WM-Auftakt für Iran: Zwischen „La Ola“ und „Desaster“ – Sport
Eine erste Antwort in der Partie zwischen Iran und Neuseeland erfolgte nach nur sieben Minuten: Elijah Just traf für Neuseeland, Neuseelands Anhänger jubelten – und noch ein paar andere Zuschauer. Nicht laut, nicht tanzend, dafür mit ausgebreiteten Flaggen: grün-weiß-rot mit Sonne und Löwe darauf – die Flagge Irans aus der Zeit vor der Islamischen Revolution, die auch als Symbol der Opposition angesehen wird.
Stille Freude und Flagge zeigen beim Treffer des Gegners: So protestierten manche Iraner im Stadion von Los Angeles also gegen das Regime in Iran, das in den nächsten Tagen ein Abkommen mit dem Kriegsgegner USA unterzeichnen will, dem Co-Gastgeber dieser Fußball-WM. Ein Regime, das für manche Iraner auch von jenen elf Spielern vertreten wird, die am Montag in Los Angeles über ein Fußballfeld rannten.
Die nächste Antwort auf die große Eingangsfrage gab es dann in Spielminute 32, als Iran der zwischenzeitliche Ausgleich durch Ramin Rezaeian gelang. Die Lautstärke im Stadion war enorm – kaum geringer als beim Jubel der US-Fans beim ersten Treffer ihrer Nationalelf am vergangenen Freitag. Und es waren in etwa so viele Zuschauer in iranischen Landesfarben zu sehen wie US-Fans am Freitag im Duell gegen Paraguay. Da haben dann also doch ein paar jener Menschen gebrüllt, die Irans Mannschaft eigentlich kein Tor wünschen bei diesem WM-Turnier. „Was für eine Freude!“, sagte Torschütze Rezaeian später über den Treffer und die Reaktion im Stadion.
Und dann, fünf Minuten später, traute man seinen Augen und Ohren nicht: La-Ola in Los Angeles beim WM-Spiel Irans, zwei Minuten lang. Die Stadionwelle ging durch die Arena, alle machten mit.
„Match 15“ dieses World Cups, das zweite in Los Angeles, war jenes von Emotionen und Politik aufgeladene Spiel, das viele zuvor erwartet hatten. Angepfiffen 72 Stunden, nachdem Irans Kriegsgegner USA sein Turnier im selben Stadion eröffnet hatte. 24 Stunden nachdem US-Präsident Trump ein mögliches Friedensabkommen verkündet hatte. Laut dem Weltverband Fifa ist eine WM ja ein reines Sportereignis, komplett getrennt von der politischen Weltlage oder Innenpolitik eines Gastgeberlandes. Dass die Wahrheit eine ganz andere, kompliziertere ist, zeigte sich in diesem „Match 15“ eindrücklich – auch und vor allem danach, als Irans Spieler und Betreuer von „Desaster“ und Unterdrückung sprachen. Und als der Fifa-Präsident einen Kurzauftritt hatte.
Was einem bei der Trainingseinheit der Iraner am Tag zuvor im Stadion von LA Galaxy noch einmal bewusst geworden war: Bei vielen Zuschauern ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen, ob sie Fans sind oder Irans Spieler und deren Anhängerschaft für Terroristen halten. Das hatten viele jedenfalls so gerufen am Tag vor der Partie beim Training, zu Akteuren und Fans. Die Exil-Iraner machen 80 Prozent von circa zwei Millionen iranisch-stämmigen Menschen in Süd-Kalifornien aus, und sie waren auch im Stadion am Montag in der Überzahl. Tausende hatten Tickets gekauft und waren, in Landesfarben Irans gekleidet, zum Spiel gekommen. Jedoch nicht, um die iranische Elf zu unterstützen – oder etwa doch?

Zunächst hielten viele die Flagge Irans mit Löwe und Sonne in die Kameras. Diese hatte die Fifa vor dem Spiel als politische Botschaft klassifiziert und damit verboten, der Oberste Gerichtshof des Bezirks Los Angeles hatte eine Klage dagegen wenige Stunden vor der Partie abgewiesen. Beim Einmarsch der Spieler zählte man trotzdem Tausende dieser Fahnen, immer wieder waren Ordner dabei zu sehen, diese aus dem Blickfeld zu nehmen.
