Menschheit droht eine „digitale Pandemie“


Sollten die Grundpfeiler der digitalen Welt plötzlich zusammenbrechen, hätte dies für die meisten Menschen wohl verheerende Folgen: Die Länder seien nicht darauf vorbereitet, dass etwa großflächig Satelliten ausfallen, der Strom unterbrochen wird oder Unterseekabel reißen, warnen die UN-Organisation für Telekommunikation (ITU) und das Büro der Vereinten Nationen für Katastrophenvorsorge (UNDRR).

„Kritische digitale Risiken sind real, dokumentiert, systemisch und werden weitgehend unterschätzt“, betonen ITU und UNDRR in einem Bericht. „Was wäre, wenn morgen Mobiltelefone und das Internet nicht mehr funktionieren würden, Zahlungen fehlschlügen, Krankenhäuser Patientendaten verlieren und Notfallwarnungen nie ankommen würden?“, wird darin gefragt. „Was wie Science-Fiction klingt, könnte Realität werden.“ ITU und UNDRR sprechen von einer „digitalen Pandemie“ und stellen drei  furchteinflößende Szenarien vor. 

Ein Sonnensturm wie im Jahr 1859

Wenn die Sonne plötzlich mehr Strahlung und Teilchen ins All schleudert und diese die Erde treffen: An einem Septembertag 1859 hätten bei so einem solchen Ereignis mit kurzer Vorwarnzeit Telegrafisten Stromschläge bekommen, Geräte hätten Funken gesprüht und Büros in Brand gesetzt.

Sonneneruption
Starke Eruptionen auf der Sonne (im Mai 2024)Bild: NASA/SDO/AP/picture alliance

Heutzutage würden Signale von Navigationssatelliten gestört, Flugzeuge hätten keinen Live-Radar mehr und Flüge müssten drastisch reduziert werden, autonom fahrende Autos blieben stehen. Auch Finanztransaktionen würden fehlschlagen, erläutern das UN-Büro für Katastrophenvorsorge und die UN-Organisation für Telekommunikation. Geomagnetisch induzierte Ströme könnten Transformatoren im Stromnetz zerstören und die Stromversorgung stoppen. Datenzentren kämen an Grenzen, wenn sie ihren Notstrom aufgebracht hätten. Der Ersatz von Transformatoren in großem Stil könnte Monate dauern.

Extremhitze wie 2003 in Europa

Mehr Bedarf an Kühlung, gleichzeitig eine Erwärmung der Flüsse – das schränkt unter anderem den Betrieb von Atomkraftwerken ein. Weniger Schiffsverkehr aufgrund niedriger Pegelstände könnte zugleich den Nachschub mit Diesel für Notstrom behindern.

Mittlerweile wären ungleich mehr Datenzentren mit hohem Strombedarf betroffen als noch 2003, unterstreichen ITU und UNDRR. Sie könnten teils mangels Kühlung ausfallen, Bezahlterminals könnten Dienste versagen, Geschäfte schließen. Eine regionale Mobilfunk-Infrastruktur, die unabhängig von Datennetzen betrieben werden soll, braucht Basisstationssender, von denen viele ohne Kühlung nicht funktionieren. 

Ein Vulkanausbruch wie 2022 in Tonga

Anfang 2022 verursachte eine große Eruption des Vulkans Hunga Tonga-Hunga Ha’apai unter der Meeresoberfläche massive Schäden. Unter anderem wurde ein 80 Kilometer langes Unterseekabel zerstört, das den Inselstaat mit der Außenwelt verband. So etwas kann einen wochenlangen Internet-Ausfall bedeuten, mit Folgen wie bei den anderen Szenarien. 

Tonga | Vulkanausbruch Hunga Tonga-Hunga Haʻapai
Bilder vom Ausbruch des Unterseevulkans Hunga Tonga-Hunga HaʻapaiBild: Goes-West Satellite/Noaa/Planet Pix via ZUMA Press/picture alliance

Was ist zu tun?

Meist werde beim Risikomanagement jede Gefahr einzeln betrachtet und davon ausgegangen, dass das Problem kurzfristig behoben werden könne, heißt es in dem UN-Bericht. Die Gefahr sei aber, dass ein einzelnes Problem andere kritische Infrastruktur belasten könne und plötzlich mehrere gleichzeitig betroffen seien.

Nötig seien unter anderem analoge Ausweichkapazitäten – so das Fazit von ITU und UNDRR. Denn Menschen müssten wissen, wie sie mit analogen Systemen digitale Disruptionen bewältigen und überwinden könnten.

wa/haz (dpa)



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