Verhüllte Pont Neuf in Paris ist eröffnet
Sturm und Hagel hatten die ursprüngliche Eröffnung des begehbaren Kunstwerks am 6. Juni 2026 zunächst verhindert. Nach umfangreichen Reparaturen ist „La Caverne du Pont-Neuf“ (Die Höhle von Pont Neuf), eine Installation des französischen Künstlers JR, nun bis zum 28. Juni für Besucherinnen und Besucher zugänglich. Er hat die berühmte Brücke Pont Neuf in Paris in eine Höhlenlandschaft verwandelt – als Hommage an das Werk „The Pont Neuf Wrapped“ des verstorbenen Künstlerduos Christo und Jeanne-Claude.
Die Installation bildet einen begehbaren Tunnel und bedeckt einen etwa 120 Meter langen Abschnitt der Brücke mit Bildern schroffer Felsen. Die „Höhle“ besteht aus 80 luftgefüllten Stoffbögen.
Inspiriert wurde JR von den Steinbrüchen des Pariser Beckens, aus denen einst das Baumaterial für die Brücke gewonnen wurde. Die Pont Neuf, 1607 fertiggestellt, besteht aus Lutetischem Kalkstein – auch bekannt als „Pariser Stein“ – und war die erste Brücke der Stadt, die nicht aus Holz gebaut wurde.
Der Straßenkünstler JR, der häufig mit fotografischen Motiven arbeitet, setzt auf den Kontrast zwischen der rauen Anmutung des Rohmaterials und der Eleganz der „Stadt des Lichts“, wie Paris gerne genannt wird.
Ein Wahrzeichen als Kunstobjekt
Im September 1985 verhüllten Christo und Jeanne-Claude dieselbe Brücke mit ihrem Werk „The Pont Neuf Wrapped“. Dafür verwendeten sie 41.800 Quadratmeter goldfarbenen Polyamidstoff und 13 Kilometer Seil. Wie bei vielen ihrer Projekte gingen dem Werk jahrelange politische Verhandlungen und technische Planungen voraus.
Die Reaktionen der Presse waren damals gemischt und häufig kritisch. Einige Kommentatoren in Frankreich bezeichneten das Projekt als verschwenderisch und einem historischen Denkmal unangemessen. Auch die grundsätzliche Idee, eine so bedeutende Brücke zu verhüllen, wurde infrage gestellt.
Trotz aller Kritik zog die Installation schließlich Millionen Menschen an. Selbst skeptische Stimmen in den französischen Medien erkannten an, wie sehr das Kunstwerk den Blick auf die Brücke und die Stadt veränderte: Das sonst beiläufige Überqueren wurde durch die temporäre Verwandlung des Bauwerks zu einem besonderen, beinahe sinnlichen Erlebnis.
Im Laufe seiner Karriere – Jeanne-Claude starb 2009, Christo 2020 – verwandelte das Künstlerduo zahlreiche bekannte Wahrzeichen: 1995 verhüllten sie den Berliner Reichstag, den Sitz des deutschen Parlaments, mit silbrig schimmerndem Stoff. 2005 realisierten sie mit „The Gates“ eine temporäre Installation im New Yorker Central Park, für die sie mehr als 7500 torartige Rahmen entlang der Wege aufstellten, von denen safranfarbene Stoffbahnen herabhingen. 2021 wurde der Pariser Arc de Triomphe posthum verhüllt.
„Ich bewundere das Vermächtnis von Christo und Jeanne-Claude und teile ihre Ansicht, dass es die Aufgabe der Kunst ist, uns zum Nachdenken anzuregen und das Vertraute in Frage zu stellen“, erklärte JR in einer Pressemitteilung. „Die Debatte, die ein öffentliches Kunstprojekt auslösen kann, ist ebenso wertvoll wie seine Umsetzung.“
JR – bekannt für große Formate
Dank ihrer enormen Größe wird die Installation von zahlreichen Aussichtspunkten in der Stadt zu sehen sein – sowohl vom Seineufer als auch vom Wasser aus. In einem Interview mit „The Guardian“ bezeichnete JR das Werk als „das Herausforderndste“, was er je umgesetzt habe.
Der 43‑jährige Künstler ist bekannt für groß angelegte öffentliche Installationen, die Fotografie und architektonische Wahrzeichen verbinden. Für sein Projekt „Women Are Heroes“ brachte er großformatige Porträts von Frauen auf Gebäuden und Dächern in verschiedenen Teilen der Welt an. Später folgte das „Inside Out Project“ – eine globale Initiative, bei der Menschen Porträts einreichen, die anschließend im öffentlichen Raum gezeigt werden. Für viel Aufmerksamkeit sorgte 2021 seine optische Täuschung, bei der die Spitze der ägyptischen Cheops‑Pyramide scheinbar „verschwand“.
Zu seinen bekanntesten Arbeiten aber zählt „Giants (Kikito)“ von 2017: ein großformatiges Bild eines Kleinkindes, das über die Grenzmauer zwischen Mexiko und den USA blickt.
Auch in Paris hat JR mehrfach gearbeitet. Zum 30‑jährigen Jubiläum der Louvre‑Pyramide schuf er 2019 eine Installation aus Papierstreifen, die dem Bauwerk zusätzliche Tiefe verlieh und es wie aus einem Steinbruch aufsteigen ließ. Rund 400 Freiwillige befestigten dafür mehr als 2.000 jeweils etwa zehn Meter lange Papierstreifen. Bereits 2016 hatte JR die Glaspyramide des Louvre mit bedrucktem Papier beklebt und sie so optisch verschwinden lassen.
„Eine symbolische Überquerung“
Das Innere von „La Caverne du Pont‑Neuf“ ist während der gesamten Laufzeit der Installation rund um die Uhr kostenlos zugänglich. Der Durchgang wird von einer Klanginstallation des ehemaligen Daft‑Punk‑Mitglieds Thomas Bangalter untermalt.
„Es wird eine symbolische Überquerung sein, ein Schritt ins Unbekannte, eine Reise ins eigene Innere“, so JR. „Ich habe die Überquerung von La Caverne als ein Erlebnis konzipiert, bei dem Fülle und Leere im Gleichgewicht stehen.“
Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck
