April jenes Jahres „25 Jahre Frieden“ seit Ende des Bürgerkrieges feierte, würdigte eine Ausstellung des Bauministeriums in Madrid mit dem Titel „Gaudí und seine Epoche“ den einst Verfemten. Zugleich widmeten sich ein Bildband des italienischen Architekten Roberto Pane und ein Dokumentarfilm der US-amerikanischen Regisseurin Ira Latour dem „von der Welt vergessenen Architekten.“

Wiederbelebung durch die Olympischen Spiele

Es war allerdings weniger Spaniens Rückkehr zur Demokratie nach fast vierzig Jahren Diktatur als vielmehr die Olympischen Spiele von Barcelona 1992, die dem Kathedralenbau einen neuen Anstoß gaben. Denn jetzt kamen Touristen in großer Zahl in die zuvor als unschön geltende Industriestadt am Mittelmeer und zahlten Eintrittsgelder. Zugleich begann der seit 1985 siebte Bauleiter der Sagrada Família, Jordi Bonet i Armengol, mit der 3D-Digitalisierung rekonstruierter Baupläne. Am 7. November 2010 konnte Papst Benedikt XVI. die Basilika für den Gottesdienst unter dem nun vollendeten Dach von Gaudís Säulenwald weihen.

Während der Pontifex Gaudí als „brillanten Architekten und praktizierenden Christen“ würdigte, unterstrich er, wie Katalonien „vor allem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine Fülle von Heiligen, Märtyrern und christlichen Dichtern hervorgebracht hat“. Unter dem aktuellen Chefarchitekten Jordi Faulí (seit 2012) nahm die Beschleunigung des Baus noch mehr an Fahrt auf. Neben steigenden Besucherzahlen (2019 wurden 4,7 Millionen erreicht) forcierte die Herstellung der Kathedralenbausteine aus Granit, Porphyr und Montjuïc-Sandstein mittels 3D-Drucker den Bauprozess erheblich. 2016 begann die Arbeit an den sechs zentralen Türmen (Jesus-, Maria- und die vier Evangelistentürme), die im Februar 2020 die Höhe der in jahrzehntelanger Arbeit hergestellten Aposteltürme überschritten.

Die Zehnerjahre waren zugleich die Hochphase der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, die zunächst zwischen 2009 und 2011 inoffizielle Befragungen auf kommunaler Ebene durchgeführt hatte. Die von der Diktatur zerschlagene und mit einem Autonomiestatut von 1979 wiederhergestellte Regionalregierung Generalitat griff die Forderungen auf.

Nachdem in einem am 1. Oktober unrechtmäßig durchgeführten Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens 90 Prozent (bei einer Beteiligung von nur 43 Prozent) für die Unabhängigkeit votiert hatten, proklamierte der Präsident der Generalitat Carles Puigdemont am 27. Oktober 2017 die Unabhängigkeit Kataloniens. Deswegen wurde er von der Zentralregierung des Amtes enthoben und floh außer Landes, während zahlreiche Mitstreiter (darunter hochrangige Politiker wie Vizepräsident Oriol Junqueras, aber auch Aktivisten wie der Vorsitzende der Asamblea Nacional Catalana, Jordi Sànchez) wegen Rebellion und Veruntreuung staatlicher Gelder angeklagt und inhaftiert wurden.

Geschichtspolitische Deutungskämpfe

In den letzten Jahren hat sich der Konflikt um die Unabhängigkeit zunehmend festgefahren. Zwar wurden nach einer zweimonatigen Unterstellung Kataloniens unter die Zentralgewalt schließlich im Dezember 2017 sowie 2021 und 2024 wieder reguläre Wahlen durchgeführt, bei denen die Parteien Stimmen verloren, die für die Unabhängigkeit eintreten. Doch betont der entmachtete Präsident der Generalitat Puigdemont nach wie vor die Unrechtmäßigkeit seiner Absetzung von 2017. Zwar wurde ein Großteil der verurteilten Unabhängigkeitsaktivisten 2021 begnadigt, doch weigert sich der konservativ besetzte spanische Oberste Gerichtshof, ein Amnestiegesetz umzusetzen, welches diesen die politische Betätigung erlauben sollte.

