Steht ganz Russland eine Treibstoff-Krise bevor?
In Russland verschärfen sich die Engpässe bei der Treibstoffversorgung. Drohnenangriffe der Ukraine auf Ölraffinerien haben die Versorgung in mehreren Regionen unterbrochen.
Dies könnte erst der Anfang sein: der Druck auf den Treibstoffmarkt wird sich in den kommenden Monaten weiter verstärken. Wenn die Intensität der Angriffe mit Drohnen nicht abnimmt und beschädigte Raffinerien nicht zum Normalbetrieb zurückkehren können, besteht die Gefahr, dass sich lokale Ausfälle zu einer umfassenden Krise ausweiten.
Laut öffentlich zugänglichen Quellen, die von der DW ausgewertet wurden, kam es in den vergangenen Wochen in mehr als zehn russischen Regionen zu Unterbrechungen der Treibstoffversorgung. Tankstellen verhängten teilweise Beschränkungen oder stellten den Benzinverkauf vollständig ein.
„Logistik-Lockdown“
Die Lage auf der annektierten Krim ist besonders angespannt. Der Treibstoffmangel entstand durch Drohnenangriffe, mit denen der Verkehr auf der sogenannten „Noworossija-Autobahn“ lahmgelegt wurde. Diese verbindet die Halbinsel Krim mit der russischen Region Rostow und ist eine wichtige Versorgungsroute für Treibstoff.
Dieser „Logistik-Lockdown“, wie der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow die Angriffe auf die Transportwege zwischen der Krim und Russland bezeichnet, zwang die russischen Besatzungsbehörden der Halbinsel zu strengen Maßnahmen.
So gibt es Superbenzin nur noch gegen Bezugsscheine. Laut lokalen Medien verkaufen die großen Tankstellenketten dieses seit einigen Wochen nicht mehr an Privatpersonen. Normalbenzin ist nur noch in Mengen von maximal 20 Litern erhältlich.
Vor wenigen Tagen stellten 15 Tankstellen in der Region Krasnodar auf dem russischen Festland den Kraftstoffverkauf ein. Das ist auf den ersten Blick nur eine geringe Anzahl, verglichen mit den rund 1000 Tankstellen, die es den lokalen Behörden zufolge in der Region gibt.
Wo gibt es Treibstoffmangel?
Doch in den sozialen Medien häufen sich die Klagen, dass Benzin regelmäßig auch an Tankstellen ausgeht, die keine Einstellung des Verkaufs angekündigt haben. Viele führen dies auf den Zustrom von Autofahrern von der Krim zurück, die zum Tanken in die Region Krasnodar kommen. Der Gouverneur der Region Krasnodar, Wenjamin Kondratjew, beschreibt die Lage als „schwierig“ und spricht von einem „künstlichen Ansturm“.
Der Treibstoffmangel, wenn auch weniger gravierend, betrifft mittlerweile fast das ganze Land. In Zentralrussland kam es in den Regionen Kursk, Belgorod, Rjasan und Orjol an einzelnen Tankstellen zu Engpässen. Sogar aus Moskau und der Moskauer Region sind vereinzelt Beschwerden zu hören.
Und auch im Nordwesten gibt es Probleme – in St. Petersburg sowie in den Regionen Leningrad, Pskow, Nowgorod, Murmansk und in Karelien. Aus Sibirien und dem Fernen Osten werden ebenfalls Engpässe gemeldet.
In den meisten Fällen handelt es sich um kleine Tankstellen, die nicht mit Mineralölkonzernen verbunden sind. Von einer ausgewachsenen Krise kann man daher noch nicht sprechen. Aber die Beschwerden mehren sich, und die Benzinpreise steigen seit einigen Wochen stetig an – um bis zu 0,5 Prozent pro Woche.
Welchen Schaden richten Drohnen an?
Russland erlebt fast jedes Jahr einen mehr oder weniger akuten Engpass bei Treibstoffen. Im Sommer steigt traditionell die Nachfrage nach Benzin und Diesel aufgrund der landwirtschaftlichen Arbeiten und der Ferienzeit. Zudem führen Ölraffinerien planmäßige Wartungsarbeiten durch.
In den Jahren 2024 und 2025 wurden diese Faktoren durch ukrainische Drohnenangriffe verstärkt, was zu Krisen über das übliche Maß hinaus führte. In diesem Jahr begann sich eine Krise abzuzeichnen, noch bevor saisonale Faktoren voll zum Tragen kamen, weil Drohnenangriffe früher begannen und offenbar auch effektiver wurden.
