Zweitligist Paderborn gewinnt die Relegation und stürzt Wolfsburg in die zweite Liga – Sport
„Hermann Löns, die Heide-Heide brennt!“ Das singen die Fußballfans vom SC Paderborn in den Momenten ihres größten Glücks. Den ostwestfälischen Gassenhauer zu Ehren des sogenannten Heidedichters haben sie auch am Montagabend geschmettert. Vielleicht so inbrünstig wie noch nie.
Durch einen nahezu durchgängig in Überzahl errungenen 2:1 (1:1, 1:1)-Sieg nach Verlängerung im Relegations-Rückspiel gegen den früh in der 14. Minute durch einen Platzverweis für Joakim Maehle geschwächten Bundesligisten VfL Wolfsburg ist der Zweitligist SC Paderborn zum dritten Mal nach 2014 und 2019 in die Bundesliga aufgestiegen. Erst zum vierten Mal seit der Wiedereinführung 2009 setzte sich in der Bundesliga-Relegation damit ein Zweitligist durch. Bei Hermann Löns brennt die Heide, in Paderborn brennt die Luft – und in Wolfsburg jetzt der Baum.
„Ich möchte mich einfach bei allen bedanken. Es ist einfach geil“, sagte Trainer Ralf Kettemann beim Sender Sat.1: „Es ist ein bisschen surreal und ich werde eine Nacht brauchen, um das zu realisieren. Man kann es nicht in Worte fassen.“
Die Fußballer aus der Autostadt verpassen ihre 30. Bundesliga-Saison nacheinander. 29 Jahre nach dem Aufstieg unter dem Trainer Willi Reimann durch einen 5:4-Sieg gegen Mainz am 11. Juni 1997 durch Tore von Roy Präger (2), Detlef Dammeier (2) und Sven Radtke ist die Fußball-GmbH des Volkswagen-Konzerns in Paderborn unter dem Trainer Dieter Hecking in die zweite Liga abgestiegen.
Damit geht in der 130 000-Einwohner-Stadt Wolfsburg eine Fußball-Ära mit vielen Höhepunkten zu Ende. 2009 war der VfL unter dem Trainer Felix Magath Meister geworden, 2015 unter dem Trainer Hecking Zweiter und Pokalsieger. Dreimal qualifizierte sich Wolfsburg für die Champions League, zuletzt 2021 unter dem Trainer Oliver Glasner. In jenem Herbst spielte dieser Klub Champions League gegen Sevilla, Lille und Salzburg. In der kommenden Saison spielt er zweite Liga gegen Cottbus, Kiel und Osnabrück. Nach Hannover, Braunschweig und Magdeburg wird es kurze Anreisen geben.

Dass dieses abendliche Relegations-Rückspiel in Paderborn überhaupt stattfinden durfte, verdankte der Sportclub einer behördlichen Ausnahmegenehmigung. Anwohner hatten einst eine Lärmschutzauflage erwirkt, nach der es rund um die Arena ab 22 Uhr still sein muss. Als besonderes Spiel gab es für die Relegationspartie am Montagabend aber die Erlaubnis, ausnahmsweise länger als bis 22 Uhr dauern zu dürfen. Sogar viel länger.
Bei beiden Klubs kehrte jeweils ein relevanter Mittelfeldspieler in die Mannschaft zurück, der beim 0:0 im Hinspiel gelbgesperrt gefehlt hatte: beim SC Paderborn Mika Baur und beim VfL Wolfsburg Vinicius Souza. Baur gewann dieses Duell nicht nur nach Noten deutlich.
Paderborn führt zwischenzeitlich in der Torschussstatistik mit 34:2
Doch beide Spieler waren nicht involviert, als Wolfsburg in der dritten Minute mit 1:0 in Führung ging. Nach einem Konter schob Dzenan Pejcinovic eine Hereingabe von Adam Daghim ins Tor. Der Bundesligist schien sich seinen Weg zu bahnen. Aber der Zweitligist machte sich mit wütendem Elan sofort an die Aufholjagd und profitierte wegweisend von zwei fatalen Fahrlässigkeiten des eigentlich erfahrenen Wolfsburgers Maehle. Der Däne musste nach zwei gelben Karten in der 11. (Rangelei) und 14. Minute (Foul mit Sohle auf Höhe des Knies) mit Gelb-Rot vom Feld und ließ seine Mannschaft früh in Unterzahl zurück. Nun riss Paderborn das Geschehen an sich.
Es war ein hitziges Spiel. Der Schiedsrichter Felix Zwayer zeigte schon in der ersten halben Stunde fünf gelbe Karten. Mit 67 Prozent Ballbesitz und 8:1 Ecken in der ersten Halbzeit erzwangen die Paderborner den verdienten Ausgleich: Filip Bilbija traf in der 38. Minute per Kopf zum 1:1-Pausenstand.

Die Wolfsburger waren spürbar angeknockt, parkten weiter den Bus vor dem eigenen Tor und hatten Glück, dass die Paderborner allerbeste Chance vergaben. Sebastian Klaas (61.) und Sven Michel (90+2.) trafen nur den Pfosten. Die heimischen Zuschauer rauften sich entsetzt die Haare. Es ging in die Verlängerung.
Bis zur 100. Minute strapazierten die Paderborner die Nerven ihrer Fans, zwischenzeitlich führten sie in der Torschussstatistik mit 34:2. Dann erlöste Laurin Curda die Ostwestfalen mit dem Treffer zum 2:1 per Volleyschuss. Wolfsburgs Reaktion fiel zu harmlos aus, ein Tor gelang den Gästen nicht mehr.
Nach André Breitenreiter (2014) und Steffen Baumgart (2019) ist der zu Saisonbeginn aus der A-Jugend des Karlsruher SC gekommene Ralf Kettemann der dritte Paderborner Trainer, der die 157 000-Einwohner-Stadt auf die größte Bühne des Deutschen Fußballs hievt. Am Dienstag wird am Rathaus gefeiert.
