Rouven Stubbe und Georg Zachmann: Europas Energiehilfe für die Ukraine muss sich ändern



Der vierte Kriegswinter seit der russischen Vollinvasion war der bislang schwerste für die Energieversorgung der Ukraine. In weiten Teilen des Landes fiel der Strom täglich für viele Stunden aus, ganze Stadtteile hatten wochenlang keine Wärme – bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Russische Angriffe trafen nicht nur Kraftwerke, sondern zunehmend auch Gasinfrastruktur und Fernwärmesysteme. Die Energieversorgung ist längst ein zentrales Schlachtfeld dieses Krieges.

Deutschland und Europa unterstützen die Ukraine bei der Stabilisierung ihres Energiesystems, unter anderem über den Ukraine Energy Support Fund (UESF), zu dem Deutschland als größter Geber maßgeblich beiträgt. Diese Hilfe ist unverzichtbar – doch sie folgt bislang vor allem einer Logik der Reparatur.

Ein Großteil der Mittel fließt in die Instandsetzung fossiler Großkraftwerke. Doch gerade diese Anlagen sind bevorzugte Ziele russischer Angriffe. Viele werden innerhalb weniger Wochen erneut beschädigt oder zerstört. Einige Kraftwerke wurden schon mehr als ein Dutzend Mal getroffen und wieder aufgebaut. Die Ukraine befindet sich damit in einem kostspieligen Kreislauf aus Zerstörung und Wiederaufbau – ein Kreislauf, den Russland strategisch ausnutzt.

Zentrale Großanlagen sind zu verwundbar

Zu Beginn des Krieges war dieser Ansatz nachvollziehbar. Die schnelle Wiederherstellung bestehender Infrastruktur war die einzige realistische Option, um einen Kollaps der Energieversorgung zu verhindern. Heute, im fünften Kriegsjahr, greift diese Strategie jedoch zu kurz. Die russische Kriegsführung hat sich weiterentwickelt: Drohnenschwärme, präzise Raketenangriffe und gezielte Attacken auf kritische Infrastruktur machen zentrale Großanlagen zunehmend verwundbar. Eine reine Reparaturstrategie wird unter diesen Bedingungen immer ineffizienter – und immer teurer.

Die Risiken reichen weit über die Ukraine hinaus. Ein noch schwerwiegenderer Zusammenbruch der Energieversorgung im nächsten Winter könnte eine neue Fluchtbewegung auslösen – mit erheblichen sozialen, politischen und finanziellen Kosten für Deutschland und Europa. Hinzu kommen humanitäre Folgen in der Ukraine selbst: Einschränkungen bei Wasser- und Wärmeversorgung, Probleme in der Lebensmittelversorgung und nicht zuletzt Auswirkungen auf die Moral von Bevölkerung und Streitkräften.

Nötig ist eine dezentrale Energieversorgung

Europa steht daher vor einer strategischen Entscheidung. Der bisherige Ansatz, eine zentralisierte Energieinfrastruktur im laufenden Betrieb zu reparieren, ist langfristig die riskantere und kostspieligere Option. Eine resilientere Strategie setzt stattdessen auf Dezentralisierung: kleinere, flexibel einsetzbare Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, erneuerbare Energien und Batteriespeicher, die näher an Verbrauchszentren installiert werden und weniger anfällig für gezielte Angriffe sind. Ergänzt werden muss dies durch den Schutz besonders kritischer Anlagen, insbesondere der ukrainischen Kernkraftwerke und systemkritischer Umspannwerke.

Ein solcher Ansatz würde die Verwundbarkeit des Systems deutlich reduzieren. Dezentrale Strukturen lassen sich schwerer gleichzeitig ausschalten, Reparaturen sind schneller möglich, und lokale „Energieinseln“ können im Notfall kritische Infrastruktur wie Krankenhäuser, Wasserwerke oder Heizsysteme weiter versorgen.

Damit sich dieser Strategiewechsel realisieren lässt, muss sich auch die Logik der Unterstützung ändern. Derzeit dominiert eine kurzfristige Perspektive: Wie kommt die Ukraine über den nächsten Winter? Diese Frage ist wichtig – aber sie greift zu kurz. Was fehlt, ist ein zweiter Pfeiler: eine vorausschauende Planung mit einem Horizont von mindestens drei bis fünf Jahren.

Heute schon an den nächsten Winter denken

Denn Maßnahmen, die heute beschlossen werden, entfalten ihre Wirkung oft erst im nächsten Winter oder später. Unterstützung, die erst im Spätherbst auf den Weg gebracht wird, kommt häufig zu spät, um noch rechtzeitig umgesetzt zu werden. Eine nachhaltige Stabilisierung der Energieversorgung erfordert daher frühzeitige Investitionen und verlässliche Finanzierungszusagen.

Für die Bundesregierung bedeutet das, die Unterstützung der Ukraine auch an der Energiefront strategischer zu denken. In den kommenden Haushaltsverhandlungen für das Jahr 2027 sollte stärker berücksichtigt werden, wie ein widerstandsfähigeres Energiesystem in den Jahren 2028, 2029 und darüber hinaus aufgebaut werden kann. Dazu gehört auch die Frage, ob entsprechende Ausgaben unter die „Hilfe für völkerrechtswidrig angegriffene Staaten“ im Sinne der Bereichsausnahme von der Schuldenbremse fallen können.

Die Energieversorgung der Ukraine ist mehr als eine technische Frage – sie ist ein zentraler Faktor für die Widerstandsfähigkeit des Landes. Vorausschauend planbare deutsche Unterstützung beim Aufbau eines robusteren Energiesystems würde langfristig die Kosten für die Unterstützung der Ukraine senken und gleichzeitig menschliches Leid reduzieren. Im kurzfristigen Reparaturmodus zu verharren, ist keine tragfähige Alternative – sondern wird mit jedem Winter teurer, riskanter und doch letztlich unzureichend sein.



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