Seltene Erden: Die Mine, die Trump umstimmte



Wenn Jason Bedford eine Aussage verabscheut, dann die, dass Seltene Erden gar nicht selten sind. Für viele stimmt das. Doch die wichtigsten Seltenen Erden sind wirklich rar: Sie heißen zum Beispiel Dysprosium und Terbium und sind für hochtemperaturbeständige Dauermagnete unverzichtbar, die in Elektrofahrzeugen, Offshore-Windkraftanlagen und – vor allem – in modernen Verteidigungssystemen verwendet werden.

Nahezu alle kommerziell nutzbaren Vorkommen schwerer Seltener Erden konzentrieren sich auf Südchina und Myanmar. Nicht nur das: Peking beherrscht nahezu die gesamte Lieferkette – von der vorgelagerten Förderung bis hin zur nachgelagerten Verarbeitung. „Ist es ein geologisches Wunder, dass sie das alles haben und sonst niemand etwas? Nein. Es lag an der chinesischen Industriepolitik“, sagt Bedford. „China hat das Material so billig gehalten, dass es für andere Länder nie einen finanziellen Anreiz gab, danach zu suchen.“

Chinas trickreiche Verdrängungspolitik

Seit klar ist, dass China die kostbaren Rohstoffe als Waffe im Handelskrieg gegen die USA einzusetzen bereit ist, suchen Länder nach alternativen Vorkommen. Das Problem ist allerdings, dass Geologie eben doch eine Rolle spielt. Die schweren raren Mineralien, die mit ökonomisch vertretbarem Einsatz gefördert werden können, finden sich in Tonerde-Lagerstätten.

Nur eine Handvoll Länder verfügt über die entsprechende Topographie. Neben China stehen Madagaskar, Vietnam und Malaysia auf der Liste der Länder mit vergleichbarer Geologie. Ziemlich weit oben aber steht Brasilien, so Bedford. Seine Worte haben Gewicht. Der Forscher am East Asian Institute an der National University of Singapore und ehemalige Bridgewater-Analyst hatte im vorigen Jahr einen Report veröffentlicht, der nach Informationen der F.A.Z. Einfluss auf die US-Außenpolitik nahm.

Plötzlich findet Trump Lula gar nicht mehr so unangenehm

Den amerikanischen Präsidenten Donald Trump bewog er, seine feindselige Haltung gegenüber Brasiliens Staatspräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zu ändern und jenen Deal zu ermöglichen, der in jüngsten Tagen Schlagzeilen machte: die Übernahme des brasilianischen Rohstoffkonzerns Serra Verde. Er ist dank der Mine Pela Ema der einzige Produzent außerhalb Asiens, der die vier kritischen Seltenen Erden Dysprosium, Terbium, Neodym und Praseodym fördern und im industriellen Maßstab herstellen kann.

Bedfords Aufsatz zeigt mit bestechender Präzision, wie Chinas Dominanz bei Seltenen Erden das Ergebnis einer jahrzehntelang verfolgten staatlichen Strategie war – und nicht bloß dem Zufall der Geologie zu verdanken ist. Vergleichbar erscheint allenfalls De Beers’ Dominanz im Diamantenhandel des 20. Jahrhunderts.

Sie sollte nicht folgenlos bleiben. Als Trump im vergangenen Jahr ins Weiße Haus zurückkehrte, erwarteten Beobachter in Brasilien sofortige Feindseligkeit gegenüber dem linken Präsidenten Lula, der Trumps politischen Freund Jair Bolsonaro in der Präsidentschaftswahl besiegt hatte. Der Clash kam im Juli, als Trump Zölle von 40 Prozent auf brasilianische Exporte verhängte, mehreren Amtsträgern der brasilianischen Öffentlichkeit die US-Visa entzog und anschließend Sanktionen gegen den Richter am Obersten Gerichtshof verhängte, der dem Prozess gegen Bolsonaro und dessen Mitarbeiter vorstand. Trump begründete die Zölle mit der „Hetzjagd“ auf seinen „MAGA“-Alliierten Bolsonaro. Dieser wurde im Februar angeklagt, einen Staatsstreich versucht zu haben. Der Oberste Gerichtshof bestätigte die Klage.

