Wie die ukrainische Sprache russische Verbote überlebte


Kurorte haben in der Weltgeschichte schon bedeutende Rollen gespielt, wie das belgische Spa oder das österreichische Bad Ischl. Aber kein anderer Kurort hat sich so fest im ukrainischen Nationalbewusstsein verankert wie das deutsche Bad Ems.

Dort weilte der russische Zar Alexander II. höchstpersönlich als Kurgast und unterzeichnete vor 150 Jahren – am 30. Mai 1876 – den Emser Erlass. Er verbot den ukrainischen Buchdruck und die Einfuhr ukrainischer Bücher aus dem Ausland nahezu vollständig und unterwarf die ukrainische Kultur in all ihren Erscheinungsformen drakonischen Beschränkungen. Dem Erlass war 1863 ein geheimes Rundschreiben des Innenministers Pjotr Walujew vorangegangen, in dem dieser behauptete, dass es eine eigene „kleinrussische“ Sprache, womit er das Ukrainische meinte, „nicht gegeben hat, nicht gibt und nicht geben kann“. Wie aus einem Dokument einer vom Zaren beauftragten Kommission hervorgeht, sollte mit den Verboten verhindert werden, „dass eine Grundlage für die Überzeugung entsteht, dass sich die Ukraine, selbst in ferner Zukunft, von Russland abspalten kann“.

Michael Moser, Slawistik-Professor an der Universität Wien, stellt fest, dass „in einer Zeit, in der zahlreiche erfolgreiche europäische Sprachen zu Standardsprachen ausgebaut wurden, man im Mai 1876 mitten im schönen Bad Ems alles unternahm, um die Entwicklung der ukrainischen Sprache zu unterbinden, gar abzutöten“. Der deutsche Historiker und emeritierte Professor an der Universität zu Köln, Gerhard Simon, schildert die damalige Sichtweise: „Das „Ukrainertum“ galt als eine Variante des „Russentums“ und als eine Bedrohung der staatlichen und kulturellen Einheit des Zarenreiches“.

Theateraufführung trotz Verbot

In der ukrainischen Geschichtsschreibung werden die ersten Jahre nach dem Erlass als „tote Jahre“ bezeichnet. Die einflussreiche Zeitung „Kyjiwer Telegraf“ wurde eingestellt, viele Intellektuelle und andere Menschen, die in Kunst und Kultur tätig waren, mussten in Richtung Westen emigrieren.

Nach der Ermordung von Zar Alexander II. durch Mitglieder der russischen revolutionären Geheimgesellschaft „Volkswille“ im Jahr 1881 eröffnete sich für die Ukrainer im Russischen Reich ein einzigartiges Zeitfenster. Während sich die Machthaber in St. Petersburg in Aufruhr befanden, rief Pawlo Schytezkyj, ein bekannter ukrainischer Philologe und Ethnograf dazu auf, die ukrainische Kultur durch das Theater wiederzubeleben.

Blick auf das Theatergebäude in der Stadt Kropywnyzkyj, wo das erste ukrainische professionelle Theater Premiere hatte
Theater in der Stadt Kropywnyzkyj, die nach dem Theatergründer Marko Kropywnyzkyj benannt istBild: DW/D. Kaniewski

Genau das tat der Dramatiker Marko Kropywnyzkyj. Nur wenige Monate nach der Ermordung des Zaren stellte er sich direkt gegen die Machthaber und gründete im damaligen Jelisawetgrad eines der allerersten professionellen ukrainischen Theater und besetzte es mit bekannten Persönlichkeiten. Heute trägt die Stadt seinen Namen – Kropywnyzkyj.

Obwohl der Emser Erlass formell bis 1905 in Kraft war, gilt der 27. Oktober 1882 als der Tag, mit dem der Erlass hinfällig wurde. Denn da fand in Jelisawetgrad unter Leitung von Marko Kropywnyzkyj die Premiere des Dramas „Natalka Poltawka“ des Schriftstellers Iwan Kotljarewskyj vor ausverkauftem Haus statt. Das Stück ist zu einem Klassiker des ukrainischen Theaters geworden.

