Ohne Schokolade und Päckchen: Warum wir Pfingsten feiern
In Deutschland ist das Frühjahr von mehreren gesetzlichen Feiertagen geprägt, die auf christliche Traditionen zurückgehen: Karfreitag und Ostern erinnern an die Kreuzigung und Auferstehung Jesu, Christi Himmelfahrt an seine Aufnahme in den Himmel. Pfingsten gilt als das Fest, an dem die christliche Kirche ihren Anfang nahm. Es wird 50 Tage nach Ostern gefeiert. Seine Wurzeln liegen jedoch im Judentum.
Der Name „Pfingsten“ geht auf das griechische Wort „pentēkostē“ zurück und bedeutet „der Fünfzigste“. Nach biblischer Überlieferung kam an diesem Tag der Heilige Geist auf die Jünger Jesu und weitere Gläubige herab. Die Anhänger Jesu hielten sich damals in Jerusalem auf, um das Fest „Schawuot“ zu feiern, ein Erntefest, das sieben Wochen nach Pessach stattfindet und auch als der Tag gefeiert wird, an dem Mose die Zehn Gebote offenbart wurden.
Wunder der Verständigung
Die Jünger seien nach dem Tod und der Auferstehung Jesu erst mal orientierungslos gewesen, erklärt die Berliner Pfarrerin Aljona Hofmann von der evangelischen Gethsemanekirche. Sie hätten sich in ein Haus in Jerusalem zurückgezogen – unsicher, wie es weitergehen sollte. „Und dann kam eben der Heilige Geist über sie, diese Gotteskraft, und sie spürten in sich so eine Lebendigkeit, eine Stärke, die ihnen verloren gegangen war.“
Diese Erfahrung trieb die Jünger dazu, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Hofmann spricht von einem „Wunder der Verständigung“: Menschen unterschiedlicher Herkunft hätten plötzlich miteinander kommunizieren können, trotz unterschiedlicher Sprachen.
Der Überlieferung zufolge gingen die Jünger danach auf die Straßen Jerusalems und zogen viele Menschen in ihren Bann. Rund 3.000 sollen sich daraufhin taufen lassen haben – ein entscheidender Schritt hin zur Entstehung einer organisierten christlichen Gemeinschaft.
Das Abstrakte greifbar machen
Pfingsten gilt in allen christlichen Konfessionen – im Osten wie im Westen – als Geburtsfest der Kirche. In vielen Ländern ist der Feiertag gesetzlich verankert. Für viele Menschen, unabhängig vom Glauben, ist er vor allem eines: ein zusätzlicher freier Tag im späten Frühjahr.
Liturgisch steht Pfingsten im Zeichen der Farbe Rot. Sie symbolisiert nach christlicher Tradition sowohl die Kraft als auch das Feuer des Heiligen Geistes – und gilt zugleich als Ausdruck von Energie und Aufbruch.
In Italien geht man noch einen Schritt weiter: Dort sind mit Pfingsten auch Rosen verbunden, deren Blütenblätter in manchen katholischen Kirchen von der Decke herabgestreut werden. Sie sollen die „Flammenzungen“ symbolisieren, die laut biblischer Überlieferung Maria und die Apostel berührten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diesen Brauch findet sich im Pantheon in Rom. Am Ende der Pfingstmesse lassen Feuerwehrleute tausende Rosenblätter durch die kreisrunde Öffnung der Kuppel in den Innenraum fallen.
Auch in einigen barocken Kirchen in Österreich, Süddeutschland und Frankreich gibt es solche Öffnungen in der Decke – sogenannte „Heilig-Geist-Löcher“. Mancherorts wird zusätzlich eine Taubenfigur hinabgelassen, eines der zentralen Symbole des Heiligen Geistes in der christlichen Tradition.
Solche Rituale versuchen, ein schwer greifbares Konzept anschaulich zu machen. Gerade die Abstraktheit könnte erklären, warum Pfingsten weniger präsent ist als andere christliche Feste. Es sei ein Fest ohne greifbares Bild, sagt Pfarrerin Hofmann. Während Weihnachten mit der Geburt eines Kindes und Ostern zumindest symbolisch mit neuem Leben verbunden sei, bleibe der Heilige Geist für viele schwer fassbar. „Wie will man einen Geist beschreiben?“
Kleine, aber bedeutungsvolle Geschenke
Anders als Weihnachten oder Ostern ist Pfingsten kaum mit weltlichen Bräuchen verbunden. Es gebe auch ein Sprichwort, so Pfarrerin Hofmann, „dass die Geschenke zu Pfingsten am kleinsten“ seien. Kein Weihnachtsmann, kein Osterhase – im Zentrum steht vielmehr die immaterielle „Gabe des Heiligen Geistes“.
In ihrer Gemeinde wird Pfingsten seit Jahren mit einer ökumenischen Feier begangen, an der verschiedene christliche Konfessionen teilnehmen. Im Mittelpunkt steht ein gemeinsamer Gottesdienst, gefolgt von Kaffee und Kuchen sowie Grillwürstchen – ganz im entspannten deutschen Stil.
Für Hofmann verkörpert diese Begegnung das zentrale Motiv des Pfingstfestes: das „Wunder der Verständigung“. Man müsse nicht gleich sein oder dieselbe Sprache sprechen, um einander zu verstehen, sagt sie. Unterschiede könnten bestehen bleiben – und dennoch entstehe Gemeinschaft. „Das ist schon auch ein Wunder, finde ich, dass Menschen sich näher kommen und sich verstehen, trotz aller Unterschiedlichkeit.“
Gerade in einer zunehmend polarisierten Welt sei diese Erfahrung besonders wichtig. Die Fähigkeit, einander zuzuhören und trotz Differenzen in Verbindung zu bleiben, sei vielleicht die entscheidende Botschaft dieses oft unterschätzten Feiertags.
Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck
