Knappe Wahlniederlage für Neonazi-Partei in Sachsen
Große Schlagzeilen bekommt Aue-Bad Schlema selten. Die kleine Stadt im Erzgebirge liegt kurz vor der deutsch-tschechischen Grenze im Südosten des Landes. Die Wälder sind malerisch, der Trubel der Großstädte fern.
Die Menschen hier sind heimatverbunden und pflegen in der alten Bergbauregion ihre Traditionen: Blasmusik, Nussknacker, oder die berühmten Weihnachtspyramiden – die Erzgebirgler sind stolz auf ihre Bräuche.
Dass aber der Kandidat einer gesichert rechtsextremen Partei nur denkbar knapp bei dem Versuch scheiterte, Oberbürgermeister von Aue-Bad Schlema zu werden, hinterlässt Spuren.
“Wenn man heute durch das Stadtgebiet geht, dann sieht man ausgelassene Menschen. Aber das vermittelt ein falsches Bild von der Stadtgesellschaft“, erzählt Jürgen Freitag im Interview mit der DW am Tag nach der Wahl. Freitag ist Redakteur für die ‚Freie Presse‘, eine Regionalzeitung für das Erzgebirge. „Der Schein trügt. Ich nehme die Stimmung in der Stadt als gespalten wahr.“
Denn mit Stefan Hartung scheitert ein rechtsextremer Politiker nur knapp daran, zum Oberbürgermeister der Stadt gewählt zu werden. Der Politiker der Partei „Freie Sachsen“ bekam bei der Stichwahl am 7. Juni 2026 rund 47% der Stimmen und unterlag damit nur denkbar knapp dem Sieger, Marcus Hoffmann von den Christdemokraten, CDU, der 53 Prozent der Stimmen erhielt.
Stefan Hartung kommt aus Bad Schlema. Er ist seit vielen Jahren in der Kommunalpolitik aktiv. Früher war er in der NPD, eine Partei, die das Bundesverfassungsgericht als wesensverwandt mit dem Nationalsozialismus bezeichnete.
Er ist stellvertretender Vorsitzender der Partei Freie Sachsen. Die gilt in Deutschland als noch radikaler als die in Sachsen ebenfalls als gesichert rechtsextrem eingestuften Alternative für Deutschland. Der sächsische Verfassungsschutz sagt über sie: „Die Freien Sachsen sind eine als Partei organisierte Gruppierung von Neonationalsozialisten“.
Freie Sachsen: Hetze gegen Migranten
Besonders radikal sind ihre Kampagnen gegen Migranten in Deutschland: Sie hetzen gegen Geflüchtete und Eingewanderte, machen sie pauschal für Gewalt im Land verantwortlich und fordern Massenabschiebungen.
Nennenswerte Erfolge konnte die Partei bislang nicht erzielen. Bei den vergangenen Landtagswahlen in Sachsen erreichten sie lediglich knapp über 2 Prozent der Stimmen. Auch bei den Kommunalwahlen im Jahr 2024 blieb die Partei flächendeckend unter fünf Prozent der Stimmen.
Durch den Einzug in die Stichwahl zur Wahl des Oberbürgermeisters von Aue-Bad Schlema ist die Partei jetzt deutschlandweit im Gespräch. Sie hat viel dafür investiert.
„Es war schlimmer als bei der Bundestagswahl“, erzählt Felix Sell im Interview mit der DW. Er engagiert sich für gesellschaftlichen Zusammenhalt in Aue-Bad Schlema und arbeitet vor Ort für das Kompetenzzentrum für Gemeinwesenarbeit. „Es gab eine riesige Kampagne für Stefan Hartung“, berichtet er. Eine Kampagne, die offenbar viele Menschen beeindruckt hat. „Das hat uns erschreckt“.
Sorge um die Demokratie
Felix Sell ist einerseits erleichtert, dass mit Marcus Hoffmann ein Demokrat der CDU die Wahl gewonnen hat. Auch weil der kein „typischer Berufspolitiker“ sei. Auf ihm ruhen jetzt die Hoffnungen: „Wir müssen zusammenrücken, und jeder muss seinen Teil dazu beitragen.“
Aber auf der anderen Seite bleibt auch die Sorge um die Demokratie im Land, dass den Leuten in seiner Stadt „zunehmend egal ist wen sie wählen, auch wenn er ein Rechtsextremist ist“, sagt Sell. „Die Bürger sind wahnsinnig enttäuscht von der Politik.
Das beobachtet auch der Journalist aus Aue-Bad Schlema, Jürgen Freitag. Das Wahlergebnis sieht er auch im bundesweiten Trend: Rechtsextremisten haben in ganz Deutschland zulauf, nicht nur in Aue-Bad Schlema. „Man darf nicht alle Wähler von Hartung als Rechtsextremisten bezeichnen, aber man darf diese Wahl auch nicht verharmlosen“, warnt Freitag. Die Freien Sachsen könnten im Erzgebirge und auch in seiner Stadt auf gefestigte rechtsextreme Strukturen bauen.
Erzgebirge: Region mit rechtsextremer Tradition
Nicht nur der Nussknacker und Blasmusik haben in der Region Tradition, auch antidemokratische Strömungen und der Rechtsextremismus. Schon Anfang der 1990er Jahre gründeten sich im Erzgebirge Neonazi-Kameradschaften und ließen sich antidemokratische Reichsbürger nieder.
Auch die mörderische Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“, NSU, die bundesweit zehn Menschen ermordete, fand hier einen Nährboden und mit André Eminger einen ihrer wichtigsten Terrorhelfer. Das Motiv des NSU: Rassismus.
Das Erzgebirge ist allerdings auch von einer lebendigen Zivilgesellschaft geprägt. Allein in Aue-Bad Schlema gibt es über 300 Vereine – in einer Stadt mit rund 19.000 Einwohnern. Felix Sell vom Kompetenzzentrum der Stadt erlebt, dass die Wahl etwas verändert hat in der Stadt, dass die Vereine zusammenrücken – für Demokratie und Vielfalt. „In der Vergangenheit fehlte das Netzwerk, das hat nicht funktioniert. Aber da baut sich etwas auf.“
