Wo und warum in Europa US-Soldaten stationiert sind


Von den Azoren bis Rumänien, von Nordnorwegen bis Sizilien: In vielen Ecken Europas sind amerikanische Militärangehörige präsent. Ein komplexes Geflecht, das jedoch in Donald Trumps zweiter Amtszeit als US-Präsident immer wieder abrupt verändert wird. Wenige Tage nach dem Stopp einer Rotation von 4000 Soldaten nach Polen hat Trump nun verkündet, 5000 zusätzliche Soldaten zu entsenden, weil er ein gutes Verhältnis zu Polens rechtsnationalem Präsident Karol Nawrocki pflege.

Ein Überblick über die grundsätzliche Bedeutung der US-Truppen in Europa, die nicht zuletzt auch längerfristigen strategischen Zielen der Vereinigten Staaten dienen sollen.

Warum sind überhaupt so viele US-Truppen in Europa stationiert?

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 zerfiel das Zweckbündnis der Alliierten, die Nazi-Deutschland besiegt hatten, in zwei Blöcke: die West-Alliierten unter Führung der USA sowie die Sowjetunion mit ihren Verbündeten. Nicht zuletzt um sich im beginnenden Kalten Krieg zu organisieren, gründeten die einstigen West-Alliierten 1949 die NATO.

Ein Schwarzweißfoto zeigt aufgereihte Militärfahrzeuge und Transportkisten, die entlang einer von Bäumen gesäumten Straße aufgereiht sind
Abschreckung und Machtprojektion zugleich: Das Archivfoto zeigt Vorbereitungen für das Lufttransportmanöver „Big Lift“, mit dem 1963 binnen 72 Stunden eine ganze Division mit knapp 16.000 Soldaten aus den USA nach Deutschland verlegt wurdeBild: Roland Witschel/picture alliance

Die USA, als größte Militärmacht des Verteidigungsbündnisses, erachteten von Anfang an eine dauerhafte Truppenpräsenz in Europa als wichtige Abschreckung gegen den sowjetisch geführten Warschauer Pakt. Gestützt auf die sicherheitspolitischen Doktrinen der Präsidenten Harry Truman und Dwight D. Eisenhower wurden zahlreiche Stützpunkte eingerichtet. In Spitzenzeiten, Ende der 1950er-Jahre, waren bis zu 475.000 US-Militärangehörige in Europa stationiert. Die rechtliche Basis dafür schufen NATO-eigene Regeln sowie bilaterale Verträge mit den jeweiligen Gastgeberländern. Ab 1991, nach dem Zerfall der Sowjetunion, wurden die Kontingente nach und nach auf einige Zehntausend reduziert.

Dieser Trend kehrte sich ab 2014 wieder leicht um, weil sich nach Russlands Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim auch das Bedürfnis nach militärischer Abschreckung in Europa wieder erhöhte.

In welchen europäischen Ländern ist das US-Militär besonders präsent?

Der große Schwerpunkt des US-Militärs ist Deutschland; dort waren zum Jahreswechsel laut US-Verteidigungsministerium noch mehr als 36.400 aktive Militärangehörige stationiert. Ein regionaler Schwerpunkt ist der Südwesten: In Stuttgart befinden sich die Steuerungszentralen für Einsätze in Europa und Afrika, EUCOM und AFRICOM. In der Pfalz liegen mit dem Hauptquartier der US Airforce für Europa und Afrika (USAFE-AFAFRICA) in Ramstein das unverzichtbare Drehkreuz für Einsätze bis in den Nahen und Mittleren Osten hinein sowie in Landstuhl das größte US-Militärkrankenhaus außerhalb der USA. Außerdem gilt als sicher, dass auf dem nahe gelegenen Fliegerhorst Büchel der deutschen Luftwaffe amerikanische Atomwaffen lagern, die im Ernstfall nach dem NATO-Prinzip der nuklearen Teilhabe von europäischen Piloten eingesetzt werden können.

Auf den Plätzen 2 und 3 folgen Italien mit zum Jahreswechsel 2025/2026 knapp 12.700 und Großbritannien mit rund 10.200 stationierten US-Soldaten. Im Vereinigten Königreich befinden sich für die NATO-Airpower entscheidende Luftwaffenbasen, von denen die USA unter anderem Kampfjets, strategische Bomber und Spezialflugzeuge zur Luftbetankung aufsteigen lassen können. In Italien sind in geringerer Zahl ebenfalls Kampfjets stationiert; außerdem halten die USA dort eine Luftlandebrigade vor, die bei Bedarf als schnelle Eingreiftruppe in Europa oder Afrika eingesetzt werden könnte. In Neapel befindet sich zudem das Hauptquartier der für Europa und Afrika zuständigen Marineabteilung (NAVEUR-NAVAF).

