200 Jahre Klosterfrau: Wie eine Nonne den Grundstein einer Weltmarke legte
Fast jeder kennt Klosterfrau „Melissengeist“, doch kaum jemand kennt die Geschichte dahinter. Zum 200. Geburtstag würdigt ein Buch das Leben der Nonne Maria Clementine Martin, die den Grundstein des Unternehmens legte.
Sie verlor ihr Kloster, ihre Heimat, ihre wirtschaftliche Absicherung – und schuf dennoch eines der bekanntesten Gesundheitsprodukte Deutschlands: Maria Clementine Martin, Ordensfrau, Unternehmerin und Erfinderin des später weltberühmten Klosterfrau „Melissengeist“. Heute gilt sie als Pionierin einer Zeit, in der Frauen kaum wirtschaftliche Selbstständigkeit zugestanden wurde.
Das neue Buch „Klosterfrau – Eine Nonne erobert die Welt“, rückt ihr Leben in den Mittelpunkt – pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum des Unternehmens Klosterfrau.
Von Brüssel über Waterloo nach Köln
Maria Clementine Martin wurde 1775 in Brüssel geboren. Ihr Leben war geprägt von politischen Umbrüchen, Vertreibung und Unsicherheit. Die Französische Revolution und die Säkularisation durch Napoleon zerstörten vielerorts klösterliche Strukturen. Auch für die Nonne Martin bedeutete dies einen radikalen Einschnitt. Sie verlor den Schutz ihrer Gemeinschaft und musste sich in einer von Männern dominierten Gesellschaft neu behaupten.
Ihre Reise soll sie bis an die Schlachtfelder von Waterloo und auch nach Münster geführt haben. Erst 1825 fand sie in Köln Zuflucht – am Fuß des Doms, im Haus eines Domvikars. Dort begann eine Geschichte, die bis heute nachwirkt.
Das Buch „Klosterfrau – Eine Nonne erobert die Welt“ von Martin Oehlen und Petra Pluwatsch, erschienen im Greven Verlag, beleuchtet das Leben von Maria Clementine Martin.
Bislang unveröffentlichte Bilder
„Eindrucksvoll ist, wie sich die Nonne neu erfunden hat, nachdem die Klöster im Zuge der Säkularisation geschlossen wurden“, sagt Journalist und Autor Martin Oehlen, der die Biografie gemeinsam mit Petra Pluwatsch geschrieben hat. „Sie stand plötzlich buchstäblich auf der Straße: ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne den Schutz der Gemeinschaft, in der sie gelebt hat. Aber Maria Clementine Martin hat sich nicht unterkriegen lassen.“
In ihrem Buch stützen sich die Autoren auf Recherchen im Klosterfrau-Firmenarchiv und in weiteren historischen Archiven. Entstanden ist ein eindrucksvoller Bildband mit mehr als 150 Abbildungen, viele davon bislang unveröffentlicht, der das Leben der Ordensfrau und Unternehmerin nachzeichnet.
Vom lokalen Heilmittel zur internationalen Marke
1826 brachte Martin ein Produkt auf den Markt, das zunächst als „Ächtes Spanisches Carmeliter-Melissenwasser“ oder „Carmelitergeist“ bezeichnet wurde – der Ursprung des heutigen Klosterfrau „Melissengeists“. Ein Naturheilmittel, entwickelt aus klostermedizinischem Wissen über Kräuter und Heilpflanzen, gedacht als „Medizin der kleinen Leute“.
Was zunächst als lokales Heilmittel begann, entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer internationalen Marke. Aus einem Kölner Heilmittelbetrieb des 19. Jahrhunderts ist eine international tätige Gesundheitsgruppe geworden: Die Klosterfrau Healthcare Group, Herstellerin des traditionsreichen Klosterfrau „Melissengeists“, zählt zu den ältesten Unternehmen der deutschen Pharmabranche. Inzwischen umfasst das Portfolio rezeptfreie Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetikprodukte, vertrieben in zahlreichen Märkten weltweit.
Nach Unternehmensangaben arbeiten rund 1.500 bis 1.700 Menschen für Klosterfrau; wichtige Produktionsstandorte liegen unter anderem in Berlin, während Köln als historischer Stammsitz erhalten blieb. Trotz Marken wie „neo-angin“ oder „nasic“ gilt der Klosterfrau „Melissengeist“ weiterhin als das prägende Symbol des Unternehmens.
Vorkämpferin mit Gespür für Vermarktung
Autorin Petra Pluwatsch beschreibt Maria Clementine Martin als Frau, die etablierte Rollenbilder praktisch infrage stellte. „Sie war eine Vorkämpferin der Emanzipation, ohne dass sie diese Vokabel je in den Mund genommen hätte“, sagt Pluwatsch. „Sie stellte die etablierte Ordnung nicht durch Worte infrage, sondern durch Taten.“ Auf ihre Art sei sie eine Heldin gewesen.
Dabei bewies die Unternehmerin offenbar auch Gespür für Vermarktung und öffentliche Wirkung. Martin führte ihr Unternehmen unter dem Namen „Klosterfrau Maria Clementine Martin“ – obwohl sie formal längst keinem Kloster mehr angehörte.
Sie erhielt zudem die Erlaubnis, das preußische Wappen auf ihren Etiketten zu verwenden – ein frühes Zeichen für Glaubwürdigkeit und Qualität. „Maria Clementine Martin verstand etwas von Werbung“, sagt Pluwatsch. Das bis heute bekannte Logo mit den drei stilisierten Nonnen entstand allerdings erst Jahrzehnte später, in den 1920er-Jahren.
Ein Festabend und ein Fenster im Dom
In diesen Tagen feiert das Unternehmen sein 200-jähriges Bestehen, unter anderem mit einem Festabend in der Kölner Flora. Dabei wird auch erstmals der „Maria Clementine Martin Award“ verliehen, der gezielt Gründerinnen auszeichnet, die gesellschaftliche und gesundheitliche Innovationen voranbringen.
Die Unternehmenskultur sei bis heute stark von der Gründerin geprägt, sagt Unternehmenssprecherin Laura Kiefer. „Ein Teil dieser Erfolgsgeschichte führt darauf zurück, dass die Klosterfrau Group ihre Tradition bewahrt und gleichzeitig auf Innovationen setzt“, so Kiefer. „Dies ist nicht zuletzt der hohen Identifikation mit unserer Gründerin, Maria Clementine Martin, zuzuschreiben.“
Wie eng die Verbindung zwischen Marke und Stadt bis heute ist, zeigt sich inzwischen auch im Kölner Dom. Dort wurde jüngst ein Domfenster mit der Klosterfrau gesegnet.

