Idol Mozart – Die Suche nach Schönheit in Krisenzeiten


Wenn die Welt aus den Fugen gerät, suchen Menschen nach Halt. „Gerade jetzt, wo die Welt von Krisen geprägt ist und derart bedroht wird durch Kriege, entsteht eine neue Sehnsucht nach etwas, das die Menschen verbindet“, sagt Evelyn Meining, Intendantin des Mozartfests Würzburg.

Wolfgang Amadeus Mozarts Genie und die Schönheit seiner Musik wurden in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder in Krisenzeiten beschworen, auch in der Gegenwart. „Er ist als Komponist eine Symbolfigur, gerade wenn die Zeiten als überreizt und polarisierend empfunden werden“, sagt Meining im Gespräch mit der DW. „Idol Mozart – beschworene Schönheit“ lautet deshalb in diesem Jahr das Motto des größten Mozartfestivals in Deutschland.

Mozart als Idol der Moderne

Wie gewaltig und ergreifend Mozarts Musik wirkt, zeigte sich bei der Eröffnung des Festivals mit dem Mozarteumorchester Salzburg. Die Salzburger spielten Mozarts vorletzte Sinfonie in g-Moll. Dazu erklangen auch Werke der Moderne von Maurice Ravel und Sergej Prokofjew, die Mozart verehrt haben.

Ochester im Hintergrund vor der prunkvoll gestalteten Fensterwand des Kaisersaals
Mozarts Sinfonie in g-Moll erfüllte den Kaisersaal in der Würzburger ResidenzBild: Dita Vollmond

Ravel bewunderte Mozart als „Idol einer untergegangenen Zeit“. „Er teilte mit Mozart die Auffassung, dass Musik bezaubern müsse“, sagt Evelyn Meining. Mit dem Werk „Le Tombeau de Couperin“ bezieht sich Ravel auf den Barockkomponisten François Couperin. „Es ist eine musikalische Schönheit, die sich durch Klarheit, Eleganz und melodische Linearität auszeichnet, wie bei Mozart“, erläutert Meining. Das Werk hat Ravel zwischen 1914 und 1917 während des Ersten Weltkriegs komponiert und den Freunden gewidmet, die im Krieg gefallen waren.

Auch Sergej Prokofjew verehrte Mozarts klassische Sinfonien und ihre Eleganz. Sein zweites Violinkonzert schrieb er Mitte der 1930er-Jahre. Aus dem Exil zurückgekehrt, fand er in Russland unter Stalin ein Regime vor, das Massenverhaftungen und Gräueltaten an Menschen verübte. Prokofjew propagierte ein Ideal der „neuen Einfachheit“ und komponierte anders als avantgardistische Kollegen wieder melodisch. Der gelungene Beweis ist sein Violinkonzert, bei dem die chinesische Geigerin Tianwa Yang als Solistin vom zarten Beginn bis zum stürmischen Schluss mit einer Schönheit durch die Kraft ihres Ausdrucks imponierte. Sie wurde mit frenetischem Applaus gefeiert.

Mozart als Held der Krise

Was heute als schön und leicht in Bezug auf Mozarts Musik empfunden wird, ist tief durchdacht und oft schwer zu spielen. „In seiner Zeit hat Mozarts Musik die Menschen immer wieder irritiert oder sogar provoziert und überfordert“, sagt Evelyn Meining, so etwa mit zunehmend dissonanten Klängen und seiner musikalischen Komplexität.

Mozart tippt stehend mit einem Finger auf die Tasten eines Flügels und blicht in ein Notenbuch, das auf dem Flügel vor ihm liegt
Mozart beim Komponieren, gezeichnet 1880 nach den Idealvorstellungen des 19. Jahrhunderts von J.BuecheBild: akg-images/picture alliance

Nach Mozarts Tod (1791) hat ihn seine Frau Constanze zum Genie stilisiert. „Man hat ihn als nationalen Geist gebraucht, um sich in dieser Spaltung der Nationen auf etwas zu verständigen zu können.“ Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Europa durch den Zusammenbruch des alten feudalen Systems durch die napoleonischen Kriege geprägt. Die Bürger wollten Freiheit und nationale Einheit, während Fürsten die absolutistische Herrschaft wiederherstellen wollten.

