Kein Kind der Liebe
Die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen in Deutschland ist seit 2018 um 72 Prozent gestiegen. 2025 waren es 14.454. Betroffene scheuen sich, Anzeige zu erstatten, besonders wenn der Täter aus dem engsten Umfeld kommt. Daher bleiben viele Fälle im Verborgenen.
Ulrike Dierkes: Stimme der Inzestkinder
„Meine Schwester ist meine Mutter“. Ulrike M. Dierkes wurde 1957 geboren, weil ihr Vater seine älteste Tochter ab dem siebten Lebensjahr vergewaltigte. Mit 13 wurde das Mädchen vom Vater schwanger. „Ein Kind der Blutschande“, wie es damals hieß. Ein Bluttest gleich nach der Geburt überführt den Vater, er kommt in Haft. Nach der Entlassung kehrt er in die Familie zurück, der Missbrauch geht weiter. Es folgt eine erneute Verurteilung und Gefängnis. Ulrike wird erzählt, der Vater sei im Krankenhaus. 1996 gründet sie den Verein M.E.L.I.N.A. Inzestkinder/Menschen aus VerGEWALTigung e. V.. Vier Hilfesuchende im Monat wenden sich an den einzigen deutschen Verein für Inzestkinder. 2008 bekommt Ulrike M. Dierkes das Bundesverdienstkreuz für ihre Arbeit.
Das Schicksal der Nachkriegskinder
„Ich bin ein Kriegsschadensfall“. 13 Jahre und einen Tag ist Winfried Behlau alt, als er es erfährt. Sein Vater fällt 1942 im Krieg. 1946 wird er geboren. Fragen in der Schule, wie das sein könne, und wer sein Vater sei, kann er nicht beantworten. Die Lehrer nennen ihn daraufhin „Bastard“. Als er 13 ist, bricht es aus Mutter Martha heraus: „Weißt du wie die kleinen Kinder entstehen? Damals kamen Russen, die haben mich vergewaltigt.“ Danach spricht seine Mutter nie wieder darüber.
Vom Opfer zum Helfer
Mindestens 200.000 Kinder von alliierten Soldaten und deutschen Müttern kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zur Welt. Sie entstanden oft durch Vergewaltigungen oder weil ihre Mütter Sex gegen die knappen Lebensmittel tauschen mussten. Auf der Straße und in der Schule waren sie damals nur die Russenkinder, die Amikinder, die Mongolenkinder. Das Thema ihrer Herkunft war für viele Betroffene lange ein Tabu, zu groß die Scham. Auch aus inzestuösem sexuellen Missbrauch geborene Kinder wissen oft nicht, wer ihr Vater ist. Das hat Folgen für ihr ganzes Leben.
