Warum ist die Hisbollah für den Iran wichtig?
Die Lage im Nahen Osten bleibt angespannt. Trotz einer fragilen Waffenruhe zwischen dem Iran auf der einen Seite sowie Israel und den USA auf der anderen Seite kommt es immer wieder zu militärischen Zwischenfällen und gegenseitigen Drohungen.
Erst in der Nacht zum Mittwoch kam es erneut zum militärischen Schlagabtausch zwischen Teheran und Washington, nachdem ein Helikopter der US-Armee abgeschossen worden war. Nach Raketenangriffen der mit dem Iran verbündeten schiitischen Hisbollah auf Nordisrael hatte die israelische Armee am Wochenende Ziele in den Vororten von Beirut angegriffen. Kurz darauf reagierte Teheran mit Raketenangriffen auf israelisches Territorium. Israel antwortete wiederum mit Angriffen auf Ziele im Iran.
Die jüngsten Eskalationen drohten, die Bemühungen um eine von US-Präsident Donald Trump angestrebte Vereinbarung mit dem Iran zur Beilegung des Konflikts in der Region zunichtezumachen.
Irans regionale Strategie unter Druck
„Aus iranischer Sicht besteht derzeit eine zentrale Priorität darin, dass die Hisbollah bei möglichen politischen Vereinbarungen und Friedensverhandlungen berücksichtigt wird“, sagt der Nahost-Experte Arman Mahmoudian von der University of South Florida. Jede Einigung setze gegenseitige Zugeständnisse voraus.
Für Teheran sei jedoch entscheidend, dass die Hisbollah nicht zum Verhandlungsobjekt werde. Für den Iran gehe die Frage weit über die Hisbollah hinaus; vielmehr stehe der regionale Einfluss Irans auf dem Spiel.
„Sollte die Hisbollah weiterhin unter israelischem Beschuss stehen und gleichzeitig der Eindruck entstehen, dass Teheran sie im Stich lässt, könnte dies für den Iran erhebliche Folgen haben und das Vertrauen anderer mit dem Iran verbundener Akteure in der Region – etwa der Huthis im Jemen oder schiitischer Milizen im Irak – erschüttern. Schließlich hat sich die Hisbollah vor allem aus Loyalität gegenüber dem Iran in diesen Konflikt eingebracht und Israel nach der Tötung Chameneis angegriffen.“
Nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs am 28. Februar und der Tötung des iranischen Staatsoberhaupts Ajatollah Ali Chamenei feuerte die libanesische Hisbollah-Miliz Raketen auf Israel ab und griff damit an der Seite Teherans in den Krieg ein. Israel reagierte mit Bombardements in südlichen Vororten der Hauptstadt Beirut und anderen Teilen des nördlichen Nachbarlandes. In der Folge weitete sich der Krieg auf den Libanon aus.
Die Hisbollah als multifunktionale Organisation
Die schiitische Hisbollah entstand Anfang der 1980er-Jahre während des libanesischen Bürgerkriegs und nach der israelischen Invasion im Libanon. Im Libanon leben neben Sunniten (ca. 32 Prozent) etwa 31 Prozent Schiiten sowie zahlreiche christliche Glaubensgemeinschaften, Drusen und Alawiten.
Der schiitische Iran spielte nach der Islamischen Revolution von 1979 eine entscheidende Rolle bei ihrer Gründung und unterstützt die Organisation finanziell, militärisch und ideologisch.
Die Bewegung verfügt über einen bewaffneten Arm, ist zugleich aber auch als politische Partei im libanesischen Parlament vertreten und betreibt soziale Einrichtungen.
Deutschland, die USA und zahlreiche weitere Staaten stufen die Hisbollah ganz oder teilweise als Terrororganisation ein. In Deutschland sind ihre Aktivitäten seit 2020 verboten.
Gleichzeitig gilt die Hisbollah heute als deutlich geschwächt. Israelische Militärschläge haben ihre militärischen Fähigkeiten und ihre Führungsstruktur in den vergangenen Jahren erheblich beeinträchtigt. Dennoch konnte die Organisation ihre Strukturen trotz schwerer Verluste zumindest teilweise wieder aufbauen, ähnlich wie nach dem Libanon-Krieg im Jahr 2006.
Steigende Kosten der Konfrontation mit Israel
Die Hisbollah ist seit Jahrzehnten ein zentraler Baustein der iranischen Regionalstrategie. Iran-Experte Arash Azizi beschreibt diese Logik als „Forward Defence“ (Vorwärtsverteidigung). Demnach versucht der Iran, potenzielle Bedrohungen möglichst weit von seinem eigenen Territorium entfernt durch verbündete Akteure abzuschrecken.
Diese Strategie habe sich jedoch teilweise umgedreht. Heute sehe sich der Iran zunehmend gezwungen, seine Verbündeten aktiv zu schützen und dafür auch direkte Angriffe auf Israel sowie Gegenangriffe auf das eigene Territorium und seine Infrastrukturen in Kauf zu nehmen.
Die neue iranische Führung bemüht sich, die Unterstützung der Hisbollah stärker mit nationalen Sicherheitsinteressen als mit ideologischen Argumenten zu begründen, betont Arash Azizi.
„Dennoch bleibt das Argument bestehen, dass der Iran als Staat, der sich in einem Konflikt mit Israel sieht, seine regionalen Verbündeten nicht einfach aufgeben kann.“
Gleichzeitig seien die Kosten weiterer Konfrontationen mit Israel für den Iran erheblich. Die wirtschaftlichen Schäden des Krieges sind beträchtlich, die Lebensbedingungen vieler Menschen haben sich verschlechtert, und die wirtschaftlichen Perspektiven bleiben schwierig.
„Die neue Führung wird deshalb nicht nur sicherheits- und außenpolitische Herausforderungen bewältigen müssen, sondern auch die Frage beantworten müssen, welche Zukunftsvision sie der iranischen Bevölkerung anbieten kann.“
