Wegen Personalmangel: Letzte Metzgerei in Mörfelden-Walldorf schließt


Im Aufenthaltsraum der Metzgerei stehen die Sträuße neben Sekt- und Weinflaschen. „Jeden Tag bringt jemand Blumen oder ein kleines Geschenk vorbei“, sagt Michael Hoffmann. Dazwischen liegen Karten von Kunden. Manche schreiben von Kindheitserinnerungen, andere bedanken sich einfach für Jahrzehnte guter Wurst und freundliche Gespräche. Als seine 52 Jahre alte Frau Jolanta einige der Zeilen liest, kommen ihr die Tränen.

Nach 88 Jahren an der Flughafenstraße in Walldorf, dem einen Teil der hessischen Stadt Mörfelden-Walldorf, schließt die Metzgerei Hoffmann. Diesen Namen trägt sie seit 60 Jahren. Genauso alt ist der Metzgermeister, für den damit nicht nur der Geschäftsbetrieb endet. Es endet sein bisheriges Leben, das er zu großen Teilen in diesen Räumen verbracht hat.

Michael Hoffmann ist in der Metzgerei aufgewachsen. Als Kind spielte er zwischen Verkaufstheke und Wurstküche. Die Küchenfrau sei für ihn und seine Schwester „wie eine Tante“ gewesen, erzählt er. Auch die Verkäuferinnen gehörten praktisch zur Familie. Seinem Vater und den Gesellen schaute er schon damals gebannt bei der Arbeit zu. Beim Umbau des Ladens hat er als Zehnjähriger geholfen und Sand in Eimern aus dem Keller geschleppt, erinnert er sich. „Ich bin mit den Kunden groß geworden. Die kannten mich mein Leben lang“, erzählt er.

Hätten gern noch weitergemacht: Michael und Jolanta Hoffmann in ihrer Metzgerei
Hätten gern noch weitergemacht: Michael und Jolanta Hoffmann in ihrer MetzgereiFrank Röth

1994 übernahm er den Betrieb von seinem Vater. Viele Kunden blieben ihm treu. Inzwischen kaufen die Enkel jener Menschen ein, die ihn als Kind hinter der Theke erlebt haben „Jetzt kommt mittlerweile schon die vierte Generation. Das ist schon toll“, freut er sich.

Dass er einmal Metzger werden würde, stand für ihn früh fest. Gelernt hat er trotzdem nicht im elterlichen Betrieb. „Mein Vater wollte das nicht. Er fand es besser, wenn ich woanders lerne“, erinnert er sich. Sein Vater schickte ihn zu einem Kollegen nach Mörfelden. Unter der Woche absolvierte er dort seine Ausbildung, an den Wochenenden half er oft im Familienbetrieb. Bis heute liebt er seinen Beruf.

„Am schönsten ist das Produzieren, das Ergebnis nachher zu sehen und es dann auch zu verkaufen“, sagt Hoffmann. Gerne drapiert er seine Wurstwaren, um sie in der Fleischtheke zu präsentieren. Besonders stolz ist er auf seine Fleischwurst. Auch die Fertiggerichte im Glas, die sich über die Jahre zu Kassenschlagern entwickelt haben, zählen zu den Erfolgen des Betriebs.

Um drei Uhr klingelt der Wecker

Dafür steht das Ehepaar Hoffmann früh auf. Um drei Uhr klingelt der Wecker, erzählen sie. Dann werden die Geräte angeschaltet. Sie kümmert sich um den Laden, er um die Produktion. „Die Fleischzusammenstellung kostet viel Zeit. Das sind keine fertigen Teile. Das sind ganze Schweine, halbe Rinder“, sagt er. Geschlachtet wird dabei schon lange nicht mehr direkt am Ort, sondern in einem Betrieb hinter Aschaffenburg. Das angelieferte Fleisch wird sortiert, zugeschnitten und für Verkauf und Verarbeitung vorbereitet. 98 Prozent ihrer Fleisch- und Wurstwaren stellen die Hoffmanns selbst her. Sie sind ein eingespieltes Team, alles geht Hand in Hand. Doch es sind zu wenige Hände.

„Wir haben einfach kein Personal“, sagen die Hoffmanns. Einen Betrieb, für den eigentlich mindestens acht Mitarbeiter nötig wären, führen sie seit Jahren zu viert: mit einer Verkäuferin, einer Metzgereiaushilfe und ihnen selbst. „Wir kämpfen schon seit Jahren“, sagen sie. Inzwischen dürfe sich niemand mehr krankmelden oder spontan freinehmen. „Sonst bricht alles zusammen.“ Außerdem litten die Qualität und das Sortiment, was sie nicht wollen.

Eine Tafel mit einem Abschiedsgruß an die Kundschaft im Verkaufsraum
Eine Tafel mit einem Abschiedsgruß an die Kundschaft im VerkaufsraumFrank Röth

Nach einem Zwischenfall im vergangenen Herbst wurde dem Ehepaar klar, dass es so nicht weitergehen kann. Sie sind am Ende ihrer Kräfte: „Wir mussten die Reißleine ziehen.“ Damals standen sie bereits kurz davor, einen Zettel an die Ladentür zu hängen: „Ab sofort geschlossen“. Doch das wollten sie ihren Kunden nicht antun. Also entschieden sie sich, wenigstens das Weihnachtsgeschäft noch durchzuhalten, damit Stammkunden Zeit haben, sich nach einer Alternative umzusehen.

Keine Kraft mehr

„Es tut uns unglaublich leid, dass wir diesen Schritt machen müssen – nach so langer Zeit. Und vor allem aus diesen Gründen“, sagt das Ehepaar. Denn die Kunden fehlen nicht. Wer in die Metzgerei kommt, kommt bewusst. Handwerker holen ihr Frikadellenbrötchen fürs Frühstück, zur Mittagszeit kommen Angestellte für Rouladen im Glas, und am Abend huschen schnell noch junge Familien in den Laden, um fürs Abendbrot einzukaufen. Alle schätzen die Qualität der Produkte. Die Metzgerei liegt mitten im Ortskern und dennoch weit genug vom nächsten Supermarkt entfernt, sodass viele Kunden gezielt den Weg dorthin suchen.

Jolanta Hoffmann kennt viele Kunden seit Jahrzehnten. Mit Kindern macht sie gerne Späße und reicht ihnen ein Stück Fleischwurst unter der Theke hindurch. Gerade diese Begegnungen machen den Abschied schwer. Sie selbst arbeitet seit 2005 als Verkäuferin in der Metzgerei. Über die Jahre haben sie Gefühle füreinander entwickelt. Als sie ihre Liebe öffentlich gemacht haben, waren einige Kunden positiv überrascht, wie sie erzählen. Während der Pandemie 2020 haben die beiden dann schließlich geheiratet. „Wir arbeiten zusammen, wir leben zusammen – das kann funktionieren“, sagt sie. Nach Feierabend müsse er ihr nicht mehr viel erzählen, ergänzt Michael Hoffmann lachend. Oft seien beide einfach froh über etwas Ruhe.

Zum Feierabend leergeräumte Bleche und zwei Krüge mit Gurken in der Auslage.
Zum Feierabend leergeräumte Bleche und zwei Krüge mit Gurken in der Auslage.Frank Röth

Kinder, die die Metzgertradition fortführen könnten, haben sie nicht. Und einen Nachfolger haben sie trotz langer Suche nicht gefunden. Dabei scheint das Problem längst die gesamte Branche zu betreffen. Zwar entschieden sich 2024 erstmals seit rund 20 Jahren wieder mehr junge Menschen für eine Ausbildung im Fleischerhandwerk. Für die Hoffmanns kommt diese Entwicklung zu spät. „Leider geht es nicht anders, sonst hätten wir das natürlich nicht gemacht“, sagen sie immer wieder. Eigentlich wollten sie gemeinsam mit ihren langjährigen Mitarbeitern in Rente gehen. Warum sich so wenige für dieses Handwerk begeistern? Vielleicht möge niemand mehr so hart arbeiten, lautet ihre Vermutung.

Nach Ladenschluss um 17 Uhr beginnt für sie oft noch der zweite Arbeitstag. Aufräumen, putzen, vorbereiten. Anschließend warten Rechnungen, Überweisungen und Dokumentationspflichten. „Jeder Handgriff muss dokumentiert werden“, sagt Jolanta Hoffmann. „Der Tag ist zu kurz dafür.“ Vieles bleibt inzwischen für den Sonntag liegen. „Ich bräuchte eigentlich noch eine Bürokraft“, sagt sie.

Die Arbeitstage werden immer länger. Seit acht Jahren schon führen sie den Betrieb am Limit. Mit zunehmendem Alter werde das nicht einfacher. „Du bist irgendwann auch überfordert. Du musst viele Sachen auf einmal machen.“ Wie ihr Leben nach der Schließung aussehen wird, können sie sich noch nicht vorstellen. Es gebe noch zu viel zu tun. Vielleicht fahren sie wie jedes Jahr für einige Tage zu Jolantas Mutter nach Polen.

Was aus den Geschäftsräumen wird, ist ebenfalls noch offen. Sicher ist nur eines: Für Mörfelden-Walldorf schließt am Samstag der letzte Metzger im Ort. Und für Michael Hoffmann schließt sich ein Kapitel, das begann, als er als kleiner Junge zwischen Wurstküche und Verkaufstheke umherlief.



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