Lage des VW-Konzerns: „Ein Sparprogramm allein ist keine Strategie“


Roboter montieren im VW Stammwerk im Karosseriebau Türen an einen Neuwagen.

Stand: 18.06.2026 • 06:26 Uhr

Volkswagen müsse nicht nur die Kosten senken, sondern vor allem attraktive Modelle entwickeln, warnen Analysten großer Fondsgesellschaften. Auf der Hauptversammlung des Konzerns heute dürften kritische Nachfragen kommen.

Wenn Vorstandsvorsitzende wie Oliver Blume vor ihre Aktionärinnen und Aktionäre treten und ihnen die aktuelle wirtschaftliche Lage ihres Unternehmens darlegen müssen, dann geht es in der Regel vor allem um eins: die Lage so positiv wie möglich darzustellen, Probleme eher kleinzureden und generell den Eindruck zu erwecken, für jede Herausforderung die richtige Lösung im Köcher zu haben.

Und VW-Vorstandschef Oliver Blume? Auch er verweist in seinem bereits vor der heutigen Hauptversammlung veröffentlichten Redemanuskript auf die Erfolge des Konzerns: Auszeichnung als innovativstes Automobilunternehmen der Welt, klarer Marktführer bei den Elektroautos in Europa, 30 neue Modelle allein für den chinesischen Markt.

Die Kosten müssen runter – wieder mal

Auf Seite sieben seiner gut acht Seiten langen Rede findet sich dann aber auch dieser Satz: „Die Risikolage war noch nie so hoch – und sie wird sich weiter verstärken. Deshalb müssen und werden wir uns weiter verbessern.“

Weltweite Kriege und Krisen, neue US-Zölle und ein Preiskampf in China machen VW das Leben schwer. Was daraus unter anderem folgt, macht Blume ebenfalls deutlich: „Der größte unternehmerische Handlungsbedarf liegt weiterhin bei unseren Kosten.“

Bedeutet: Die Kosten müssen runter, VW muss sparen – wieder mal, beziehungsweise: noch mehr. Bereits Ende 2024 hatte sich das Unternehmen nach monatelangem, hartem Ringen mit Betriebsrat und Gewerkschaft auf einen Sparkurs verständigt.

Zehntausende verlassen den Konzern

Bis 2030 sollen an zehn VW-Standorten etwa 35.000 Stellen sozialverträglich abgebaut werden, die meisten davon in Niedersachsen. 28.000 Beschäftigte haben ihren Austritt laut VW schon vertraglich fixiert. Hinzu kommen Stellenabbau-Programme bei Porsche und Audi. Dort sollen insgesamt 15.000 Jobs wegfallen.

Doch nach knapp zwei Jahren zeichnet sich ab: Das Sparprogramm muss wohl verschärft werden. Und, wie 2024 wird deutlich: Ohne Einschnitte, ohne Schmerzen und ohne Protest wird das kaum gehen.

Es kommt auf die Produkte an

VW müsse Kosten senken, um wettbewerbsfähig zu sein, sagt auch Janne Werning, Analyst bei der Fondsgesellschaft Union Investment. Nur: „Ein Sparprogramm allein ist keine Strategie.“

Wenn es Volkswagen nicht gelinge, Lösungen für die Probleme in China und den USA zu finden und einen erfolgreichen Umgang mit dem Wandel zu software-definierten Fahrzeugen zu finden, dann helfe auch das Sparen nicht. VW müsse „wirklich beides ausbalancieren“, so Werning. Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka sieht das ähnlich: „Volkswagen muss attraktive Produkte produzieren, dann ist die Kostenfrage erst mal zweitrangig.“

IG Metall und Betriebsrat drohen mit Widerstand

IG Metall und der VW-Betriebsrat dürften das gerne hören. In einer gemeinsamen Erklärung weisen sie schon mal vorsorglich auf ihre „Leitplanken“ hin: „gute Arbeit, Zukunftsperspektiven und sichere Beschäftigung“. Und ergänzen diese um eine Ankündigung mit einer Prise fein dosierter Drohung: „Was dem zuwiderläuft, werden wir auch in Zukunft mit aller Härte bekämpfen.“

Werksschließungen etwa sind für Gewerkschaft und Betriebsrat weiterhin absolut indiskutabel – ein Punkt, an dem sich bereits 2024 der Streit mit VW entzündete. Kaum vom Tisch, wird über das Thema nun erneut spekuliert. Werke wie Hannover oder Emden gelten als teuer, sind aber – wie andere auch – über den „2024er-Kompromiss“ abgesichert bis 2030. Aktuell gibt es nur für den Standort Osnabrück keine gesicherte Perspektive über 2027 hinaus.

VW-Aufsichtsrat in der Kritik

Für Konzernchef Oliver Blume heißt all das: 2026 ist erneut kein einfaches Jahr. Alle Autobauer kämpfen mit schwierigen Rahmenbedingungen, aber den großen, komplexen VW-Konzern durch die Krise zu manövrieren, gilt als eine besondere Herausforderung.

Das liegt aus Sicht von Werning auch daran, dass der Aufsichtsrat „sehr sehr schwerfällig“ ist durch seine besondere Struktur: Das Land Niedersachsen, die Familien Porsche und Piech, Gewerkschaft und Betriebsrat – sie alle mischen dort mit – mit all ihren unterschiedlichen, mitunter gegensätzlichen Vorstellungen.

Auch der Deka-Experte Speich sieht viele Nachteile und fordert Reformen im Aufsichtsrat. Er spricht in dem Zusammenhang gar von „schwacher Unternehmensführung“. Den Vorstand mit Oliver Blume an der Spitze meint er damit allerdings ausdrücklich nicht.



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