KfW-Analyse: Je schlechter die Zeiten, desto besser die Gründer

Immer mehr Arbeiter oder Angestellte zittern um ihre Jobs. Selbst Traditionsbetriebe müssen schließen oder Insolvenz anmelden. Gleichzeitig steigt die Zahl der Existenzgründungen. Die Ökonomen der öffentlich-rechtlichen Förderbank KfW zählten für das Jahr 2025 rund 690.000 Gründerinnen und Gründer, nach 585.000 im vorangegangenen Jahr. Das ist ein Lichtblick in der vorwiegend düsteren wirtschaftlichen und politischen Situation. „Es ist erfreulich, dass wieder mehr Menschen in Deutschland ein Unternehmen ganz neu gründen und damit womöglich eine innovative Geschäftsidee umsetzen“, sagt KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher.
Für ihren jährlichen Gründungsmonitor berücksichtigt die KfW neben Neugründungen auch Beteiligungen oder Übernahmen bestehender Unternehmen durch Menschen, die sich selbständig machen. Übernahmen sind laut Schumacher wichtig, um Nachfolger für alternde Unternehmer zu finden.
Die Nachfolge gewinne wegen der Alterung der Gesellschaft an Bedeutung für die Volkswirtschaft, deutsche Unternehmerinnen und Unternehmer seien im Durchschnitt 54 Jahre alt. „Wir brauchen Gründer schon allein wegen des demographischen Wandels“, sagt Schumacher. Darüber hinaus setzen Gründer weitere wichtige Impulse. Sie beleben den Wettbewerb, schaffen Arbeitsplätze und erzeugen zusätzliche Waren und Dienstleistungen.
Gründer zwischen Drohnen, KI und Nagelstudios
Manche Gründer verhelfen sogar Erfindungen und neuen Technologien zum Durchbruch, die es ohne diese wohl nicht geben würde. Solche innovativen oder disruptiven Geschäftsmodelle machen statistisch zwar nur einen kleinen Teil der Gründungen aus. Ihre volkswirtschaftliche Bedeutung ist laut Schumacher aber erheblich. Hier ist etwa an Drohnen, Helikoptertaxis oder Biotechnologie zu denken und natürlich an das Internet und die Künstliche Intelligenz (KI). Die meisten Gründer betätigen sich allerdings in bestehenden Branchen und Technologien. Sie eröffnen also zum Beispiel Arztpraxen, Rechtsanwaltsbüros, Nagelstudios oder Restaurants.
Neue Technologien können Gründungen in bestehenden Branchen erleichtern. Über 40 Prozent der Existenzgründer setzen laut KfW-Gründungsmonitor auf digitale Angebote. Vor zehn Jahren betrug dieser Anteil noch etwas mehr als 20 Prozent. Als digital gilt ein Angebot, wenn die Kunden einen digitalen Zugang zu den Produkten und Diensten des Unternehmens benötigen. Beispiele sind Softwareentwicklung, Onlinemarketing, Digitalfotografie oder natürlich der Internethandel. „Die Digitalisierung erleichtert das Gründen“, sagt Schumacher. „Mit KI wird es wahrscheinlich noch leichter“, erwartet der Ökonom.
Zum Beispiel könnten Gründer mit KI ihre Unternehmensinternetseiten programmieren, ohne Geld für IT-Fachleute ausgeben zu müssen. Mit KI werde die Skalierung einfacher, also die schnelle Vergrößerung eines Unternehmens. Entscheidend für die Wettbewerbstauglichkeit der deutschen Volkswirtschaft ist laut Schumacher, zu welchen Kosten hiesige Unternehmer die häufig von internationalen Plattformen angebotenen KI-Anwendungen nutzen könnten. Allerdings werde die durch KI gesteigerte Produktivität wohl nicht nur positive Folgen haben, sondern sich auch erheblich auf den Arbeitsmarkt auswirken.
Geld oder Ruhm: Was treibt Gründerinnen und Gründer an?
Die meisten Gründer denken wohl kaum an die von Ökonomen gepriesenen Effekte für die Volkswirtschaft, wenn sie sich selbständig machen. Was treibt sie stattdessen an? Ein wichtiger Treiber ist die Konjunktur, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen, wie der schon seit rund 25 Jahren erhobene KfW-Gründungsmonitor zeigt. Brummt die Wirtschaft und verdienen die Menschen als Angestellte gut, sehen die meisten wenig Anlass, sich selbständig zu machen.
Stottert die Konjunktur und reduzieren Unternehmen die Gehälter und das Personal, suchen mehr Menschen ihre Chance in der Selbständigkeit. Oder wie Ökonomen es ausdrücken: In guten Zeiten sind die Opportunitätskosten für Gründer höher, weil sich Alternativen zu einem gut bezahlten Angestelltenposten weniger rechnen. Mit der Zahl der Gründungen steigt auch die der innovativen und hochwertigen neuen Unternehmen, so lautet das Kalkül.
Vielen Gründern geht es schlicht darum, ein höheres Einkommen zu erzielen. Dies gilt besonders für jene, die mit ihrer Selbständigkeit eine zweite Erwerbsquelle neben ihrem bisherigen Job als Angestellter erschließen. Der Anstieg der Gründungen im Jahr 2025 war vor allem durch solche Nebenerwerbsgründungen getrieben. Von diesen gaben 40 Prozent ein höheres Einkommen als eines der Motive für ihre Gründung an. Diese Einblicke in die Welt und die Motive der Gründer hat die KfW durch 50.000 repräsentative Interviews gewonnen, die im Jahr 2025 online und telefonisch durchgeführt wurden.
Finanzielle Aspekte sind wichtig, sie entscheiden aber nicht allein über das Gründungsgeschehen. Auch der Gründergeist spielt laut der KfW-Studie eine Rolle. Hier geht es darum, wie Gründer sich selbst sehen und wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen werden.
Vor gut 25 Jahren entschieden sich deutlich mehr Menschen für ein Leben als Gründer, weil das während der Jahrtausendwende boomende Internet viele neue Möglichkeiten eröffnete. Die Bundesagentur für Arbeit förderte damals Gründer, für die der Staat mit der Ich-AG sogar eine eigene Rechtsform geschaffen hatte. Das Ansehen der Gründer stieg. Die KfW fordert daher von der Politik, die Selbständigkeit stärker zu verankern und negativen Klischees über das Unternehmertum entgegenzutreten.
Zudem sollte der Staat Gründern bürokratische Hürden aus dem Weg räumen und die Verwaltung flächendeckend digitalisieren. Mit solchen Maßnahmen könne man die Demographie laut Schumacher zwar nicht aushebeln. Man könne aber Friktionen vermeiden. Das ist bitter nötig, denn der Durchschnittsgründer musste im Jahr 2025 mindestens fünf Stunden je Woche mit bürokratischen Aufgaben verbringen.
