Krieg gegen die Ukraine: Russische Angriffe auf Züge und Bahnhöfe
Zunehmend greift Russland ukrainische Züge während der Fahrt an, um Zivilisten zu töten. Immer mehr Bahnmitarbeiter und Reisende sterben. Nun evakuiert die Bahn bei Alarm auch auf offener Strecke.
Kyrylo war mit seiner Frau mit dem Zug von Kiew unterwegs in Richtung Charkiw im Osten der Ukraine. Die beiden wollten dort einen Freund besuchen, der in der Armee dient.
Es war eine unruhige Fahrt, mehrfach mussten sie den Zug verlassen – wegen russischer Luftangriffe. Den ersten Alarm gab es bereits am Kiewer Bahnhof: „Wir waren gerade in den Zug gestiegen, hatten uns hingesetzt, da hieß es: Alle aussteigen, Schutz suchen! Es waren Schüsse der Flugabwehr zu hören, Luftalarm und all das.“
Die nächste Evakuierung erfolgte auf freier Strecke, erzählt Kyrylo. „Das war irgendwo mitten im Wald. Ein seltsames, ungewöhnliches Gefühl – wenn alle den Zug verlassen und in den Wald gehen.“
Seit Jahren attackiert Russland zivile Ziele in der Ukraine. Immer häufiger werden nun auch Personenzüge angegriffen – im ganzen Land.
Tote Mitarbeiter und Reisende
Russland greift ukrainische Bahnanlagen bereits seit 2022 an. Zunächst waren es Bahnhöfe, Eisenbahnbrücken, Depots.
Das habe sich geändert, sagt Bahnchef Oleksandr Pertsowskiy: „Die Technologien haben sich weiterentwickelt. In bestimmten Landesteilen – und die dehnen sich leider ständig aus – verfügt der Feind heute über Fähigkeiten und Mittel, seine Angriffswaffen, insbesondere Drohnen, in Echtzeit zu steuern. Er kann so direkt auf fahrende Züge zielen.“
Und genau das tut Russland immer häufiger. Zahlreiche Bahnmitarbeiter und Reisende wurden in den vergangenen Wochen getötet. Die meisten Opfer forderte ein Drohnenangriff auf einen Fernzug mit 291 Passagieren im Gebiet Charkiw Ende Januar, bei dem fünf Menschen starben.
Evakuierungen während der Fahrt
Danach beschloss das Bahnmanagement, Personenzüge bei einem drohenden Angriff zu evakuieren. Das führe zwar zu Verspätungen, aber es rette Leben, erläutert Bahnchef Pertsowskiy. „Ein Waggon kann wegen seiner Bauweise und weil er sehr schnell brennt zur Todesfalle werden. Das Metall verformt sich schnell, und es werden chemische Stoffe freigesetzt.“
Die Bahn sei in einem ständigen engen Austausch mit dem Militär, so der Bahnchef, analysiere die Bedrohungen genau. Nicht nur in Frontnähe, auch auf der vermeintlich sicheren Bahnstrecke Richtung Westen wurden bereits Züge wegen anfliegender Drohnen evakuiert.
Zahlreiche Bahnmitarbeiter und Reisende wurden in den vergangenen Wochen getötet. Hier nimmt eine Bahnmitarbeiterin an einer Evakuierungsübung teil.
„Alle in den Wald!“
Einige Reisende haben Videos in sozialen Netzwerken gepostet. „Alle in den Wald!“, ruft ein Mann in einem Video. Menschen schlagen sich in die Büsche. Im Hintergrund ist ein Zug zu sehen, aus dessen vorderem Teil Flammen lodern, schwarzer Rauch breitet sich aus. Zwei Treffer habe es schon gegeben.
In einem anderen Selfie-Video hastet eine Frau im Dunkeln zurück zu ihrem Abteil. Drei Stunden habe sie im Schutzraum verbracht. Ihr Zug habe den ungeplanten Zwischenstopp zum Glück an einem Bahnhof eingelegt. „Na gut, steigen wir wieder ein.“
Kyrylo und seine Frau haben bei ihrer Evakuierung auf freier Strecke Schüsse gehört, sahen eine Drohne und einen Hubschrauber, der die feindliche Drohne verfolgte. Die Menschen seien ruhig geblieben. „Mir scheint, unsere Gesellschaft hat sich an solche Dinge gewöhnt. Wir haben es mit Humor genommen. Eine Mitreisende führte ihren Hund spazieren. Wir haben gesagt: ‚Oh, wie praktisch. Ein Zwischenstopp, damit Sie Gassi gehen können‘.“
Die Bahn als Symbol des Widerstands
Doch bei allem Humor markieren die russischen Angriffe auf die Personenzüge einen Einschnitt. Denn Russland greift mit der Bahn ein Symbol des ukrainische Widerstands an. Trotz des Krieges sind die Züge fast immer gefahren und pünktlich angekommen. Nun herrscht Verunsicherung, auch bei Kyrylo:
Früher war die Bahn wie eine magische Welt. Du stiegst in den Zug und die Angriffe, der Krieg blieben draußen. Du fühltest dich aufgehoben. Jetzt sind selbst die Züge nicht mehr sicher.
Die Bahn will trotz der Bedrohung so viele Strecken wie möglich weiter bedienen. Die Menschen in der Ukraine werden die Züge weiter nutzen. Sie haben keine andere Möglichkeit.
