Rassistische Krawalle erschüttern das Vereinigte Königreich


Es waren Szenen wie aus einem Bürgerkrieg: Menschenjagden auf den Straßen, in Brand gesteckte Müllcontainer, dicke schwarze Rauchschwaden, die sich über ganze Stadtviertel ausbreiten, ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften, das versucht, die Lage in den Griff zu bekommen: Belfast versank am Dienstagabend im Chaos.

In Nordirlands Hauptstadt waren ausländerfeindliche Proteste eskaliert. Hunderte Menschen hatten sich an verschiedenen öffentlichen Plätzen Belfasts zu Protesten versammelt. Die Belfaster Labour-Abgeordnete Claire Hanna sprach sogar von einem „rassistischen Pogrom“: Sie habe Männer „von Haus zu Haus gehen und nach Ausländern suchen sehen“ – viele von ihnen maskiert, mehrere hätten Brände gelegt – auch in Häusern, in denen migrantische Familien mit Kindern wohnten.

Am Mittwoch verhinderte ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften eine Wiederholung in Belfast. In anderen Städten des Vereinigten Königreiches kam es aber zu Protestmärschen und Ausschreitungen. Auch dabei sollen gezielt Menschen wegen ihrer Hautfarbe angegriffen worden sein, berichtete etwa der Scottish Daily Express

Polizei sichert Tatort nach Messerattacke in North Belfast
Polizei am Tatort des brutalen Messerangriffes im Norden von BelfastBild: Peter Morrison/AP Photo/picture alliance

Auslöser der Unruhen war ein Video über einen brutalen Messerangriff, das in den Sozialen Netzwerken kursierte. Zu sehen war dort, wie ein Täter einen am Boden liegenden, blutüberströmten Mann mehrfach mit einem Messer attackierte und offenbar versuchte, ihm die Kehle durchzuschneiden, bevor er von drei Männern überwältigt werden konnte. Das Opfer wurde lebensgefährlich verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Polizeiangaben zufolge war der Angreifer ein 30-jähriger Sudanese mit legalem Aufenthaltsstatus im Vereinigten Königreich.

Rechte Scharfmacher in sozialen Netzwerken

Nordirlands Regierungschefin Michelle O’Neill und Premierminister Keir Starmer verurteilten die Gewalt scharf und kündigten ein hartes Vorgehen gegen die Verantwortlichen an. Scharfe Kritik äußerten sie jedoch auch an verschiedenen Sozialen Medien. 

Tatsächlich waren den Ausschreitungen zahlreiche Posts – etwa auf X oder Telegram – vorangegangen, die die ohnehin aggressive Stimmung weiter anheizten. So hatte unter anderem der in Großbritannien mehrfach verurteilte Rechtsextremist Stephen Yaxley-Lennon, der sich selbst „Tommy Robinson“ nennt, die Menschen zu Massenprotesten in ganz Großbritannien aufgefordert; X-Chef Elon Musk hatte seinen Post retweetet.

London 2025 | Tommy Robinson verlässt Westminster Magistrates Court nach Freispruch
Der bekannte britische Rechtsextremist „Tommy Robinson“ hatte per Social Media zu antimigrantischen Massendemonstrationen aufgerufen Bild: Ilyas Tayfun Salci/Anadolu/picture alliance

Aber auch andere Rechtsextremisten, insbesondere aus Großbritannien und den USA, riefen zu wiederholten und anhaltenden Protestmärschen gegen die britische Migrationspolitik auf.

Erinnerungen an Southport

Die Vorfälle in Belfast wecken Erinnerungen an den Sommer 2024, schon damals hatten ausländerfeindliche Ausschreitungen das Vereinigte Königreich über Tage in Atem gehalten. Zuvor waren in der britischen Küstenstadt Southport drei junge Mädchen bei einem Messerangriff getötet worden.

UK Rotherham | Aus einer Ansammlung von mehreren, teils vermummten Männern wird ein Feuerwerkskörper bei Ausschreitungen in Richtung der Polizei geworfen
Nach den Morden von Southport im Sommer 2024 war es landesweit zu schweren Ausschreitungen gekommenBild: Danny Lawson/PA/dpa/picture alliance

Damals hatten Falschinformationen über den Täter landesweite rassistische Ausschreitungen ausgelöst. Bekannte Rechtsextremisten – darunter auch „Tommy Robinson“ – hatten auch dort Plattformen wie X und Telegram genutzt, um die rassistische Stimmung systematisch anzuheizen.

Nordirland: Lange Tradition des Straßenkampfes

Gerade in Nordirland trifft der aktuelle Migrationskonflikt dabei auf eine historisch gewachsene, tief verwurzelte Dynamik der Straßengewalt. Beobachtern zufolge kam es am Dienstag in den ehemals protestantisch-loyalistischen Vierteln Belfasts zu den heftigsten Krawallen. In den Zeiten des Nordirlandkonfliktes tobten hier die schwersten Straßenschlachten zwischen pro-britischen Protestanten und pro-irischen Katholiken.

Nordirland Belfast | Wandbild, auf dem mehrere Männer mit Maschinengewehren zu sehen sind, die sich hinter Fässern verschanzt haben
Bis heute in Teilen Belfasts allgegenwärtig: Wandbilder, die den Straßenkampf während des Nordirlandkonfliktes verherrlichenBild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Zwar gilt der Nordirlandkonflikt seit Aushandlung des Karfreitagsabkommens als politisch beigelegt. Doch viele – vor allem junge – Nordiren fühlen sich seitdem vernachlässigt und von der Politik in London vergessen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Perspektivlosigkeit groß. Seit dem Brexit fürchten viele protestantische Nordiren zudem eine schleichende Abkopplung vom Rest des Vereinigten Königreichs. Die Logistik für gewaltsame Unruhen (wie der Bau von Barrikaden oder der Einsatz von Molotowcocktails) ist in diesen Strukturen seit Jahrzehnten vorhanden und im Zweifel schnell abrufbar.

Großer Frust in strukturschwachen Regionen

Doch auch in anderen Landesteilen des Vereinigten Königreiches treffen rassistische Ressentiments auf fruchtbaren Boden. Nach den Morden in Southport 2024 waren die heftigsten Krawalle in Sunderland, Middlesbrough oder Hull ausgebrochen – allesamt ehemalige, sich mittlerweile im Niedergang befindliche Industriestädte im Norden Englands. Hohe Inflationsraten, stagnierende Löhne und kaputtgesparte öffentliche Dienste wie das Gesundheitssystem NHS haben hier die Existenzängste vor allem der weißen Arbeiterschicht massiv verstärkt.

Verfallene Wohnhäuser im britischen Liverpool
Verfallene Wohnhäuser im britischen LiverpoolBild: picture-alliance / Piers Cavendi

Aktuell haben die Unruhen neben einigen schottischen Regionen unter anderem auch das englische Southampton erfasst – eine Stadt, in der 18 Stadtbezirke zu den ärmsten zehn Prozent des gesamten Landes gehören. Hier hatte erst in der vergangenen Woche ein schwerer Polizeifehler in einem Mordfall für heftige Empörung und eine hitzige Debatte über Rassismus und Migration gesorgt.   

Jahrelange sprachliche Verrohung in der Politik

Dabei wurde ebendiese Migrationsdebatte in der britischen Politik schon über Jahre hinweg extrem scharf geführt. „Stop the boats“ war ein gängiger Slogan des konservativen Ex-Premiers Rishi Sunak. Mit ihm wollte seine Regierung die irreguläre Migration über den Ärmelkanal unterbinden. Auch das umstrittene, mittlerweile gescheiterte Abschiebeabkommen mit Ruanda geht auf seine Initiative zurück.

London | Rishi Sunak hinter einem Rednerpult, auf den in Blocklettern "Stop the Boats" zu lesen ist
Inszenierte sich monatelang mit dem Slogan am Rednerpult als Bekämpfer irregulärer Migration: Großbritanniens Ex-Premier Rishi Sunak Bild: James Manning/AP/picture alliance

Rechtspopulistische Politiker wie Nigel Farage von der nationalistischen Partei „Reform UK“ sorgten mit ihren Reden zusätzlich dafür, dass sich ausländerfeindliche Narrative in den vergangenen Jahren immer mehr im Mainstream verankern konnten.

Vielen Briten wurde zudem versprochen, mit dem Brexit die Kontrolle über die eigenen Landesgrenzen zurückzuerlangen. Doch die Zuwanderung blieb weiter hoch – und führte bei Teilen der Bevölkerung zu tiefer Enttäuschung und dem Gefühl, der Staat habe versagt.

Londoner „Null-Toleranz-Politik“

Um die rassistischen Ausschreitungen wieder einzudämmen, verfolgt die britische Regierung unter Keir Starmer eine repressive Null-Toleranz-Strategie. Starmer kündigte an, dass Randalierer „die volle Härte des Gesetzes“ zu spüren bekommen. Um die Flut an Festnahmen zu bewältigen, hat das Justizministerium kurzfristig über 500 neue Gefängnisplätze freigemacht, damit Täter im Schnellverfahren inhaftiert werden können.

Belfast 2026 | Drei Polizeifahrzeuge werden bei Protesten von schwarz gekleideten und vermummten Männern angegriffen
Massive Polizeiaufgebote sollen die rassistische Gewalt eindämmenBild: Peter Morrison/AP Photo/picture alliance

Noch ist jedoch unklar, wie schnell die Lage dieses Mal beruhigt werden kann. Nach den Ausschreitungen von 2024 hatte es mehrere Tage gedauert, bis die Unruhen abgeklungen waren.



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