„Marc’ Antonio e Cleopatra“ in der Elisabethkirche


Kleopatra tritt auf, goldbestickt. Sie hat eine Stimme wie aus flüssigem Gold. In verschlungenen Koloratur-Girlanden, metallisch leuchtend, beschwört sie vorausblickend den eigenen Tod, gleich in ihrer ersten Bravourarie, in der Requiemtonart d-moll.

An sich ist „Marc’Antonio e Cleopatra“, das Stück, mit dem der deutsche Musikstudent Johann Adolf Hasse im September 1725 in Neapel debütierte, noch keine große Oper, nur eine kurze erste Visitenkarte. Es passiert auch nicht viel. Die Liebenden treffen einander wieder nach der Schlacht bei Actium. Beide wissen: Jetzt sind sie dem Sieger Oktavian ausgeliefert. Er klagt, sie schwärmt. Acht Arien, zwei Duette. Dann begehen sie gemeinsam Selbstmord.

Jede einzelne Musiknummer in diesem Kammerspiel ist ein Hit, voll überraschender Wendungen, klug instrumentiert und figurativ reich ausgeschmückt. Die Wiederaufführung dieses Erstlingswerks durch die Akademie für Alte Musik in der ausverkauften Elisabethkirche entwickelte sich am Pfingstsamstag geradezu zu einem Fest. Denn sie stellte, wahrhaft „spiritoso e staccato“, vom ersten Ton der Sinfonia an die sehr spezielle Qualität dieser Komposition glanzvoll aus.

Beste Kräfte musizieren unter Leitung von Konzertmeister Bernhard Forck, subtil im Detail, energiegeladen in Tempo und Dynamik, auch das Continuo gestaltet subtil variantenreich die Argumente der beiden Sänger nach, mit Raphael Alpermann federführend am Cembalo. So, dass man leicht begreift: Für den jungen Hasse war dies ja ein Gesellenstück, quasi das erste Sprungbrett in die Professionalität, bei dem er alles auf eine Karte setzte.

Margherita Maria Sala (Alt) © Giulia Saldarini
Margherita Maria Sala singt die Rolle des Marc’Antonio

© Giulia Saldarini

Das gilt auch für die beiden meisterhaft gestalteten Vokalpartien. Und letztlich auch für den damals um sechs Jahre jüngeren neapolitanischen Soprankastraten Carlo Broschi, der die Partie der Kleopatra sang; so hübsch und so hochbegabt, mit einer so betörend starken und beweglichen Stimme, dass er bald darauf unter dem Künstlernamen Farinelli europaweit Karriere machte und auch später immer wieder bevorzugt Frauenrollen sang. Bis heute hallt sein Ruhm nach.

Zwar, das Werk an sich ist eine Rarität, heute praktisch vergessen. Doch einige Farinelli-Nummern daraus haben die Jahrhunderte ganz gut überlebt. Etwa die sogenannte „Hermelin“-Arie der Kleopatra, oder ihre erwähnte d-moll-Todesahnungsarie „Morte col fiero aspetto“, die nach wie vor auftaucht in diversen Barockrecitals.

Regula Mühlemann sang das, auch Cecilia Bartoli: ein unwiderstehlich versatiles Showpiece, das auch diesmal wieder das Publikum hinreißt zu einem kurzen, heftigen Zwischenapplaus für den fabelhaften jungen Sopranisten Federico Fiorio. Der hatte zuletzt voriges Jahr in Salzburg als Sesto in Händels „Giulio Cesare“ Eindruck gemacht, nicht nur mit seiner Bühnenpräsenz.

Glockenrein ist diese Stimme, technisch einwandfrei beweglich, sauber und schlank geführt. Sie hat die seltene Eigenfarbe androgyner Keuschheit. Auch hier singt sich Fiorio damit sofort an die Rampe: Seine Kleopatra wird zur Heldin oder vielmehr zum Helden des Abends.

Der Altistin Margherita Maria Sala, die, mit fast römischem Profil und wunderbar warmer Mittellage den kernigen Feldherrn Marc Anton verkörpert, fallen dagegen die eher lyrischen Töne des Zweifels und der Klage zu. Ein Gender-Quid-Pro-Quo der Extraklasse. Fehlt eigentlich nur noch eines: die fällige Plattenaufnahme dieser Produktion. Dafür sind bisher noch keine Mittel in Sicht.



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