Bei den Stationierungen nicht eingerechnet sind die Einheiten, die nach der Krim-Annexion auf NATO-Basen besonders im Osten des Bündnisgebiets im Rahmen von Rotationen immer wieder stationiert und abgezogen werden.

Warum sind die amerikanischen Soldaten weiter in Europa?

Die USA nutzen ihre Basen in Europa aktiv für ihre weltweite Präsenz ihrer Streitkräfte: So waren die Stützpunkte etwa in Deutschland und Großbritannien essenziell für die Luftschläge im derzeit pausierten Iran-Krieg ab Ende Februar. Allerdings schränkten mehrere Bündnispartner derartige Operationen auf ihrem Staatsgebiet ein: Italien verweigerte Landerechte für Bomber und Transporter auf der US-Logistikbasis Sigonella in Sizilien; Spanien untersagte nicht nur die Nutzung der dortigen Basen, sondern sogar Flüge durch den nationalen Luftraum. Donald Trump reagierte, indem er Truppenabzüge aus beiden Ländern androhte.

Eine Transportmaschine C-17 Globemaster startet von der US-Airbase Ramstein, auf dem Rollfeld stehen weitere Maschinen
Zentrales Drehkreuz Ramstein: Transportflugzeuge vom Typ C-17 Globemaster gewährleisten heute die schnelle Verlegung auch von schwerem MaterialBild: Boris Roessler/dpa/picture alliance

Die Bedeutung Europas erklärt sich also teilweise schlicht durch die erforderliche Logistik: Wenn Einheiten in eine Nachbarregion wie den Nahen Osten gebracht werden sollen, dann wäre die Vorlaufzeit erheblich größer, wenn sie jedes Mal in den USA starten würden. Außerdem sind die Reichweiten für Direktflüge begrenzt. Das gilt auch für Kommunikations-Infrastruktur: So betreibt die US-Armee im deutschen Ramstein eine Relaisstation für Drohnen-Signale, weshalb auch schon deutsche Gerichte sich mit der Frage befasst haben, inwieweit die Bundesrepublik gegen völkerrechtswidrige Drohnenangriffe einschreiten müsste.

Eine ganz konkrete Rolle im Räderwerk der NATO-Abschreckung gegenüber Russland spielen die regelmäßig rotierenden Einheiten an der Ostflanke des Bündnisses: Die USA sind Führungsnation der multinationalen Battlegroup in Polen. 2016 beschloss die NATO die Einrichtung von zunächst vier solcher Battlegroups, um im Falle eines russischen Angriffs Zeit zu gewinnen. Statt dauerhafter Stationierung wechselt das Personal alle sechs Monate durch. Zunächst waren sie relativ klein dimensioniert, um den rein defensiven Charakter zu unterstreichen. Zur weiteren Verstärkung wurden im Rahmen der Operation Atlantic Resolve der NATO weitere Luft-, Land- und Seestreitkräfte der USA nach Deutschland und Polen verlegt.

Was sind aktuell die größten offenen Fragen zur US-Truppenstärke?

Eine Verlegung im Rahmen dieser Operation Atlantic Resolve stand seit Mitte Mai im Fokus: Buchstäblich in letzter Minute stoppte das Pentagon eine Rotation von rund 4000 Soldaten nach Polen – nachdem bereits Fahrzeuge verschifft worden waren und die Brigade bereits zum Abschiedsappell angetreten war. US-Medien berichteten über Budgetschwierigkeiten im Pentagon; allerdings wurde auch der Zusammenhang zu den immer wieder von US-Präsident Donald Trump angedrohten Truppen-Reduzierungen hergestellt.

Zwei gepanzerte Fahrzeuge, eins mit der polnischen, eins mit US-Flagge, dazwischen besprechen sich drei Soldaten
Gemeinsame Abschreckung: Bei Orzysz in Ostpolen ist die von den USA geleitete NATO-Battlegroup stationiertBild: KACPER PEMPEL/REUTERS

Doch nun vollzog Trump eine abermalige Kehrtwende und stellte die Entsendung von 5000 zusätzlichen Soldaten nach Polen in Aussicht. Ob damit nun doch die Rotation stattfindet, Truppen aus Deutschland verlegt werden oder völlig andere Kontingente mobilisiert werden, ließ Trump offen.

Denn wenige Wochen zuvor hatte der US-Präsident nach einem öffentlichen Streit mit Bundeskanzler Friedrich Merz angekündigt, 5000 Soldaten dauerhaft aus Deutschland abzuziehen. Zwar bezweifeln manche Beobachter, ob dies auch so in die Tat umgesetzt wird. Allerdings haben die USA zuletzt wiederholt klargestellt, dass eine Verabredung der beiden Amtsvorgänger, Joe Biden und Olaf Scholz, nicht mehr gelte: Die für 2026 in Aussicht gestellte Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland als Abschreckung gegenüber Moskau solle nicht erfolgen.



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