Das Pentagon schlägt Alarm

Dann aber kam der Spätsommer, und mit ihm reifte die Erkenntnis in Washington, dass man die brasilianische Regierung besser nicht verprellt. Denn sie verfügt über jene Rohstoffe, ohne die Patriot- und Tomahawk-Raketen, Radaranlagen und Panzer nicht funktionieren. Das Pentagon hatte Alarm geschlagen.

Wie anfällig die USA waren, zeigte sich an folgender Episode: Als die USA im April 2025 ihren Handelskrieg gegen China verschärften, belegten sie China nicht nur mit besonders hohen Zöllen. Sie weiteten auch ihr Exportverbot für Halbleiter und speziell für die leistungsstärksten KI-Chips von Nvidia aus. Im Juli 2025 dann die Kehrtwende: Plötzlich erlaubten die USA die Chipverkäufe und stellten damit abrupt Erwägungen zurück, dass man China aus Gründen der nationalen Sicherheit den Zugang Chinas zu moderner KI-Technologie verwehren sollte.

Eine offizielle Begründung für die Kehrtwende kam nie: Doch der amerikanische Handelsminister Howard Lutnick sagte am 15. Juli 2025 auf eine Frage zu Nvidias Wiederaufnahme der Verkäufe der KI-Chips nach China: „Wir haben das in das Handelsabkommen mit den Magneten hineingepackt.“

Trump lobt die neu entstandene Partnerschaft

Das war nicht die einzige Kehrtwende. Noch im November lockerte das Weiße Haus die Zölle auf wichtige brasilianische Exportgüter wie Rindfleisch und Kaffee, hob im Dezember die Sanktionen gegen die Richter und andere Offizielle auf und begann, Wertschätzung für Lula zu signalisieren. Im Dezember schrieb Trump nach einem Telefonat mit Lula auf seiner Social-Media-Plattform, sie hätten „den Grundstein für einen sehr guten Dialog und eine weit in die Zukunft reichende Einigung gelegt“ und aus dieser „neu entstandenen Partnerschaft“ werde „viel Gutes erwachsen“.

Nachdem der amerikanische Supreme Court Trumps Liberation-Day-Zölle für verfassungswidrig erklärt hat, unterliegt der Handel nun einem für Brasilien vergleichsweise günstigen Zollregime. Die Bereitschaft der Brasilianer, die kostbare Mine den Amerikanern zu überlassen, erklärt sich aus dem Bedürfnis, die Wirtschaftsbeziehungen zu diversifizieren und vor allem Chinas Rolle in Brasilien zu mindern. So erläutert es Oliver Stuenkel, der deutsch-brasilianische Politologe an der Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace. „Amerika wird nicht als Feind angesehen.“ Zudem braucht Brasilien Geld, um die Mine und die Raffinerie-Stufen zu entwickeln.

Die Kapitalspritze der amerikanischen Entwicklungsbank und langjährige Abnahmegarantien, die durch US-Behörden finanziell abgesichert sind, begünstigen die Übernahmen im Wert von 2,8 Milliarden Dollar. Lula hätte dem Vernehmen nach auch gerne entsprechende Geschäfte mit Europa gemacht. Doch die Zusagen von dort seien weder groß noch schnell und verbindlich genug gewesen.

Einfach wird es nicht für die USA, sich von den Chinesen zu lösen. China war bisher der Geschäftspartner der Mine. Die Bergbaugeräte kommen aus China und unterliegen chinesischen Garantien. China könnte die Wartung einstellen, spekuliert Bedford. Auch die Extraktionslösungsmittel werden von China hergestellt. „Das sind gewaltige Engpässe, die schwer zu überwinden sind“, sagt Bedford.

Die oft ins Spiel gebrachte Alternative Recycling kommt speziell für schwere Seltene Erden in Verteidigungsanwendungen eher nicht infrage. „Das Zeug neigt ziemlich oft dazu, in die Luft zu fliegen.“



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