Kommt die Wiedervereinigung mit Rumänien?


Die beiden Staatsoberhäupter hegen ganz offensichtlich große Sympathie füreinander. Anfang Mai posteten die moldauische Präsidentin Maia Sandu und ihr rumänischer Amtskollege Nicusor Dan auf ihren Facebook-Seiten ein gemeinsames Bild: Sie sitzen in einem rumänischen Militärflugzeug lächelnd nebeneinander. „Zusammen mit dem Präsidenten Nicusor Dan sind wir sind auf dem Weg in die Hauptstadt Armeniens, wo das Gipfeltreffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft stattfinden wird“, schrieb Maia Sandu dazu.

Es war das erste Mal überhaupt, dass Staatsoberhäupter der Republik Moldau und Rumäniens gemeinsam zu einem internationalen Gipfeltreffen anreisten und bei der Ankunft auf dem Flughafen protokollarisch auch zusammen begrüßt wurden. Die Geste dürfte mit Absicht geplant gewesen sein. Sie ist von hoher Symbolik für ein Thema, das an Relevanz gewinnt: die Wiedervereinigung zwischen der Republik Moldau und Rumänien.

Erstmals überhaupt amtieren in den beiden Ländern gleichzeitig Staatsoberhäupter, die eine Vereinigung positiv sehen. Bisher hatten alle vorherigen moldauischen Staatschefs sich dagegen ausgesprochen. In Rumänien wiederum war lediglich Traian Basescu, der von 2004 bis 2014 als Präsident amtierte, ein hartnäckiger Verfechter des „Unionismus“.

„Rumänien ist vorbereitet“

Die jetzige moldauische Präsidentin Maia Sandu ist bekannt für ihre unionistische Haltung, rührte das Thema aber lange Zeit kaum an. Erst in den vergangenen Monaten sprach sie sich in Interviews mit internationalen Medien offen für eine Wiedervereinigung aus. Im Januar 2026 sagte sie der BBC, sie persönlich würde bei einem Referendum über eine Wiedervereinigung mit Ja stimmen. Ende April plädierte sie gegenüber Le Monde erneut für eine Wiedervereinigung.

Eine Frau hinter einem Mikrofon (Maia Sandu), im Hintergrund unscharf ein Soldat und eine Flagge
Die moldauische Staatspräsidentin Maia SanduBild: Mindaugas Kulbis/AP Photo/dpa/picture alliance

Der rumänische Präsident Nicusor Dan äußerte sich daraufhin positiv über das Projekt und sagte: „Rumänien ist vorbereitet darauf.“ Dan ist zugleich der erste Präsident Rumäniens, der keine paternalistische Attitüde gegenüber den „Brüdern und Schwestern im Nordosten“ an den Tag legt, sondern das Nachbarland und seine Menschen auf Augenhöhe behandelt. Das kommt in der Republik Moldau gut an.

Zudem haben Maia Sandu und Nicusor Dan auch persönlich ein enges Verhältnis. Sie waren in der Vergangenheit beide lange Zeit Anti-Korruptionsaktivisten und kämpften gegen staatliche Willkür und Machtmissbrauch. Maia Sandu ist außerdem, wie viele ihrer Landsleute, rumänische Staatsbürgerin. Als Präsidentin unterstützte sie Nicusor Dan bei der rumänischen Präsidentschaftswahl im Mai 2025 und stimmte für ihn.

Gemeinsame Sprache und Geschichte

Das mag seltsam wirken – eine Staatschefin, die auch Bürgerin eines Nachbarlandes ist, dort wählt und sich letztlich für das Ende ihres eigenen Staates ausspricht. Doch es zeigt, wie eng die Republik Moldau und Rumänien verbunden sind – sprachlich, historisch und kulturell.

In beiden Ländern ist die Amtssprache Rumänisch. Das einstige Fürstentum Moldau teilten Russland und das Osmanische Reich 1812 unter sich auf. Die Grenze – fast genau in der Mitte – war der Fluss Pruth. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, im Dezember 1918, beschloss die neu entstandene Führungselite in dem von Russland annektierten Teil der Moldau die Wiedervereinigung mit Rumänien, das seinerseits 1859 durch die Vereinigung der Fürstentümer Moldau und Walachei gegründet worden war.

