Netanjahu spricht von „dramatischer Wende“
Trotz einer vor mehr als sechs Wochen vereinbarten Waffenruhe rückt Israel im Kampf gegen die radikalislamische Hisbollah-Miliz immer weiter ins Nachbarland Libanon vor. Die israelische Armee nahm im Südlibanon die strategisch wichtige Kreuzritterfestung Beaufort ein. Der Vorstoß folgte auf heftigen Beschuss des Nordens von Israel durch die vom Iran unterstützte Hisbollah, die von vielen Staaten als Terrororganisation gelistet wird.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und sein Verteidigungsminister Israel Katz verkündeten, Soldaten hätten auf der Burg Beaufort die israelische Flagge gehisst. Es ist das erste Mal seit 26 Jahren, dass israelische Soldaten die mittelalterliche Festung erreichen.
Israels Armee war im Jahr 2000 nach einer rund 20 Jahre langen Besatzungszeit aus dem Gebiet abgezogen. In dieser Zeit hatten israelische Truppen die Festung als Militärbasis genutzt. „Wir sind vereint, entschlossen und stärker denn je zurückgekehrt“, sagte Netanjahu in einer Videobotschaft.
Mit der Ausweitung der israelischen Bodenoffensive wächst im Libanon die Sorge vor einer erneuten dauerhaften Besetzung des Südens. Das israelische Militär warf der im Libanon agierenden Hisbollah-Miliz vor, in der Gegend Einrichtungen zu haben und von dort aus auch Angriffe ausgeführt zu haben. Israel geht in dem Gebiet nach eigenen Angaben etwa gegen Raketenabschussrampen der Hisbollah vor.
Katz: „Soldaten werden bleiben“
Netanjahu sprach von einer „dramatischen Wende“ in Israels Vorgehen. „Wir haben die Barriere der Angst durchbrochen“, sagte der israelische Premier. Israel habe „Sicherheitszonen“ jenseits seiner Grenzen eingerichtet, um die Bevölkerung zu schützen. Er kündigte zudem die Kontrolle über weitere Gebiete an, die zuvor unter der dem Einfluss der Hisbollah gestanden hätten.
Israel Katz, der Verteidigungsminister, machte zudem deutlich: „Dies ist eine klare Botschaft an unsere Feinde: Wer die Bürger Israels bedroht, wird seine strategischen Positionen eine nach der anderen verlieren.“
Laut israelischen Medien kündigte Katz an, dass Israels Soldaten dort bleiben würden. Die Festung sei Teil der sogenannten Sicherheitszone Israels im Libanon. Die Regierung in Beirut spricht hingegen von einer Besetzung libanesischen Bodens.
Burg-Einnahme bringt strategische Vorteile
Die Kreuzritterfestung Beaufort wurde im 12. Jahrhundert errichtet und liegt knapp nördlich des Flusses Litani, hinter den sich die Hisbollah laut einer Vereinbarung zurückziehen sollte. Von dem in 700 Meter Höhe gelegenen Bau in der Nähe eines nordöstlichen Ausläufers der israelischen Grenze hat man einen guten Überblick über die Umgebung. Der Bergrücken wurde über Jahrhunderte genutzt, um die Gegend militärisch zu kontrollieren.
Nach Einschätzung der israelischen Nachrichtenseite „Walla“ kann Israels Armee von dort aus schnell Bewegungen der Hisbollah erkennen und die Miliz in dem Fall angreifen. Israels militärische Präsenz in der Gegend werde den Transport von Kämpfern, Munition und anderen Gütern erheblich erschweren.
Für die Hisbollah sei der Verlust dieses strategisch wichtigen Punktes schmerzhaft, analysiert „Walla“. Der israelische Sender Kan meldet unter Berufung auf Militärkreise, bei der Einnahme der Gegend habe es Gefechte mit der Hisbollah gegeben.
Zusammen mit weiteren Festungen in dem Gebiet gilt Beaufort als eine der herausragendsten noch vorhandenen Stätten des Mittelalters. Es sei eine der am besten erhaltenen Festungen aus der mittelalterlichen Zeit, schreibt die UN-Kulturorganisation UNESCO.
Der damalige König von Jerusalem ließ sie um das Jahr 1137 errichten. Die UNESCO listet die Festung als kulturelles Erbe, das herausragenden Schutz genießt. Es ist unklar, ob die Stätte durch Kämpfe Israels mit der Hisbollah beschädigt wurde.
Salam: „Versuch, Geschichte auszuradieren“
Der libanesische Ministerpräsident Nawaf Salam warf Israel eine Strategie „der verbrannten Erde und der Kollektivstrafe“ vor. Diese werde Israel „weder Sicherheit noch Stabilität“ bringen, sagte Salam in einer Fernsehansprache.
Laut Staatsagentur NNA sagte Salam zudem, die Angriffe seien ein „Versuch, die Geschichte auszuradieren“. Die Kosten des Kriegs seien für die Libanesen immens. Das Land dürfe nicht zum „Faustpfand“ in regionalen Konflikten werden. Zugleich verteidigte der libanesische Regierungschef die Fortsetzung direkter Verhandlungen mit Israel als den „am wenigsten kostspieligen Weg“ für den Libanon.
Umfassender Evakuierungsaufruf
Ein israelischer Militärsprecher forderte am Sonntagmorgen einen Großteil der Einwohner im Südlibanon dazu auf, sich in das Gebiet nördlich des Sahrani-Flusses – etwa 40 Kilometer nördlich der israelischen Grenze – zu begeben. Eine solch umfassende Fluchtaufforderung hatte es zuletzt kurz vor Beginn der Mitte April verkündeten Waffenruhe gegeben. Jedes von der Hisbollah genutzte Gebäude könne zum Angriffsziel werden, warnte der Sprecher.
Israels Armee begründete den Evakuierungsaufruf mit den Angriffen der Hisbollah auf Israel. Am Vormittag meldete Israels Armee schließlich neue Angriffe auf Ziele der Hisbollah im Südlibanon, darunter in der Hafenstadt Tyrus am Mittelmeer.
Im Zuge des Iran-Kriegs war es auch zu einer erneuten Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah gekommen. Mitte April schlossen die israelische und die libanesische Regierung zwar eine Waffenruhe, die seitdem zweimal verlängert wurde. Die Hisbollah und Israel liefern sich trotzdem tägliche Kämpfe und mitunter schwere Angriffe.
Warnsirenen in Nordisrael
Israels Armee meldete erneut mehrfach Beschuss unter anderem mit Raketen aus dem Libanon. Das Militär fing eigenen Angaben zufolge mehrere Geschosse ab. Die Hisbollah hat zuletzt Angriffe tiefer in Israel ausgeführt, so gab es am Samstag erstmals seit Beginn der Waffenruhe wieder Raketenalarm in der Stadt Safed.
Armeeangaben zufolge wurde ein israelischer Soldat im Südlibanon getötet, er kam demnach bei Drohnenbeschuss der Hisbollah am späten Samstagabend ums Leben. Wegen der Drohnen- und Raketenangriffe der Hisbollah fällt derzeit für Tausende Schüler in mehreren nordisraelischen Orten der Unterricht aus.
Die militärische Eskalation erfolgte trotz diplomatischer Bemühungen in Washington. Dort hatten die USA am Freitag israelische und libanesische Vertreter empfangen, um über einen Friedensplan und die Entwaffnung der Hisbollah zu beraten. Der Libanon war durch neue Angriffe der Terrormiliz auf Israel Anfang März in den Iran-Krieg hineingezogen worden.
AR/as/wa (dpa, rtr, afp)
