Was über die Amokfahrt in Leipzig bekannt ist


Rettungskräfte stehen in der Nähe eines beschädigten Autos an der Stelle, wo ein Auto in eine Menschengruppe gefahren ist.


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Stand: 05.05.2026 • 19:29 Uhr

In der Leipziger Innenstadt ist am Montag ein Autofahrer in eine Menschenmenge gerast. Zwei Menschen starben, viele wurden verletzt. Die Behörden sprechen von einer Amokfahrt. Was ist über die Hintergründe bekannt?

Was ist passiert?

Am Montagnachmittag gegen 16.45 Uhr ist in der Leipziger Innenstadt ein Autofahrer in eine Menschenmenge gefahren. Nach Angaben der Polizei kam das Fahrzeug vom Augustusplatz und fuhr etwa 500 Meter durch die Grimmaische Straße, eine belebte Fußgängerzone, Richtung Marktplatz. Augenzeugen berichteten dem MDR, das weiße Auto sei schätzungsweise mit einer Geschwindigkeit von etwa 70 bis 80 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen.

Bevor der Wagen stoppte, habe es zwei schwere Kollisionen gegeben. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Bei den beiden Toten handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft sowie der Polizeidirektion Leipzig um eine 63-jährige Frau und einen 77-jährigen Mann. Über die Zahl der Toten hatte es zwischenzeitlich widersprüchliche Angaben der Behörden gegeben.

Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt, mindestens drei davon schwer, das haben Staatsanwaltschaft und Polizei offiziell bestätigt. Nach Angaben der Polizei sind insgesamt etwa 80 Menschen direkt von dem Ereignis betroffen. Wie viele von ihnen körperlich verletzt wurden, ist noch immer unklar. „Das war gestern sehr schwierig. Viele Leute haben den Ort selbstständig verlassen und sich zum Arzt begeben“, sagte der Sprecher der Leipziger Staatsanwaltschaft, Ricardo Schulz.

Mittlerweile konnte die Zahl der körperlich verletzten konkretisiert werden. Wie die Staatsanwaltschaft und die Polizei Leipzig mitteilten, wurden sechs Menschen im Alter von 21 bis 87 Jahren verletzt, zwei von ihnen schwer. Bei den Schwerverletzten handelt es sich um einen 75 Jahre alten Mann und eine 84 Jahre alte Frau. Am Nachmittag schwebten beide nicht mehr in Lebensgefahr. Das hat Oberbürgermeister Burkhard Jung am Rande der Gedenkveranstaltung im Paulinum der Universität Leipzig mitgeteilt.

Was ist über den Fahrer bekannt?

Der Fahrer ließ sich laut Polizei widerstandslos festnehmen. „Der Täter wurde durch uns im Fahrzeug dingfest gemacht“, sagte Polizeipräsident René Demmler. Nach Polizeiangaben handelt es sich dabei um einen 33-jährigen Deutschen. Laut Demmler wurde der Mann in Deutschland geboren und ist in der Region Leipzig wohnhaft. Informationen der Nachrichtenagentur dpa zufolge war der Mann schon vor der Tat polizeibekannt.

Nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Polizei war er dieses Jahr bereits polizeilich aufgefallen, unter anderem wegen Bedrohung und ehrverletzender Delikte im sozialen Umfeld. Dabei handelt es sich um Vorfälle ohne körperliche Gewalt, etwa Beleidigungen oder Herabwürdigungen. Ermittlungs- oder Strafverfahren waren daraus bislang nicht hervorgegangen. Einträge im Bundeszentralregister liegen nach Angaben der Behörden nicht vor. Weitere Ermittlungs- oder Strafverfahren seien derzeit nicht anhängig.

Möglicherweise ist der Fahrer psychisch erkrankt. Er hat sich bis Ende April freiwillig in einer psychiatrischen Klinik aufgehalten, wie eine Sprecherin des sächsischen Sozialministeriums der Nachrichtenagentur AFP sagte. Der 33-Jährige habe sich „auf eigenen Wunsch freiwillig in der Klinik stationär“ aufgehalten. Zuvor hatte der MDR von dem Psychiatrieaufenthalt des Tatverdächtigen berichtet.