Zwei Männer (Ribbentrop und Stalin) in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme
Der sowjetische Diktator Josef Stalin und der Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop am 23.08.1939 in MoskauBild: akg-images/picture-alliance

1940 ließ der Sowjet-Diktator Josef Stalin das moldauische Territorium am linken Ufer des Pruth im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes erneut annektieren und bildete daraus zusammen mit dem schmalen Landstreifen Transnistrien die Moldauische Sowjetrepublik. Sie erlangte 1991 noch vor dem offiziellen Ende der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit.

Lange Zeit spielten weder dort noch in Rumänien unionistische Strömungen eine nennenswerte politische Rolle. Dennoch warnt Russland seit 1991 vor einer angeblichen „faschistischen Wiedervereinigung“ der Republik Moldau mit Rumänien. Es war auch eines der Narrative, das in der Republik Moldau zur schrittweisen Abspaltung Transnistriens von 1990 bis 1992 führte – was mit Russlands erstem Krieg nach dem Zerfall der Sowjetunion einherging.

Zahl der Befürworter steigt

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Befürworter einer Wiedervereinigung jedoch stark gestiegen. In der Republik Moldau wären laut einer Umfrage vom März 2026 rund 42 Prozent dafür und 47 Prozent dagegen. In Rumänien würden aktuell rund 72 Prozent für eine Wiedervereinigung stimmen.

Einer der Gründe ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der vor allem in der Republik Moldau zu einem Stimmungsumschwung bei vielen Menschen führte, die noch Illusionen über Russland hatten. Zudem besitzt geschätzt mehr als ein Drittel der rund 2,4 Moldauerinnen und Moldauer auch die rumänische Staatsbürgerschaft. Rumänien ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner der Republik Moldau. Es half dem Nachbarn auch, sich von der russischen Energieabhängigkeit zu lösen und an europäische Energienetze anzubinden.

Ein Denkmal eines Mannes (Lenin), dahinter ein großes realsozialistisches Gebäude
Das Gebäude des Obersten Sowjets im separatistischen Gebiet Transnistrien, vorn im Bild ein Lenin-DenkmalBild: Violeta Colesnic/DW

Die Schriftstellerverbände Rumäniens und der Republik Moldau schrieben Anfang Mai in einer gemeinsamen Stellungnahme: „Es ist Zeit, von Absichtserklärungen zu konkreten Taten zu schreiten.“ Doch es dürfte dauern, bis es dazu kommt. So etwa gibt es in den Verfassungen der beiden Länder hohe Hürden für eine Wiedervereinigung, darunter die militärische Neutralitätspflicht der Republik Moldau. Vor allem aber ist unklar, was mit dem bis heute von russischen Separatisten beherrschten Gebiet Transnistrien geschehen soll.

EU-Außenbeauftragte sieht kein Problem

Dennoch nimmt das Thema der Wiedervereinigung Fahrt auf. So etwa sind die moldauischen Wähler bei Wahlen in Rumänien eine relevante Größe. Sie trugen mit zu Nicusor Dans Wahlsieg 2025 bei – gegen den rechtsextremen Kandidaten George Simion, der Chef einer Partei ist, die ausgerechnet Allianz zur Vereinigung der Rumänen heißt. Insofern spielen Sandu und Dan auch eine wichtige Rolle dabei, das Thema der Wiedervereinigung nicht den rumänischen Rechtsextremen zu überlassen.

In der Republik Moldau wurde Maia Sandu wegen ihres Plädoyers für die Wiedervereinigung von prorussischen Parteien mit Verratsvorwürfen überschüttet. Jenseits dessen gibt es auch unabhängige kritische Stimmen, die es nicht für sinnvoll halten, wenn die Staatspräsidentin sich mitten während der fortgeschrittenen EU-Aufnahmeverhandlungen für eine Wiedervereinigung mit Rumänien ausspricht. Zumindest die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas scheint aber darin kein Problem zu sehen. Auf das Thema angesprochen, sagte sie kürzlich, über eine Vereinigung könnten allein die Menschen in der Republik Moldau und in Rumänien entscheiden, niemand sonst.



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