Sudan: Völkermord vor aller Augen?


Bis auf die Knochen sind ihre Finger abgemagert. Der Ring, mit dem sie nervös spielt, sitzt locker. Hassaina, wie die 45-jährige Sudanesin aus Sicherheitsgründen genannt werden möchte, ist seelisch und körperlich schwer gezeichnet.

Rund ein halbes Jahr ist es her, dass die Mutter mit ihren vier Kindern das Massaker in ihrer Heimatstadt Al-Faschir in der umkämpften Region Darfur im Sudan überlebte. Inzwischen haben sie sich nach Uganda gerettet, wo sie nun als Geflüchtete leben. Das Trauma sitzt tief: „Ich habe mit eigenen Augen einen Völkermord gesehen und ihn am eigenen Leib erlebt“, berichtet Hassaina der DW unter Tränen.

Uganda Kampala 2026 | Frau in Burka sitzt auf einem Stuhl
Viele Vertriebene aus dem Sudan berichten von Gräueltaten – Hassaina teilte ihre Geschichte mit der DWBild: Simone Schlindwein

Seit drei Jahren herrscht Krieg im Sudan. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass Hunderttausende Menschen bei Kämpfen oder infolge des Krieges gestorben sind. Einen Höhepunkt erreichten die Gewalthandlungen im vergangenen Oktober: Die RSF-Miliz, die gegen die Regierungsarmee und verbündete Milizen kämpft, nahm nach langer Belagerung Al-Faschir, die größte Stadt der Region Darfur, ein und verübte ein Massaker gewaltigen Ausmaßes an der Zivilbevölkerung. Es waren wenige Tage, die auch das Leben von Hassaina komplett veränderten.

„Die Gräueltaten weisen Merkmale eines Völkermords auf“, lautet das Fazit von UN-Chefermittler Mohamed Chande Othman im DW-Gespräch. Er hat im Februar nach rund drei Monaten Recherche seinen 30-seitigen Bericht vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf vorgestellt und auch an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag übergeben. Seine Schlussfolgerung stützt er auf drei zentrale Erkenntnisse, wie er es sagt: „Erstens, dass es Massenmorde gibt. Zweitens Folter und schreckliche sexualisierte Gewalt. Und drittens langanhaltendes Aushungern durch die Verweigerung humanitärer Hilfe und die Zerstörung medizinischer Einrichtungen.“

Sudan Tawila 2025 | Geflüchtete Kinder aus al-Faschir im Lager in Darfur
Tawila war für viele Geflüchtete aus Al-Faschir der erste Zufluchtsort (Foto der Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council)Bild: Sarah Vuylsteke/NRC/AP Photo/picture alliance

Flucht vereitelt und doch noch entkommen

Über 18 Monate hatte die RSF Al-Faschir zuvor belagert. Internet und Telefonnetz waren abgeschaltet; keine Bohne, kein Reiskorn, kein Tropfen Benzin kamen durch die RSF-Straßenblockaden. Und niemand konnte entkommen. Der Grund für die Belagerung: In Al-Faschir lag das Hauptquartier der 6. Division der Armee, gegen die die RSF kämpft. Zu Beginn des Krieges war es den Soldaten noch gelungen, die Stadt zu verteidigen. Dann schnitt ihnen die RSF die Nachschubwege ab. Die Bevölkerung wurde zum Feind erklärt. Als sich die Armeeeinheiten letztlich ergaben, waren die rund 250.000 noch verbliebenen Einwohner der RSF schutzlos ausgeliefert.

Sudan Kinin 2025 | Satellitenaufnahme von Schanzbau nahe Al-Faschir
Satellitenaufnahmen zeigen, wie rund um Al-Faschir Gräben ausgehoben wurdenBild: Vantor/AFP

So auch Hassaina und ihre Familie. Als die RSF in der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 2025 begann, die Stadt mit Artillerie und Drohnen zu bombardieren, rannte Hassaina mit ihren jugendlichen Kindern los; ihren Mann, der Hilfe für einen verletzten Neffen organisieren wollte, verlor sie aus den Augen. Doch die Milizionäre hatten zuvor mit Baggern rund um die Stadt einen 30 Kilometer langen, vier Meter tiefen und vier Meter breiten Graben ausgehoben. Dahinter war ein Erdwall aufgetürmt – ein unüberwindbares Hindernis, berichtet Hassaina: „Im Tumult fiel ich in den Graben, wurde von Erde und Leichen verschüttet. Als ich wieder zu mir kam, war es bereits hell. Um mich herum sah ich so viele Tote.“

So endete die Flucht vorerst in der Gefangenschaft. Gegen ein Lösegeld, das ein Verwandter in Australien bezahlte, bekamen Hassaina und ihre Kinder schließlich ihre Freiheit zurück und gelangten nach weiteren Wendungen in ein ugandisches Flüchtlingscamp.

Wie die RSF ihre Gräueltaten zur Schau stellte

Die Miliz hat ihre Verbrechen vielfach dokumentiert: Nach dem völligen Blackout nutzten die Kämpfer das von ihnen wieder eingeschaltete Internet, um auf ihrem Telegram-Kanal Videos ihrer Gräueltaten zu posten, unterlegt mit pompöser Musik. Diese Videos zeigen die Verbrechen der Miliz aus nächster Nähe: In Luftaufnahmen sieht man Geländewagen durch die Stadt fahren. Der Graben ist zu erkennen – ebenso tausende Menschen, die durch die Graslandschaft fliehen und von diesem Graben aufgehalten werden: eine Todesfalle.

In einem Video sieht man, wie der für die Stürmung zuständige RSF-General Abu Lulu – deutlich erkennbar an seinen wirren Locken, was diverse Medien und Thinktanks bestätigen – all diejenigen im Graben erschießt, die noch leben. Ein weiteres Video vom selben Tag, gefilmt im Krankenhaus in Al-Faschir, zeigt, wie Kämpfer durch das halb zerbombte Gebäude gehen und all diejenigen exekutieren, die noch lebend in ihren Betten liegen oder auf dem Boden kauern – Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor laufender Kamera.

Vergewaltigungen im großen Stil: Vom Baby bis zur Großmutter

Nur rund 100.000 Menschen, so die Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM), war es an jenem Tag des Sturmangriffs gelungen, vor den Übergriffen zu fliehen. Einige schafften es wie Hassaina und ihre Kinder in das 70 Kilometer südwestlich gelegene Vertriebenenlager Tawila, wo sie mit Lebensmitteln versorgt wurden.

Sudan Tawila 2025 | Verletzte sudanesische Vertriebene aus al-Faschir werden medizinisch versorgt
Viele Vertriebene mussten zunächst medizinisch versorgt werden – in Al-Faschir waren sie vielfach missbraucht und gefoltert wordenBild: Mohamed Jamal/REUTERS

Dort war auch Bob Kitchen vom International Rescue Committee, einer der wenigen anwesenden Hilfsorganisationen, tätig. Das Ausmaß der Brutalität, die diesen Menschen angetan wurde, habe ihn aufgewühlt, sagt Kitchen: „Fast alle, mit denen wir sprachen, waren Opfer einer Vergewaltigung geworden.“ Vom Säugling bis hin zur Großmutter, erklärt er: „Es handelte sich überwiegend um Gruppenvergewaltigungen von extremer Brutalität – diese Übergriffe dienten ganz klar der Bestrafung.“

Was sich in Al-Faschir in den Monaten der Belagerung zugetragen hat, ist von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt geblieben. Nur vereinzelt gab es Berichte in den Medien. Einem Team von Forensikern der renommierten Yale School of Public Health in den USA war es gelungen, jene Ereignisse live mithilfe von Satellitenaufnahmen zu verfolgen. In ihrer jüngsten Analyse konnte das Team beweisen, dass die RSF bereits im Vorfeld des Sturmangriffs die Äcker und Bauerndörfer im Umkreis zerstört hatten, die die Stadt ernährten – und die Menschen somit gezielt ausgehungert wurden.

Vom Weltraum aus konnten die Forensiker in jenen Tagen im Oktober, als die RSF die Stadt einnahm, auch Leichen und Blutflecken auf den staubigen Straßen erkennen. Sie zählten rund 150 Leichenhaufen und zahlreiche Massengräber, so Nathaniel Raymond von der Universität in Yale. Sein Team bemüht sich, die Todeszahlen anhand von Schätzungen zu berechnen, erklärt er der DW. Am Ende steht eine Zahl: „Rund 70.000 Menschen, die als tot oder vermisst erklärt werden müssen.“

Nach der wenig beachteten Belagerung Al-Faschir erreichten die offen zur Schau gestellten Massaker vom Oktober einen internationalen Aufschrei. Die Forderung nach Ermittlungen mehren sich. In Hassainas Augen hat sich die internationale Gemeinschaft mitschuldig gemacht. „Die Weltgemeinschaft hat uns im Stich gelassen, sie hätte während der Zeit der Belagerung einschreiten müssen, um Schlimmeres zu verhindern“, sagt sie unter Tränen. „Doch nichts ist geschehen.“



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