Während dieses Aufenthalts in der Klinik bestand nach Ministeriumsangaben „keine Eigen- oder Fremdgefährdung“. „Es lagen damit keine medizinischen Gründe vor, den Patienten, der sich freiwillig in der Klinik aufhielt, am Verlassen der Klinik zu hindern und damit gegen seinen Willen festzuhalten“, erklärte die Sprecherin. Fragen nach der Behandlung und der Dauer des Klinikaufenthalts blieben unter Verweis auf die ärztliche Schweigepflicht unbeantwortet.

Die Staatsanwaltschaft sowie die Polizeidirektion Leipzig ermitteln gegen den 33-Jährigen nun unter anderem wegen zweifachen Mordes und mehrfachen Mordversuchs. Am Dienstagnachmittag ordnete das Amtsgericht an, den Fahrer vorerst in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen.

Es gebe nach bisherigen Ermittlungen dringende Gründe dafür, dass der Beschuldigte die Tat „im Zustand der zumindest erheblich verminderten Schuldfähigkeit“ begangen habe. Dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgend habe das Amtsgericht seine einstweilige Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus als für die öffentliche Sicherheit erforderlich angesehen. Denn nach bisherigen Erkenntnissen sei es wahrscheinlich, „dass der Beschuldigte aufgrund seines Zustandes weitere erhebliche rechtswidrige Taten vergleichbarer Schwere begehen wird“.

Was ist über ein mögliches Motiv bekannt?

Oberbürgermeister Burkhard Jung und auch Sachsens Innenminister Armin Schuster sprachen von einer Amokfahrt. „Nach bisherigen Erkenntnissen wird nicht von einem politischen oder religiösen Motiv des Täters ausgegangen“, heißt es in einer Mitteilung. Die Polizei gehe von einem Einzeltäter aus.

Für die Ermittlungen wurden ein Hinweistelefon (0341 966 46666) und ein Hinweisportal eingerichtet.

Welche Reaktionen gibt es?

Ministerpräsident Michael Kretschmer sagte in einer ersten Stellungnahme: „Das erschüttert mich zutiefst. Ich bin in Gedanken bei den Opfern und ihren Familien. Den Verletzten wünsche ich Kraft und schnelle Genesung. So eine Tat macht uns sprachlos – und sie macht uns entschlossen.“ Jetzt werde es darum gehen, füreinander da zu sein.

Leipzigs Oberbürgermeister Jung sagte: „Wir sind fassungslos darüber, was geschehen ist.“ Es fehlten ihm „die richtigen Worte“ zu diesem Geschehen. Jung und auch Innenminister Schuster bedankten sich ausdrücklich bei den Menschen, die vor Ort schnell und umsichtig geholfen hätten.

Axel Schuh, Branddirektor Leipzig, berichtet im ARD-Morgenmagazin, dass die Menschen in Leipzig unmittelbar nach der Tat „hervorragend“ reagiert hätten: „Wir hatten sofort hier Ersthelfer an den Einsatzstellen, die begonnen haben, die Verletzten zu versorgen. Medizinstudenten, Ärzte, aber auch Zivilbevölkerung, die hier unmittelbar die Verletztenversorgung eingeleitet haben. Und wir haben dann quasi direkt übernommen.“

Wie sieht es aktuell in Leipzig aus?

„Noch immer sind weite Teile der Innenstadt abgesperrt“, berichtet MDR-Reporterin Susann Blum im ARD-Morgenmagazin. Am Dienstagnachmittag öffnete die Grimmaische Straße wieder für Passanten. Filialen großer Ketten wie Cafés, Drogerien und Bekleidungsläden blieben jedoch weiter geschlossen, die Läden waren dunkel. Der Wochenmarkt auf dem Marktplatz findet statt. Laut Stadtseite im Internet wurde den Markthändlern freigestellt, ob sie teilnehmen möchten.

In und an den beiden Leipziger Innenstadtkirchen St. Nikolai und St. Thomas wird es ab heute Raum zum Trauern und Gedenken geben. Um 17 Uhr begann eine ökumenische Gedenkandacht in der Nikolaikirche. Die Erinnerung an die Amokfahrt und an deren Opfer soll in Leipzig wachgehalten werden, wie Oberbürgermeister Burkhard Jung beim Gedenken in der Nikolaikirche versprach. Zuvor hatten Jung sowie Ministerpräsident Kretschmer und Innenminister Schuster einen Kranz am Augustusplatz niedergelegt, wo die Amokfahrt am Montag ihren Anfang genommen hatte.



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