Nach Berechnungen von Bloomberg wurden allein im Mai acht der zehn größten Ölraffinerien Russlands von Drohnen angegriffen, wobei einige davon, wie beispielsweise die Raffinerien von Lukoil in Nischni Nowgorod und Perm, bereits wiederholt attackiert worden waren.
Jaroslaw Kabakow, Strategie-Direktor bei Finam, einer der größten Investmentgesellschaften in Russland mit Hauptsitz in Moskau, sagt, dass die Angriffe nicht nur die Primärverarbeitung wie in den Vorjahren, sondern auch Sekundäranlagen für die Herstellung von Benzin und Diesel betreffen. „Die Reparatur von diesen Anlagen dauert Monate und wird durch Sanktionen, die die Lieferung von Ausrüstungen einschränken, zusätzlich erschwert“, erläutert er.
Die russischen Statistiken zur Kraftstoffproduktion sind größtenteils geheim. Einige Daten wurden jedoch veröffentlicht und deuten auf einen deutlichen Rückgang gegenüber dem Vorjahr hin.
Laut der russischen Statistikbehörde Rosstat sank die Produktion von Erdölprodukten im April 2026 um neun Prozent gegenüber April 2025. Im Mai fiel der Rückgang laut Schätzungen von Bloomberg mit 13 Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau sogar noch deutlicher aus.
Laut dem Center for Research on Energy and Clean Air (CREA), einer unabhängigen Forschungsorganisation, war die Rosneft-Raffinerie in Tuapse besonders stark von Angriffen betroffen. Zwischen Januar und Mai 2026 reduzierte sie ihre Exporte von Erdölprodukten im Vergleich zum Vorjahr um 73 Prozent. CREA schätzt die dadurch entstandenen Exportverluste auf 1,7 Milliarden Euro.
Vorbereitungen auf zunehmende Krise
Marktteilnehmer warnen vor einem systematischen Mangel an Treibstoff, sollten Raffinerien weiterhin ausfallen. „Ein erheblicher Treibstoffmangel ist derzeit nur auf der Krim spürbar. Im übrigen Russland gibt es zwar noch Reserven, aber die gegenwärtige Versorgung reicht nicht aus. Sollte sich die Lage nicht verbessern, wird der Mangel bis Ende Juli oder Anfang August viele weitere Regionen betreffen“, berichtete eine Quelle aus dem Treibstoffmarkt gegenüber der russischen Tageszeitung Kommersant.
Das russische Energieministerium will mit einem am 8. Juni ins Leben gerufenen „Branchen-Stab“ eine Ausweitung der Krise verhindern. Der Stab soll sich um einen „stabilen und effizienten Betrieb des gesamten Brennstoff- und Energiekomplexes des Landes“ kümmern.
Zuvor hatten die Behörden ein Exportverbot für Benzin verhängt – eine Maßnahme, die immer wieder angewandt wird. Das anschließende Exportverbot für Kerosin war hingegen beispiellos. An der Internationalen Waren- und Rohstoffbörse in St. Petersburg hat das Angebot von Benzin aus Belarus deutlich zugenommen.
Ausmaß der drohenden Krise noch unklar
Die Treibstoffpreise werden voraussichtlich steigen, wie bereits im letzten Jahr, jedoch nicht drastisch, denn die Benzinpreise im Einzelhandel sind in Russland streng staatlich reguliert. Einige unabhängige Tankstellen und kleinere Ketten könnten vorübergehend schließen, um Verluste zu vermeiden.
„Ukrainische Drohnenangriffe verursachen erhebliche Kosten für den russischen Erdölsektor. Sie stören den Betrieb und verringern die Kapazität von Raffinerien, erhöhen die Ausgaben für Reparaturen und Sicherheitsmaßnahmen und verursachen logistische Engpässe“, sagt CREA-Experte Isaac Levi.
Gleichzeitig halte sich der Schaden für den russischen Staat noch in Grenzen, so Levi. Erdöl, das nicht im Inland verarbeitet werden könne, werde exportiert. Solange der Krieg im Nahen Osten den Weltmarkt weiterhin destabilisiere, würden die Bedingungen dafür günstig bleiben.
Ukrainische Drohnen greifen auch die russische Export-Infrastruktur an, doch diese Angriffe haben bisher keine nennenswerten Auswirkungen auf ihren Betrieb gehabt. Laut Bloomberg erreichten die russischen Erdölexporte auf dem Seeweg Anfang Juni sogar den höchsten Stand seit Kriegsbeginn.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk
