Putin unter Druck – Wo Russlands Krieg enden könnte
Kolumne
Wo Russlands Krieg enden könnte
Wladimir Putins Position in der Ukraine wird von Tag zu Tag schwächer. Ein Szenario für einen möglichen Zusammenbruch der Front
Auf der Krim gibt es kein Benzin mehr für Bargeld, sondern nur noch für Gutscheine. Und mehr als 20 Liter pro Person darf niemand kaufen. Die russischen Behörden vor Ort sind damit beschäftigt, die Abgabe an den Tankstellen streng zu überwachen. Und selbst die offiziellen Medien geben inzwischen zu, dass eine „Treibstoffkrise“ auf der Halbinsel herrscht, die so schnell nicht zu Ende gehen kann. Während in Petersburg gerade die pompöse Show angeblicher russischer Stärke zu Ende gegangen ist, kann man auf der Krim die schnöde Realität beobachten.
Ausgerechnet die Krim, wo 2014 alles mit der Besetzung durch russische Truppen begann, könnte zum Ort der endgültigen Wende im Krieg gegen die Ukraine werden und einen möglichen Zusammenbruch der ganzen Front auslösen. Das alles hat mit Geografie zu tun, einer strategischen Fehlentscheidung Wladimir Putins und vor allem der neuen militärischen Stärke der ukrainischen Drohnentruppen. Unter allen Szenarien für ein Ende des vierjährigen Kriegs ist das Krim-Szenario mittlerweile das wahrscheinlichste.
Die Versorgung der Krim erfolgt einzig und allein über zwei schmale Landengen – und die große Brücke über die Meerenge am Kertsch. Die Landbrücke quer durch die besetzten Gebiete liegt seit Wochen unter dem Beschuss der ukrainischen Armee. Das ist der Hauptgrund für die Benzinkrise auf der Halbinsel. Militärisch hat die Krim jede Bedeutung für Russland verloren: Die noch vorhandenen Reste von Putins Schwarzmeerflotte haben sich schon vor Monaten aus ihren angestammten Häfen zurückgezogen. Wirtschaftlich spielt die Krim ohnehin keine Rolle für Russland, vom Tourismus einmal abgesehen. Bei der Verteidigung der Krim geht es nur also noch um die imperiale „Ehre“ Russlands.
Putin fehlt ein Plan B für die Krim
Putin hat es versäumt, die Verbindungen zur Krim nach 2022 auszubauen. Seine ganzen militärischen Anstrengungen konzentrieren sich auf den Donbas, wo inzwischen eine halbe Million Soldaten bei sinnlosen Sturmangriffen gefallen sind. Weil es in der Militärdoktrin immer noch um „Angriff“ geht und nicht um „Verteidigung“ der bereits eroberten Gebiete, fehlt es an einem Plan B für die Krim. Gelingt es der Ukraine nicht nur, die Versorgungslinien im Norden der Halbinsel zu unterbrechen, sondern auch die Kertsch-Brücke aus dem Verkehr zu ziehen, fällt die Krim. Und mit ihr fällt wahrscheinlich auch Putin. Den symbolträchtigen Verlust der Brücke würde sein Regime politisch nicht überleben.
Die Ukraine hat die Kertsch-Verbindung bereits dreimal unterbrochen – allerdings nur vorübergehend. Sobald die Armee jedoch über die neusten ballistischen Raketen verfügt, die gerade erstmals erprobt wurden, rückt die Zerstörung der Brücke in den Bereich des Möglichen. Und das auch ohne westliche Unterstützung.
Bisher wälzen wir im Westen immer noch Szenarien hin und her, die von einem Waffenstillstand und anschließenden Friedensverhandlungen ausgehen. Am Ende steht nach diesen Überlegungen ein Einfrieren der Frontlinie. Denkbar aber ist durchaus auch eine chaotische Entwicklung und eine Erschütterung des Systems in Russland. Auch darauf müssen wir uns vorbereiten. Bisher geschieht das viel zu wenig.
Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf X folgen.