Angesichts dieser Situation mag es kaum erstaunen, dass auch Gaudí in seinem 100. Todesjahr, in dem mit der Weihung des höchsten Jesus-Turms durch Papst Leo XIV. am Todesdatum 10. Juni die Kathedrale in weiten Teilen abgeschlossen sein wird, geschichtspolitischen Deutungskämpfen unterliegt.

Zunehmend wird die politische Seite des katalanischen Meisterarchitekten ausgeleuchtet. So interpretiert der niederländische Kunsthistoriker Gijs van Hensbergen in seiner Gaudí-Biographie aus dem Jahr 2001, die 2026 auf Katalanisch neu aufgelegt wurde, das von seinen Zeitgenossen kontrovers diskutierte Schweigen Gaudís zum anarchistischen Arbeiteraufstand in Barcelona von 1909 als stille Askese eines vergeistigten Workaholics, der vor allem um die Zerstörung der architektonischen Bauten von Barcelona besorgt war. Tatsächlich brannten während des Aufstands 20 Kirchen und 33 Klöster nieder.

Die neueste Gaudí-Biographie des katalanischen Theologen Armand Puig (2026) betont, dass dieser sich „deutlich gegen die soziale Revolte“ stellte, auch wenn ihm die Angelegenheiten der Arbeiterklasse am Herzen lagen. In der Katalonien-Frage habe sich Gaudí in einer „patriotischen Ideologie, die Katalonien erhebt, aber das große Spanien befördert“ wohlgefühlt. Auch der Lokalhistoriker Joan Torres Domènech, der in „Der Gaudí, von dem man uns nichts erzählt hat“ (2018) unter anderem dessen Mitwirken in zahlreichen katalanischen Kulturvereinen beleuchtete, kam zu dem Urteil, Gaudí habe ein föderales Spanien und nicht die Unabhängigkeit Kataloniens im Sinn gehabt.

Eine Kirche als Nationalsymbol: eine Demonstrantin mit katalanischer Flagge während des Generalstreiks am 18. Oktober 2019 vor der Sagrada Família
Eine Kirche als Nationalsymbol: eine Demonstrantin mit katalanischer Flagge während des Generalstreiks am 18. Oktober 2019 vor der Sagrada Famíliadpa

Gaudís aktuelle politische Verortung als bürgerlich-gemäßigter Katalanist deckt sich insofern mit derjenigen der Zweiten Republik der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, allerdings unter verstärkt positiven Vorzeichen. Dazu passt, dass die Sagrada-Família-Stiftung, die den Bau seit 1895 betreibt, sich von den beiden von der heutigen Unabhängigkeitsbewegung initiierten Generalstreiks im Oktober 2017 und Oktober 2019 distanziert hat.

Andererseits meldeten sich die Köpfe der Unabhängigkeitsbewegung von 2017, namentlich Puigdemont und Junqueras, Anfang dieses Jahres zu Wort und warfen Madrid vor, Gaudí, dem zum 100. Todestag zahlreiche Sonderausstellungen in Barcelona gewidmet sind, von spanischer Seite zu vereinnahmen. Stein des Anstoßes waren Posts spanischer Politiker in sozialen Medien gewesen, die Gaudís Vornamen in der spanischen Fassung Antonio enthielten.

So bleibt Gaudí im 100. Jahr seines Todes in politischer Hinsicht weiterhin eine umstrittene Figur. Ist Gaudís Sagrada Família, die das Franco-Regime einst verfemte, mittlerweile zu einem unumstrittenen Wahrzeichen Barcelonas avanciert, so wird die Kathedrale auch bei ihrer Fertigstellung (geplant wird mit dem Jahr 2034) wohl nicht zu einem Nationalmonument der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung werden.

Denn während der katholische Philosoph Joseph Görres 1814 den unvollendeten Kölner Dom für Deutschland zum „Symbol des neuen Reiches, das wir bauen wollen“ erklärt hatte, bleibt die Sagrada Família die Stein gewordene Vision der katalanischen Natur eines asketischen Einzelgängers und ambivalenten Verfechters der Eigenständigkeit Kataloniens – des „Architekten Gottes“ (so Manuel Trens i Ribas) Antoni Gaudí.



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