Warum plötzlich alle Angst haben – selbst die Optimisten
Kolumne
Warum plötzlich alle Angst haben – selbst die Optimisten
Früher Zuversicht, heute Zweifel: Selbst gestandene Unternehmer glauben nicht mehr an die Zukunft. Was das mit uns allen macht und wie wir da wieder rauskommen
Neulich sprach ich mit einem guten Freund. Wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren; er ist ein optimistischer, anpackender Mensch. Bei unserem letzten Gespräch allerdings meinte er: Markus, ich muss gestehen, ich habe Angst. Angst um mein Unternehmen, Angst um die Zukunft meiner Kinder, Angst um meinen Arbeitsplatz.
Ich musste viel über dieses Gespräch nachdenken. So wie meinem Bekannten geht es momentan vielen Menschen. Man sieht sich konfrontiert mit einer unübersichtlichen Weltlage, ökonomischen Krisen und einer Politik, der man immer weniger vertraut.
Markus Väth ist Arbeitspsychologe und Schöpfer des Begriffs „Radikal Arbeiten“. Dahinter verbirgt sich eine Philosophie, die Arbeit wieder zu ihrem Kern zurückführen soll: weniger Sinnlosigkeit und Demotivation, mehr Wirksamkeit und Freude. Er ist mehrfacher Buchautor und arbeitet unter anderem als Vortragsredner und Organisationscoach.
Im Radikalen Arbeiten sprechen wir von einer „doppelten Buchführung“ der Veränderung: Wenn wir in einer großen, grundsätzlichen Veränderung stecken (als Mensch, als Unternehmen oder als Gesellschaft), können wir oft weder den Nutzen berechnen („What’s in for me?“) noch die Kosten („Welchen Preis muss ich für die positive Veränderung zahlen?“), den am Ende der Veränderung auf uns wartet.
Dieser Umstand schickt unser Gehirn in eine Lähmung und in ein Motivationstief. Wir Menschen brauchen das Gefühle von Kontrolle über uns und die Welt, die Überzeugung, dass unser Verhalten einen Unterschied macht. Dieses Gefühl haben offensichtlich immer weniger Menschen. Fatalismus scheint das Gebot der Stunde, ein kollektives mentales Schulterzucken, mit dem man sich in die Krise und in seine Angst ergibt.
- Mach das, was funktioniert und lass alles andere weg. Das ist das erste Prinzip des Radikalen Arbeitens. Konzentriere deine Kräfte auf Dinge, die machbar und wirksam sind. Gerade in Krisenzeiten ist dies eine wertvolle Eigenschaft. Konzentriere dich auf Situationen und Menschen, die du beeinflussen kannst, mit denen du eine produktive Beziehung eingehen kannst. Und sei ehrlich zu dir selbst: Das Abschneiden alter Verhaltenszöpfe kann schmerzhaft sein.
- Notiere jeden Tag Dinge, für die du dankbar bist. Das klingt ein wenig nach Billigratgeber, ist aber wichtig für unser Gehirn. Wir sind evolutionär darauf geprägt, vor allem Probleme und Fehler wahrzunehmen – um sie zu lösen bzw. zu korrigieren. Darüber dürfen wir allerdings die „Motivationsbatterie“ unseres Gehirns nicht vergessen. Wir brauchen Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt, und die sollte man jeden Tag neu für sich entdecken. Das verringert das Gefühl der Hilflosigkeit.
- Reduziere deinen Social-Media-Konsum drastisch. Social Media dressiert unser Gehirn auf zwei zerstörerische Impulse hin: negative Emotionen (Content geht vor allem viral, wenn er Gefühle wie Wut, Hass oder Empörung auslöst) und den Verlust der Impulskontrolle (durch Doomscrolling und Dark Patterns, die uns kognitiv süchtig machen und uns auf den Plattformen halten sollen). Viele Menschen, die „digital detoxen“, berichten von einer Zunahme an mentaler Klarheit, an Präsenz, an Konzentrationsfähigkeit.
Sind diese Tips besonders „wirtschaftsweise“ oder „geldorientiert“? Das sicher nicht. Aber das Gespräch mit meinem Bekannten hat mir gezeigt, dass wir alle im Moment grundsätzlichere Hilfe brauchen, wie wir mit uns, unserer Angst und der Welt um uns herum umgehen sollen.
Es ist momentan ein wenig wie beim Boxen: Deckung hochnehmen, die Schläge einstecken und irgendwann mit der zweiten Luft wieder angreifen können. So ist das Leben. Denn vor das Gewinnen haben die Götter das Durchhalten gesetzt.