Was keine Ordner und keine Stadionregie verhindern konnten: die Pfiffe und Buhrufe, als Irans Hymne abgespielt wurde, zwischen Eminem („Lose Yourself“) und Katy Perry, allesamt Symbole der amerikanischen Lebenskultur. Die Zuschauer buhten die Hymne nur ein ganz klein wenig leiser aus, als die Amerikaner drei Tage zuvor im selben Stadion ihre Hymne gesungen hatten. Torschütze Rezaeian wollte später nichts dazu sagen: „Ich will nur über Fußball reden. Alles andere geht euch nichts an, das ist unsere Angelegenheit. Wenn es etwas zu sagen gibt, werden wir das tun, keine Sorge.“
Die Stimmung bei Spielbeginn war dann diese: Zuschauer mit der offiziellen Iran-Flagge feuerten ihr Team bei jeder Aktion an. Man hatte drei von ihnen getroffen am Tag davor beim Training von Irans Auswahl: zwei Frauen und einen 13-Jährigen. Alle beseelt davon, den WM-Teilnehmern so nahezukommen wie möglich und sie bei einer WM-Partie anfeuern zu dürfen. Frage: Ob ein spektakulärer Sieg, ein fröhlicher, begeisternder Auftritt die Leute mit der einen und die mit der anderen Flagge vereinen könnte? Klare Antwort aller drei: „Nein, auf gar keinen Fall.“
Deshalb war eben die Frage: Was würde passieren, wenn ein Tor fällt?
Es passierte zunächst einmal, man kann es nicht anders sagen, ein Fußballspiel. Es fielen zwei Tore, und alle Zuschauer, so hatte es den Anschein, schickten die Freudenwelle durchs Stadion. Dann wurden die Neuseeländer von herrlich eskalierenden Fans zum 2:1-Führungstreffer gebrüllt, in der 54. Spielminute traf Just zum zweiten Mal. Die Leute in Rot-Weiß-Grün trieben daraufhin die Spieler in weißen Leibchen und roten Nummern zum Ausgleich, Mohammad Mohebi erzielte nach 63 Minuten den 2:2-Endstand. Die sportliche Erkenntnis: Irans Auswahl spielte munter nach vorn und war jederzeit brandgefährlich. Das waren sie allerdings auch in der Defensive, gefährlich für ihr eigenes Wohl.
Statt wie geplant in Los Angeles zu übernachten, wurde das Team offenbar zur sofortigen Ausreise aufgefordert
Ein ganz normales Fußballspiel, ein packendes Unentschieden nach all den Debatten der vergangenen Tage und Wochen, das war offenbar auch die Botschaft, die der Torschütze Rezaeian später in die Welt tragen wollte: „Die Welt hat uns gesehen“, sagt er: „Ich glaube, dass wir drei Punkte verdient gehabt hätten. Aber wir nehmen den Punkt – und wollen jetzt mehr.“
Tatsächlich hatte es keine Ausschreitungen vor dem Spiel gegeben und keine Skandale danach. Aber eben auch: Berichte über Plakate mit der Aufschrift „Minab168“, die eine kleine Gruppe gezeigt haben soll, ehe Ordner eingriffen. Bei einem Angriff von US-Streitkräften in Minab am Persischen Golf waren Ende Februar laut iranischen Medienberichten mindestens 168 Schülerinnen zwischen sieben und zwölf Jahren ums Leben gekommen. Ein anderes Plakat verwies offenbar darauf, wie das Regime in Teheran zum Jahreswechsel die Proteste mit Tausenden Opfern grausam niedergeschlagen hatte.
Und dann war da eben auch der Auftritt von Kapitän Mehdi Taremi und Trainer Amir Ghalenoei vor der Weltpresse, nach dem Fußballspiel. „Das ist alles ein Desaster für uns“, sagte Taremi. Was er meinte: Das Team, dessen WM-Teilnahme seit Monaten infrage gestanden war, hatte erst kurzfristig am Tag vor dem Spiel aus dem Quartier in Tijuana in Mexiko nach Los Angeles anreisen dürfen. Am Montag wurde die Mannschaft dann offenbar zur sofortigen Ausreise aufgefordert, statt – wie geplant – ein Regenerationstraining am Dienstag in Los Angeles zu absolvieren. Auch hätten viele Begleiter kein Visum für die USA erhalten, „diese Leute sind wichtig für uns“, sagte Taremi. Er berichtete auch von einem Kabinenbesuch von Fifa-Präsident Gianni Infantino, der seine Hilfe versprochen habe.
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„Es ist eine schlimme Situation“, sagte Taremi, „wir sind einfach müde.“ Später, beim Abflug von Los Angeles, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur (Irna) von nicht genauer beschriebenen „Schwierigkeiten“, die Taremi und ein Mitarbeiter gehabt hätten. Sein Trainer Ghalenoei hatte schon zuvor befunden: „Wir sind das am meisten unterdrückte Team im Turnier.“
Dabei hat sein Team in diesem Turnier weiter gute Chancen, nach dem Unentschieden zwischen Belgien und Ägypten liegen alle Mannschaften in der Gruppe G gleichauf. Und was die Unterstützung auf den Rängen betrifft, die Zuschauer mit den aktuellen Flaggen Irans und jenen der Opposition – da ließe sich eine Erkenntnis vom Montag auch so bündeln: Die Hymne (und die Buhrufe dagegen) stehen für das Regime in Teheran. Die Mannschaft aber bereitete mit ihren Toren auch manchen Menschen Freude, die das Regime verabscheuen – und die sich zuvor noch heimlich für den Gegner gefreut hatten.
Mit Material von den Agenturen dpa und sid.
