Marktbericht: Zuviel Optimismus an der Börse?
Marktbericht
KI- und Friedenshoffnungen treiben die Aktienmärkte weiter an. Aber vieles bleibt unsicher, und weitere Belastungen könnten die Hochstimmung an der Börse trüben.
An der Börse wird die Zukunft gehandelt – dieses Phänomen erklärt viel von dem, was gerade an den Märkten geschieht. Ein Großteil der guten Börsenstimmung in Deutschland ist aus den USA importiert: Die weltweit laufende KI-Rally setzt darauf, dass die milliardenschweren Investitionen der Unternehmen in KI-Anwendungen zu Effizienzsteigerungen und neuen Geschäftsfeldern führen und die gewaltigen Ausgaben dafür rechtfertigen werden.
Ein gehöriger Vertrauensvorschuss in die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz, der sich in teils exorbitanten Bewertungskennziffern niederschlägt. Nicht umsonst hat Elon Musk die KI-Aktivitäten seines Firmenimperiums in seine Weltraumfirma SpaceX eingebracht, was mit zu dem Erfolg des Rekordbörsengangs und zur historisch hohen Bewertung der Aktie beigetragen hat.
Den letzten Anschub für die deutschen Aktienkurse liefert aber die Geopolitik: Noch ist nicht einmal das Rahmenabkommen zur Verlängerung des Waffenstillstands zwischen den USA und Iran unterzeichnet, noch fließt kein Öl aus dem Persischen Golf, noch bleiben wichtige Lieferketten gestört, aber an den Börsen wurde die noch sehr vage Einigung bereits ausgiebig gefeiert. Zudem ist klar, dass diese erst den Auftakt weiterer schwieriger Verhandlungen darstellt. Also ein klassisches Beispiel dafür, dass an der Börse eben zukünftig erwartete Ereignisse in die Kurse einfließen.
Kurstreiber auf fragilem Fundament
Damit ruht die laufende Rally vor allem auf zwei Kurstreibern mit recht fragilem Fundament. Dass die Zukunft gehandelt wird, schließt natürlich mit ein, dass Erwartungen der Börse auch regelmäßig enttäuscht werden.
Bezüglich KI sei nur an den DeepSeek-Schock Anfang 2025 erinnert, der die KI-Rally für mehrere Monate aus dem Tritt gebracht hatte.
Was den Friedensprozess am Persischen Golf betrifft, lassen die Erfahrungen der vergangenen Monate mit hoher Wahrscheinlichkeit Rückschläge für die Hoffnungen auf eine nachhaltige Lösung befürchten. Mögliche Stolpersteine sind dabei etwa das hohe Misstrauen zwischen den Kriegsparteien und die unterschiedlichen Interessenlagen der USA und Israel.
Schwächezeichen aus China
Aber abseits von KI und Iran-Konflikt können natürlich stets auch weitere externe Faktoren wichtig für die Kurse werden. Je nach Stimmung und Anlass kann immer einmal wieder die Sorge um die hohe weltweite Verschuldung in den Vordergrund treten.
Zuletzt haben sich beispielsweise aber auch die Schwächeanzeichen aus China gemehrt. Im Mai ist dort der Konsum erstmals seit der Pandemie zurückgegangen, es wurde weniger investiert und die Immobilienpreise sind gefallen. Die Industrieproduktion blieb allerdings mit einem Wachstum von 4,5 Prozent stabil. Besonders die fallenden Hauspreise zeigten aber, „dass die Binnenkonjunktur weiterhin fragil ist“, sagte etwa Salah-Eddine Bouhmidi, Marktexperte vom Broker IG.
Autobauer alarmiert
Besonders für die deutschen Autohersteller alarmierend ist der Absatzeinbruch am chinesischen Automarkt. Nach Daten des chinesischen Autoverbands CPCA sanken die Verkäufe zwischen Januar und Mai im Jahresvergleich um fast 20 Prozent. Dazu trugen nach Aussagen des Verbands vor allem wegfallende staatliche Hilfen und die hohen Benzinpreise im Zuge des Iran-Kriegs bei. Aber auch die schwache Konsumstimmung angesichts der anhaltenden Immobilienkrise dürfte eine Rolle gespielt haben.
„Die Volkswagen Group China kann sich diesem Trend nicht entziehen“, teilte der Wolfsburger Autobauer in Peking mit. „Wir passen unsere Pläne entsprechend an.“
Volkswagen und die anderen Autotitel gehören heute denn auch zu den größten Verlierern im DAX. Bis zum frühen Nachmittag gewinnt der deutsche Leitindex aber insgesamt noch ein halbes Prozent auf 25.017 Punkte – dank des weiter hohen Optimismus.

