Letzter Vorhang für US-Moderator Stephen Colbert
„Das ist nicht nur das Ende unserer Show, sondern das Ende der ‚Late Show‘ bei CBS. Ich werde nicht ersetzt. Das Ganze verschwindet einfach“, sagte Stephen Colbert im Juli 2025 zu seinem Publikum, als er bekanntgab, dass die langjährige Sendung mit dem Ende seines Vertrags eingestellt wird – eine „rein finanzielle Entscheidung“, wie CBS verlauten ließ. Die letzte Folge der Late-Night-Talkshow läuft am 21. Mai. Und damit geht ein Format, dass weit über die Grenzen der USA hinaus bekannt und weltweit adaptiert wurde.
Auch wenn Colbert einräumt, dass der wirtschaftliche Zusammenbruch klassischer TV-Modelle dazu beigetragen haben könnte, „gibt es viele Menschen, die glauben, dass noch ein anderer Grund dahintersteckt“, sagte der Moderator kürzlich im Gespräch mit „The Hollywood Reporter“.
Tatsächlich kam die Ankündigung nur wenige Tage, nachdem CBS und Paramount – Eigentürmer von CBS – einem 16 Millionen Dollar-Vergleich (13,6 Millionen Euro) in einem Rechtsstreit mit US-Präsident Donald Trump zugestimmt hatten. Den Deal bezeichnete Colbert in seiner Sendung als „fette Bestechung“.
Hinzu kommt, dass diese Einigung sowie der Entschluss die „Late Show“ zu einzustellen in eine Phase fielen, in der Paramount eine milliardenschwere Fusion mit dem Filmstudio Skydance vorantrieb, für die die Zustimmung der US‑Behörden erforderlich war.
Colbert geht – Trump ist entzückt
Colbert, der die wichtigste Late-Night-Show von CBS elf Jahre lang moderierte, gilt als scharfer Kritiker Trumps. Der Präsident feierte die Absetzung des Komikers offen: „Ich finde es großartig, dass Colbert gefeuert wurde“, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social. „Sein Talent war noch geringer als seine Einschaltquoten. Ich hörte, Jimmy Kimmel sei als Nächstes dran. Der hat noch weniger Talent als Colbert!“
„The Late Show“ war die zuletzt meistgesehene Late-Night-Sendung der USA – mit durchschnittlich mehr als 2,7 Millionen Zuschauern im Jahr 2026. Weitere zehn Millionen Menschen folgen Colbert auf YouTube.
Der politische Wandel der Late-Night-Shows
Late-Night-Fernsehen hat in den USA eine lange Tradition, die bis in die 1950er Jahre zurückreicht.
Als legendärer Gastgeber der NBC-Show „The Tonight Show“ machte Johnny Carson das Format zwischen 1962 und 1992 zu einer kulturellen Institution. Seine pointierten Eröffnungsmonologe wurden zum Markenzeichen moderner Talkshows.
Auch David Letterman, Colberts Vorgänger bei CBS, prägte das Genre entscheidend. Vor allem sein respektloser, sarkastischer Stil beeinflusste eine ganze Generation späterer Hosts – darunter Jon Stewart, Jimmy Kimmel und Stephen Colbert. Auch in anderen Ländern adaptierten Moderatoren die US-Talkshow-Formate, oft mit großem Erfolg.
Mit Trumps erster Wahl 2016 wurde das politische Kommentieren in Late-Night-Shows deutlich wichtiger. Colbert setzte besonders stark auf diesen Kurs, weil er perfekt zu seiner bisherigen Arbeit passte. „Colbert brachte ganz klar seinen eigenen Stil mit“, sagt die Satireforscherin Sophia A. McClennen von der Pennsylvania State University im Gespräch mit der DW.
McClennen, Autorin von Büchern wie „Colbert’s America: Satire and Democracy“, analysiert Colberts Arbeit schon lange vor dessen Wechsel zur „Late Show“ im Jahr 2015.
Colbert und das „postfaktische“ Zeitalter
Bekannt wurde Colbert zunächst als Reporter der Comedy-Central-Sendung „The Daily Show“, wo er von 1997 bis 2005 auftrat. Danach moderierte er mit „The Colbert Report“ seine eigene Nachrichtensatire.
Darin spielte Colbert die überzeichnete Figur eines konservativen TV-Kommentators. Seine Sendung machte sich über politische Medien, Ideologien und öffentliche Heuchelei lustig.
Weil Colbert als Kunstfigur auftrat, verstanden manche Zuschauer diese „hochkomplexe Form der Satire“ nicht vollständig, erklärt McClennen. Trotzdem habe er seinem Publikum schon damals beigebracht, Macht kritisch zu hinterfragen.
Schon in der allerersten Folge von „The Colbert Report“ prägte Colbert 2005 den Begriff „truthiness“ – eine gefühlte Wahrheit, unabhängig davon, was Fakten belegen.
Das war mehr als zehn Jahre vor Trumps erster Präsidentschaft, die bekanntlich mit falschen Angaben zur Größe der Menschenmenge bei seiner Amtseinführung begann – Aussagen, die später als „alternative Fakten“ bezeichnet wurden. Begriffe wie diese stehen inzwischen sinnbildlich für das sogenannte „postfaktische Zeitalter“.
Wenn Kritik verstummen soll
Als Colbert Gastgeber der „Late Show“ wurde, legte er seine konservative Kunstfigur zwar ab – politisch blieb seine Comedy aber weiterhin.
Das Ende der „Late Show with Stephen Colbert“ betrifft deshalb nicht nur die Karriere eines einzelnen Moderators. Viele sehen darin Teil eines größeren Trends, Kritiker mundtot zu machen – ein Vorgehen, das auch autoritäre Regierungen nutzen, um demokratische Institutionen zu schwächen.
„Komiker sind von Natur aus anti-autoritär“, sagte Colbert kürzlich der New York Times. „Und Autoritäre werden niemals darüber lachen, wenn man sich über sie lustig macht.“
Colbert ist nicht der einzige, den es trifft: 2025 hat der Sender ABC die Show von Colberts Kollegen Jimmy Kimmel vorübergehend abgesetzt. Dies wurde das als Zensur kritisiert. Nach massiven Boykottaufrufen gegen Disney – den Eigentümer von ABC – wurde die Entscheidung wieder zurückgenommen. Trotzdem wirft Anna Gomez, die einzige Demokratin in der US-Medienaufsicht FCC, der Trump-Regierung vor, Disney weiterhin gezielt unter Druck zu setzen.
In einem Brief an Disney schrieb Gomez am 11. Mai, es gebe derzeit eine „koordinierte Kampagne aus Zensur und Kontrolle“, bei der die Befugnisse der Medienaufsicht genutzt würden, um freie und unabhängige Medien gefügig zu machen.
„Comedy stirbt nicht“
Trotz dieser Entwicklung blickt Satireforscherin McClennen optimistisch auf die Zukunft politischer Comedy.
„Stephen Colbert wird nach dem 21. Mai nicht mehr Gastgeber der ‚Late Show‘ sein. Aber bedeutet das das Ende politischer Satire? Oder das Ende von Humor, der Regierungen kritisiert? Auf keinen Fall“, sagt sie. „Menschen nutzen politische Comedy, um absurde politische Situationen zu verstehen.“
McClennen untersucht derzeit Nachrichtensatire aus aller Welt – „aus Nigeria, Taiwan, Mexiko und vielen anderen Ländern“. Ihre Erkenntnis daraus: „Immer wenn Satire zensiert werden soll, kommt sie kämpferisch zurück. Comedy stirbt nicht. Sie kommt stärker zurück.“
