Lauf am Mainufer: Amanal Petros besucht den Frankfurter Lauftreff


Was dauert länger, den deutschen Rekord über die Halbmarathondistanz zu laufen, wie es Amanal Petros Ende März auf den Straßen Berlins in 59:22 Minuten tat, oder Anfang Mai auf einem Gehweg in Frankfurt weit über 100 Fotowünsche zu erfüllen und für jede Läuferin und jeden Läufer noch ein gutes Wort oder einen Schulterklopfer parat zu haben?

Es dauert ähnlich lange. Am Montagabend hat sich Petros einer Trainingseinheit des Frankfurter Laufshops angeschlossen. Dem besten deutschen Langstreckenläufer nahezukommen und eine Runde mit ihm am Mainufer zu drehen – das zog offensichtlich. Auf dem Gehweg vor dem in diesem Jahr 25 Jahre alten Laufgeschäft in der Innenstadt war fast den ganzen Abend kein Durchkommen mehr. Etwa 300 Leute in quietschbunten Laufschuhen und Funktionskleidung waren zum gemeinsamen Lauf am Montagabend gekommen. So viele wie noch nie, wie Laufshop-Inhaber Jost Wiebelhaus strahlend sagte.

Im Gespräch mit der F.A.Z. sagte Petros: Es bedeute ihm viel, Menschen zu treffen, denen es wiederum etwas bedeute, was er bei den größten Straßenwettkämpfen erreiche.

Sawes Weltrekord eine Inspiration, „wieder auf die Arbeit zu gehen“

Im vorigen Jahr gewann der gebürtige Eritreer, der als Flüchtling nach Deutschland gekommen war, bei den Weltmeisterschaften in Tokio sensationell die Silbermedaille im Marathon – die aber sogar etwas trüb glänzte, weil Petros Gold um gerade einmal drei Hundertstel Sekunden verpasst hatte. Im Dezember dann holte er sich in Valencia in 2:04:03 Stunden den deutschen Rekord über 42,195 Kilometer zurück. Sein nächstes Ziel: den Europarekord (2:03:36 Stunden) angreifen – in London.

Die Vorbereitung in Kenia unterbrach Petros für eine Reise nach Berlin, wo er den deutschen Halbmarathonrekord verbesserte. In London merkte er dann „nach 30 Kilometern, dass es nicht funktioniert. Da ging es für mich nur noch darum, heil ins Ziel zu kommen, zu akzeptieren und daraus zu lernen.“ Den richtigen Umgang mit Niederlagen, aber auch mit Siegen, habe er sich über die Jahre angeeignet, so Petros.

Dass er in London in 2:08:31 Stunden auf Rang 15 hinter den Erwartungen blieb, war nur eine kleine Randnotiz an dem Tag, als der Kenianer Sebastian Sawe in 1:59:30 Stunden als erster Mensch in einem offiziellen Rennen unter der Zwei-Stunden-Marke blieb. Petros zeigte sich in Frankfurt nicht überrascht darüber, dass es in diesem Frühjahr passiert sei, sondern dass es in London auf einer Strecke geschehen sei, die nicht als die schnellste gilt. Die Leistung von Sawe sei für ihn eine Inspiration gewesen, „direkt wieder auf die Arbeit zu gehen“, wie Petros mit einem Schmunzeln sagt, „meinen Körper Jahr für Jahr, Tag für Tag zu entwickeln“. Um eines Tages vielleicht auch in ähnliche Sphären vorzustoßen.

Spartanisches Leben im kenianischen Hochland

Viele Monate im Jahr verbringt Amanal Petros in Trainingslagern im kenianischen Hochland, „mit Trainieren, Essen, Schlafen, mehr nicht. Und am nächsten Tag das Gleiche wieder.“ Er glaube an den Lohn von harter Arbeit und Disziplin, sagt Petros, dessen Körperbau samt langer Beine ideale Voraussetzungen für den Weltklasse-Laufsport bietet.

In Kenia rennt er bis zu 220 Kilometer die Woche, also im Schnitt über 30 Kilometer am Tag. Es sei schließlich bekannt, dass der Marathon fies sei, „wie viel Kraft, Energie und Zeit er erfordert für einen menschlichen Körper, der von Natur aus nur bis etwa 35 Kilometer Laufstrecke gebaut ist. Von Kilometer 35 bis 42 gilt es, über die Grenzen hinauszugehen“, sagt Petros.

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Wenn ab Kilometer 30 die kritische Phase in einem Rennen beginnt, hat er sich Techniken bereitgelegt, um Zweifel zu beseitigen und die Schmerzen zu ertragen. Wenn Schritt für Schritt mehr Laktat komme, rufe er sich Bilder von der harten Vorbereitung vor Augen. „Sie zeigen mir, dass manche Trainingstage in Kenia zigmal schlimmer sind als der Wettkampf. Dann denke ich auch an meine Familie und andere Leute, die jetzt gerade im Rennen mit mir mitfiebern“, sagt Petros.

Es ist gut möglich, dass zu diesem Kreis künftig auch einige Laufsportinteressierte mehr aus dem Rhein-Main-Gebiet gehören, vor allem wenn er sich für einen Start beim Frankfurt-Marathon entscheiden sollte. Der sei in der engeren Auswahl für seinen Herbstmarathon, tat er per Mikrofon auf dem Gehweg kund. Auch eine Teilnahme am EM-Marathon in Birmingham Mitte August sei möglich.

Selbst das schnellste Tempo wirkt wie ein Abendspaziergang

Anfang August wird zunächst Petros Autobiographie „42,195 Kilometer – mein langer Lauf in die Freiheit“ erscheinen. Darin wird er auch im Detail von seiner Fluchtgeschichte erzählen, was er bislang vermieden hatte. Als Kleinkind war er mit seiner Mutter aus der Militärdiktatur Eritreas ins Nachbarland Äthiopien geflohen.

Als 16-Jähriger kam er als unbegleiteter Flüchtling in Deutschland an. Weil seine Mutter und seine beiden Schwestern in der äthiopischen Krisenregion Tigray lebten, war der Kontakt immer wieder teils monatelang unterbrochen. Ein Versuch, seine Mutter nach Deutschland zu holen, scheiterte an den deutschen Behörden.

Sein zugewandtes Wesen hat sich Petros aber immer bewahrt. Das zeigt sich auch, als auf dem Gehweg auf der Großen Friedberger Straße die Laufschuhe noch mal nachgeschnürt werden. Es wird in Tempogruppen von 4:30 bis sieben Minuten je Kilometer gelaufen. Petros entscheidet sich für die schnellste Gruppe – ein Tempo, das auf zehn Kilometern am Main auch ambitionierte Mitläufer fordert, das für einen wie Petros aber wie ein Abendspaziergang anmutet.

Petros nutzt die langsame Laufzeit ausgiebig, um Inhalte für die sozialen Medien zu produzieren. Der Abend steht auch sinnbildich dafür, dass es für Athleten wie ihn längst nicht mehr reicht, schnell zu rennen, gut zu kicken oder treffsicher zu werfen. Sondern es gilt, die Fans auch persönlich abzuholen – ob in den sozialen Medien oder beim gemeinsamen Überqueren von Zeil und Berliner Straße. Zur Überraschung vieler Passanten und Autofahrer.



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