„Das Theater war der Zweig der ukrainischen Kultur im 19. Jahrhundert, der wirklich das ganze Volk erreichte“, sagt Gerhard Simon und fügt hinzu: „Es war zu Beginn ein Laientheater und deswegen auf dem Dorf zu Hause. Von dort aus hat es sich weiter professionalisiert, aber es war immer ein Teil der Volkskultur. Deswegen sind Theateraufführungen, vor allem auch das Theaterspiel von Laien, so wichtig für die Entwicklung der Kultur insgesamt in der Ukraine.“

Historisches Foto von Marko Kropywnyzkyj umgeben von seiner Theatergruppe in den 1880er Jahren
Marko Kropywnyzkyj (Mitte) mit seiner Theatergruppe in den 1880er JahrenBild: Public Domain/WIKI

In jenen Jahren blühte die Kreativität auf. Es entstanden „goldene Klassiker“ des ukrainischen Dramas, wo Themen der kulturellen Assimilation im Russischen Reich humorvoll behandelt wurden. Neue Namen hielten Einzug in die Literatur, darunter Lesja Ukrajinka, Mychajlo Kozjubynskyj und viele andere. Paradoxerweise waren es die Repressionen des zaristischen Regimes, die laut Gerhard Simon zum eigentlichen „Motor der ukrainischen Nationenbildung“ wurden. Forschern zufolge gab es nach dem Emser Erlass noch Dutzende weitere Versuche, die ukrainische Sprache einzuschränken.

Rückgriff auf zaristische Narrative

Heute verbreitet das Regime von Wladimir Putin wieder die alten Narrative aus der Zeit der Zaren über eine „historische Einheit von Russen und Ukrainern“. Russlands Krieg gegen die Ukraine geht mit einem Angriff auf die ukrainische Sprache, Kultur und Identität in den besetzten Gebieten einher. „Der Emser Erlass ist nicht Geschichte. Wir kämpfen noch immer dafür, Ukrainisch zu sprechen und Bücher auf Ukrainisch zu lesen, damit diese Kultur nicht zerstört wird“, sagt die Ukrainerin Iryna Schmylichowska aus Köln gegenüber der DW.

Nadia Halaburda vom Verband Ukrainischer Frauen in Deutschland meint, Russlands Vorgehen werde nur zur Stärkung der ukrainischen Identität und des ukrainischen Volkes führen. „Letztendlich hat dies bereits zweimal zum Zusammenbruch des Russischen Reiches geführt. Möglicherweise wird dies auch ein drittes Mal geschehen“, sagt sie im DW-Gespräch.

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Vermutlich hätte sich Zar Alexander II. sehr gewundert, dass heute sogar junge Deutsche die ukrainische Sprache erlernen. Ukrainisch-Kurse haben in Deutschland in den letzten Jahren stark zugenommen. Laut dem Statistischen Bundesamt studieren derzeit über 1250 Studierende Slawistik, darunter auch Ukrainisch. Einer dieser Studierenden ist Jasper Medenwald, der seine Abschlussarbeit über russische Propaganda schrieb. „Es ist zum Scheitern verurteilt, die Ukraine und die ukrainische Sprache zu unterdrücken, weil sie immer ihren Weg finden wird“, betont er gegenüber der DW.

Bad Ems solidarisch mit der Ukraine

Solidarisch mit der Ukraine zeigt sich auch die Stadtverwaltung von Bad Ems, wo 2005 eine Büste von Zar Alexander II. aufgestellt wurde. Aufgrund seines Erlasses hatte diese malerische Stadt einst keinen guten Ruf unter vielen Ukrainern, da viele Besucher sie mit dem Erbe des russischen Imperialismus verbanden. Doch die Zeiten ändern sich.

Wie Frank Ackermann, Erster Beigeordneter der Stadt Bad Ems, gegenüber der DW versicherte, wird der Stadtrat dazu beitragen, dass die Gedenktafel an dem Gebäude, in dem der Erlass unterzeichnet wurde, erhalten bleibt. Bei einem Großbrand des historischen „Vier-Türme-Hauses“ vor zwei Jahren wurden der Dachstuhl und die markanten vier Ecktürme des barocken UNESCO-Welterbes zerstört. Teile des Gebäudes, das sich zu diesem Zeitpunkt im Umbau zu einem Hotel befand, werden derzeit rekonstruiert.

Man sei auch bereit, eine Städtepartnerschaft mit einer ukrainischen Stadt, beispielsweise Kropywnyzkyj, zu prüfen. „Die Idee ist noch nicht an uns, an die Stadt herangetragen worden. Aber dieses Interview hier mit der DW bringt uns zu der Idee. Vielleicht kann man Kontakte knüpfen und darüber nachdenken. Warum nicht?“, so Ackermann.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk



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