Zum Tod des Berliner Malers Pavel Feinstein
Er war ein Meister der kleinen Dinge. Was immer Pavel Feinstein in seinem Wilmersdorfer Atelier zum Modell erklärte – eine Handvoll Himbeeren, eine halb geschälte Zitrone samt Silberlöffel oder einen in Stoff gewickelten Fisch – bekommt in seinen Bildern den großen Auftritt.
Da erinnert das Werk des Berliner Malers, der in der Nacht auf den 17. Mai nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 65 Jahren verstorben ist, an dessen historische Vorbilder. Die Stillleben barocker Meister, auf denen sich die mit Blumen, Kristall oder Speisen überladenen Tische geradezu biegen. Aber auch die reduzierten Darstellungen des französischen Avantgarde-Künstlers Paul Cézanne, dessen Arrangements aus Birnen und Äpfeln aus dem späten 19. Jahrhundert ganz modern konstruiert wirken.
Student an der Universität der Künste

© Pavel Feinstein, „Silberbecher mit Quitte“, 2023 © VG Bild-Kunst, 2026, Foto: Galerie Friedmann-Hahn
Pavel Feinstein, 1960 in Moskau geboren und zwei Jahrzehnte später mit seiner Familie nach Deutschland emigriert, überführte diese Motive in die unmittelbare Gegenwart. Die erste malerische Ausbildung erhielt er an der Kunstschule im tadschikischen Duschanbe, in Berlin studierte er bis 1985 an der Universität der Künste bei Gerhart Bergmann, dessen zeichnerisches Werk ebenfalls unbelebte Kompositionen umfasst.
Ein großartiger Maler und Freund ist von uns gegangen.
Klaus Kiefer, Galerist
Die Transformation der geliebten Kategorie des Stilllebens ins Hier und Jetzt gelang Feinstein mit einem feinen Instrumentarium. Eine gekonnte Reduzierung der Gegenstände, die dabei stets figurativ und erzählerisch blieben; eine leichte Verschiebung der Perspektive oder irritierende Interventionen, wenn etwa der Künstler einen toten Fisch wie den vom Kreuz genommenen Erlöser auf mittelalterlichen Werken bandagiert.
All das lässt die häufig kleinformatigen Gemälde, die Pavel Feinstein in den vergangenen Jahrzehnten mit traditionellen Mitteln wie Öl, Gouache oder Eitempera schuf, das Schöne, Fragile und Versehrte feiern.
Ankauf durch das Jüdische Museum
Von der Intensität seiner Arbeit konnte man sich 2002 in großem Rahmen überzeugen. Damals widmete ihm das Jüdische Museum Berlin die bis dahin umfangreichste Ausstellung mit fast 70 Werken. Auch hier lag der Fokus auf jenem vertrauten malerischen Inventar, das der Künstler jüdischen Glaubens stets unterlaufen und neu gedeutet hat.

© Pavel Feinstein, „Komposition mit Fischen auf Staffelei“, 2019 © VG Bild-Kunst, 2026, Foto: Galerie Friedmann-Hahn
„Feinsteins Figuren, die mit der Erinnerung an stereotype Judenbilder spielen“, hieß es in der Einführung, „bevölkern eine zwischen Witz und Grauen oszillierende Welt.“ Eines davon, „Jacob und Leha“ aus dem Jahr 1996, kaufte das Museum mit finanziellen Mitteln der Kulturstiftung der Deutschen Bank an.
Licht neben Dunkelheit
2010 versammelte das Osthaus Museum in Hagen das Doppelte an Gemälden. In der Wochenzeitung „Zeit“ erschien eine Würdigung des Kunstkritikers Manfred Schwarz. Und auch wenn Pavel Feinstein wenig davon hielt, seine eigenen Bilder zu interpretieren oder überhaupt mit Titeln zu versehen, muss ihm die Charakterisierung gefallen haben. „Streift man durch die Ausstellung in Hagen, wird man die Altmeisterlichkeit Feinsteins zweifellos als Glücksfall begreifen“, steht dort. „Seine schwindelerregenden Bildwelten nehmen uns gefangen, nicht nur, weil sie beklemmen.“ Doch das tun sie eben auch.
Dieses Oszillieren zwischen dem Licht und der Dunkelheit zeigt sich in einer jüngst eröffneten Ausstellung der Galerie Classico in Steglitz (Schützenstr. 52), die Feinsteins zeichnerisches Arbeiten ausbreitet. „Kein Tag ohne Linie“ fängt die täglichen skizzierenden Übungen des passionierten Künstlers ein, die Arbeiten bleiben dort bis weit in den Juni hängen.
In der Galerie Friedmann-Hahn, die Pavel Feinstein schon seit 16 Jahren verbunden ist und ihn vertritt, hat man ein Kabinett mit seinen Bildern eingerichtet. Und die Galerie KK aus Essen verabschiedet sich von ihrem Künstler auf der Website mit den Worten: „Ein großartiger Maler und Freund ist von uns gegangen. Möge sein Andenken ein Segen sein!“
