Kann ich ohne Instagram leben?


Auf der Autobahn fliegen die Lichter der Fahrzeuge vorbei, auf dem Beifahrersitz lösche ich Instagram. Es dauert nur Sekunden. Drei Klicks, und die App ist weg. Es ist schon erstaunlich, denke ich, dass man so lange mit etwas hadern kann, das so schnell und so leicht geht.

Es gibt viele Berichte darüber, wie es ist, plötzlich auf soziale Medien zu verzichten. Ständig ist vom Dopamin-Kick die Rede, die uns die Kurzvideos, die Likes der anderen verschaffen, man hört überall von der Abhängigkeit Jugendlicher durch algorithmisch ausgewählte Inhalte, von denen nur ein Bruchteil im Gedächtnis hängen bleibt. Selbst Politiker nehmen diese Gefahr inzwischen ernst und äußern konkrete Absichten, sie zu bekämpfen.

Nur wenig bleibt lange hängen

Auch ich habe bis zum Löschen der App im Auto – das war Ende 2025 auf dem Rückweg von einem Skiurlaub – zu viel Zeit auf Instagram verbracht, ohne dass ich es wollte. Aber das war nicht mein einziges Problem: Ich hatte das Gefühl, dass ich durch soziale Medien vergesslich, unorganisiert, gelangweilt und abgestumpft werde. Dass mir diese Welt vorgaukelt, dass ich unterhalten werde, dass das aber gar nicht stimmt. Dass soziale Medien wie Instagram und Tiktok nicht nur eine Welt simulieren, sondern auch die Unterhaltung, die sie bieten.

Inzwischen habe ich den Eindruck: In den sozialen Medien existiert wenig, was hängen bleibt, kaum etwas, das mich länger als ein paar Minuten inspiriert, nichts, was mich tatsächlich wirklich mitreißt oder mir, geschäftlich ausgedrückt, einen Mehrwert bietet. Ich habe das Gefühl, die sozialen Medien bringen mich nicht weiter, im Gegenteil, sie hemmen mich – und ich glotze trotzdem hin.

Ich weiß, dass einige Influencer, häufig Millennials wie ich, dank der sozialen Medien Einkommen haben, die noch vor 20 Jahren Topmanagern vorbehalten waren. Dass auch andere Berufsgruppen – zum Beispiel freie Fotografen – enorm abhängig davon sind. Dass Menschen, die zum Beispiel schwere Krankheiten oder Unfälle überstanden haben, dort anderen ein Vorbild sein können, das Mut macht. Dass soziale Netzwerke Menschen miteinander in Kontakt bringen, die sich dadurch weniger einsam fühlen. Dass diese Medien in manchen Ländern die verlässlichste Informationsquelle sind. Dass sich darüber politische Proteste und Bewegungen in der analogen Welt formen können, die große Beachtung finden.

Zeitlimits helfen, aber nicht genug

Aber soziale Medien sind eben auch ein Teufelszeug. Nicht wie Schokolade, Alkohol oder Zigaretten, die man immer wieder beschaffen muss, sondern ein bequemes Flatrate-Suchtmittel für null Euro. Wissenschaftler sind sich nicht einig, ob man wirklich von einer Droge sprechen kann, aber Konzernen wie Meta kann das egal sein: Sie funktioniert.

Ich hatte vorher schon Zeitlimits für Instagram und X. Ich hatte auch eine App, dank der ich zehn Sekunden warten musste, bevor sich Instagram öffnen ließ – um zu vermeiden, dass man gedankenlos auf das Icon klickt. Das hat mir geholfen, aber nicht genug.

DSGVO Platzhalter

Seitdem ich die App gelöscht habe, verpasse ich viel – oder wenig, wie man es nimmt. Ich weiß nicht mehr, wo meine früheren Kommilitonen, mit denen ich kaum oder keinen Kontakt mehr habe, gerade im Urlaub sind. Ich weiß nicht mehr, ob diese oder jene Influencerin, mit der ich noch nie Kontakt hatte, umgezogen oder schon wieder schwanger ist. Ich kriege Reel-Trends nicht mehr mit, die ich lustig finde.

Ich merke das, weil ich ab und zu doch noch auf Instagram bin. Beruflich über den Desktop und manchmal, wenn ich etwas Konkretes nachschauen will, über den Handybrowser. Ich sehe dann Posts, zum Beispiel über Schwangerschaften, Empfehlungen für ein neues Restaurant und Umzüge, die schon eine Woche alt sind. Dann denke ich: Oh, krass! Gefolgt von: Wann ich von diesen vermeintlich spannenden Neuigkeiten erfahre, ist völlig egal. Ob ich von ihnen erfahre, eigentlich auch. Neuigkeiten von tatsächlichen Freunden erfahre ich auch ohne Instagram.