Im 20. Jahrhundert wurde Mozart nach dem Zusammenbruch des alten Europas durch die Weltkriege zur Sehnsuchtsfigur. „Da haben viele Künstler und Intellektuelle nach etwas gesucht, was Maß und Ordnung und Menschlichkeit verkörperte und ihnen Halt gab in Zeiten des Zusammenbruchs und des Schreckens.“ Er habe Licht in die dunklen Zeiten gebracht, sagt Meining.

Nahaufnahme von Tianwa Yang wie sie Geige spielt
Die chinesische Geigerin Tianwa Yang ist Professorin an der Hochschule für Musik WürzburgBild: Dita Vollmond

Mozart bewundern, aber nicht vor Ehrfurcht erstarren

Die Sologeigerin Tianwa Yang sieht Mozart mit seiner Musik auch heute noch als Idol. „Für uns als Musiker ist er jemand, der nicht von dieser Welt ist. Jemand aus einem anderen Universum“. Dennoch müsse man vor so einem Idol keine ängstliche Ehrfurcht haben. „Wenn man die Musik hört und mag, fühlt man sich dem Komponisten nahe und denkt, man verstehe ihn, was aber vielleicht nicht stimmt. Es gibt aber eine bestimmte Verbindung mit ihm beim Spielen der Musik und das zählt.“

Tianwa Yang ist in diesem Jahr „Artiste Etoile“, also Fokuskünstlerin des Mozartfests. Sie beschäftigt sich nicht nur mit den Klassikern, sondern vor allen Dingen mit Musik der Gegenwart. Speziell für sie hat der bekannte Komponist und Klarinettist Jörg Widmann die Etüde Nummer 7 für Violine solo, die „Jupiteretüde“, komponiert. Auch er setzt sich immer wieder mit den Klassikern auseinander, hier mit Mozarts Jupitersinfonie, die wie die g-Moll-Sinfonie zu Mozarts bekanntesten Werken zählt. Das Werk erklingt erstmals am 26. Juni in Würzburg.

Muschel zur Hälfte aufgeschnitten. Die Schnecken Form ist in Rundungen und Vierecken nachgezeichnet
Key-Visual des Mozartfests: Die Nautilus Muschel verkörpert mit ihren idealen Proportionen die vollkommene Schönheit Bild: Mozartfest Würzburg

Mozart mit Humor vom Sockel stürzen?

Mozart ist als Idol nicht unantastbar. Es soll auch für junge Leute zugänglich sein. Der deutsch-türkisch-armenische Komponist und Schriftsteller Marc Sinan legt in seiner humorvollen Lecture-Performance „Nichts ist heilig“ offen, dass hinter den unantastbaren „Sockelheiligen“ der Musikgeschichte Mozart, Bach und Beethoven auch Mechanismen der Macht, der Kultur und der Geschichte stecken. Er kratzte ein wenig an ihren Sockeln.

Portrait Evelyn Meining vor einer Mauer.
Intendantin Evelyn Meinig will mit frischen Formaten auch junge Leute für Mozart begeisternBild: Dita Vollmond

Durch seinen deutschen Vater wurde Sinan schon als Kind mit den Klassikern sozialisiert. Zusammen mit dem Eliot Quartett stellt er Fragen an diese Musikgrößen. „Und er öffnet seine Fragen durch seine nicht-europäische Herkunft in die Gegenwart der Migrationsgesellschaft“, sagt Intendantin Meining „Ihn interessiert, wie es denn mit den Musikgeschichten anderer Länder aussieht“. Etwa wie deren Musikkulturen und Traditionen auch in ihrer Schönheit gewürdigt werden. Doch eines kann Evelyn Meining verraten: Mozart wird es überstehen und am Ende nicht vom Sockel stürzen.



Source link

Ähnliche Beiträge