Muss ich alles aus dem vermeintlichen Alltag wissen?

Früher entstand der Tratsch auf der Straße vor dem Haus. Hat die Nachbarin schon wieder einen neuen Liebhaber, die ging doch neulich mit so einem gutaussehenden Mann ins Haus? Hat der andere Nachbar schon wieder nicht gegrüßt? Und Hilde aus dem Stock obendrüber: Wie kann man eine so laute und unangenehme Stimme haben, dass ich sie hier unten sogar bei geschlossenen Fenstern höre?

Heute entsteht ein Großteil des Tratschs ohne geographische Nähe, in den sozialen Medien: Man reagiert emotional auf privat anmutende Inhalte, die andere Menschen im Internet gezielt über sich verbreiten. Es sind viel zu viele Inhalte, und man hat viel zu viele Reaktionen – das ist anstrengend. Muss ich alles aus dem vermeintlichen Alltag von Bekannten und Influencern immer wissen? Bis ich Instagram gelöscht habe, dachte ich: Ja, ich bin neugierig, das macht Spaß! Seit ich Instagram gelöscht habe, denke ich: Nein, es fehlt mir eigentlich überhaupt nicht.

Es klingt pathetisch, weshalb ich lange gezögert habe, Instagram zu löschen: Die sozialen Medien gaben mir das Gefühl, mit der Welt verbunden zu sein. Vor allem abends vor dem Schlafengehen, also genau dann, wenn man seinen Körper blauem Licht nicht mehr aussetzen sollte. Noch ein bisschen gucken, was so los ist, huch, schon wieder eine halbe Stunde vorbei. Ich habe mir das Handy am Abend auch ohne Instagram noch nicht abgewöhnen können. Aber ich lese jetzt vor dem Schlafengehen nur noch Nachrichten. Das ermüdet schneller als lustige Reels, ich fühle mich auch mit der Welt verbunden, und ich weiß besser, was wirklich so los ist.

Jede Minute neue Informationen

Nach einer sehr groben Schätzung nimmt ein Mensch beim Lesen einer einzigen Tageszeitung bereits mehr Informationen auf als ein Bauer im 17. Jahrhundert in seinem ganzen Leben. Eine Tageszeitung lesen heutzutage die wenigsten durch, aber in den Stunden, die Jugendliche durchschnittlich am Handy verbringen, wäre es möglich. Wer in Berufen arbeitet, die permanente Erreichbarkeit über Outlook und Messenger voraussetzen, wird in jeder Minute mit neuen Informationen überschüttet.

Meinem Kopf tut es gut, wenn diese Menge an Informationen weniger und damit natürlicher wird. So wie es Magen und Darm guttut, statt hochverarbeiteten Lebensmitteln Gemüse zu essen und nach einer Mahlzeit spazieren zu gehen. Oder es den Augen guttut, statt nur auf Bildschirmen auch mal in die Ferne zu gucken. Bewegung, Natur und ruhige Orte tun dem Körper grundsätzlich gut – wie sehr uns das Gegenteil schadet, merken wir immer wieder neu.

Es gibt einen Mittelweg – wenn man will

Seit ich so darüber denke, habe ich keine Sorge mehr, etwas in den sozialen Medien zu verpassen. Ich bin geradezu froh, dass ich nicht unnötig Informationen aufsauge, die ich angesichts ihrer Fülle eh nicht im Kopf behalte. „Joy of Missing Out“ statt „Fear of Missing Out“: Endlich verpasse ich alles! Im Handybrowser und am Desktop funktioniert Instagram nur eingeschränkt. Videos hängen sich zum Beispiel schnell auf, ich nutze es dort nie länger als ein paar Minuten und gehe, weil das nervt, schnell wieder von allein raus.

Manche Influencer postulieren schon, dass es bald cool werden könnte, einen großen Teil seines Lebens offline zu verbringen. Nur ab und zu posten sie ungeschönte Foto-Dumps als Zusammenfassung der vergangenen Wochen. Ich glaube, dass der vollständige Verzicht auf soziale Medien realitätsfern ist. Für Individuen mag das funktionieren, als Gesellschaft sind wir längst mit allen Vor- und Nachteilen verzahnt. Aber wenn man will, gibt es einen Mittelweg – was nicht heißen soll, dass man Kinder und Jugendliche nicht besser schützen sollte.

Seit ich kaum noch auf Instagram bin, bin ich gelassener. Immer wieder höre ich von Bekannten und Kollegen, dass es ihnen auch so geht, seitdem sie damit aufgehört haben. „Ich komme davon los“, sagen sie. Es dauert, aber es geht. Vielleicht ist die Macht der sozialen Medien gar nicht so groß, und wir kleinen Nutzer sind gar nicht so ohnmächtig. Welcher Gegner lässt sich schon mit drei Klicks von der Spielfläche katapultieren?



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