Jugendkarlspreis: Europas Jugend für Demokratie


In ganz Europa stellen sich junge Menschen zunehmend in Frage, ob Demokratie noch ihr Vertrauen genießen kann. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage zeigt, dass weniger als sechs von zehn jungen Europäern glauben, dass die Demokratie eindeutig die beste Regierungsform ist. Jeder Fünfte würde unter bestimmten Umständen eine autoritäre Herrschaft vorziehen. Laut der Jugendstudie 2025 der TUI Stiftung haben viele auch immer weniger Vertrauen in die geopolitische Relevanz der EU.

Hinter diesen Zahlen verbirgt sich eine wachsende Desillusionierung, die durch steigende Lebenshaltungskosten und Zukunftsängste angeheizt wird. „Die Jugend ist frustriert durch die Folgen der künstlichen Intelligenz, aber auch von der geopolitischen Unsicherheit, dem Klimawandel, dem Demokratiewandel – vor allem in Osteuropa“, sagt Iwan Radyk im Aachener Krönungssaal der DW.

Menschen sitzen in einem Saal und schauen in Richtung einer Bühne, die man nicht sieht
Gäste bei der Verleihung des Jugendkarlspreises 2026 in AachenBild: Thiemo Rudolph/STEINSIEK.CH/IMAGO

Als junger Ukrainer vertritt Radyk Österreichs Projekt beim diesjährigen Europäischen Jugendkarlspreis. Er betont zugleich: „Es gibt einen großen Bedarf an Demokratie in Europa – in ganz Europa, nicht nur in der EU.“ Diese Zielsetzung hat 27 Jugendinitiativen aus der gesamten Europäischen Union während der Karlswoche in Aachen zusammengeführt.

Demokratie „unter Druck“

Der gemeinsam vom Europäischen Parlament und der Stiftung Internationaler Karlspreis zu Aachen organisierte Preis hebt die „jungen Hüter der europäischen Werte“ hervor, wie die Organisatoren es nennen. Die Jugendausgabe des renommierten Preises für die europäische Einheit zeichnet Projekte aus, die von EU-Bürgern im Alter von 16 bis 30 Jahren geleitet werden. Seit seiner Einführung im Jahr 2008 haben mehr als 10.000 junge Menschen in der gesamten EU daran teilgenommen.

Die Dringlichkeit des Anliegens beschrieb Dr. Angela Maas, stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrats, bei der Preisübergabe am 12.05.2026 so: „Die Demokratie ist ein System im Stresstest. Sie steht unter Druck.“ Als Enkelin eines der Stifter des Karlspreises wandte sich Maas an die zahlreichen Schüler im Saal.

530 Bewerbungen

In diesem Jahr wurden aus über 530 Bewerbungen 27 nationale Gewinner ausgewählt, während die europäische Jury drei Gesamtsieger kürte. Die Teilnehmer wurden im jahrhundertealten Aachener Rathaus geehrt, das auf den Fundamenten eines Palasts Karls des Großen erbaut wurde.

Sieben Personen stehen vor einer bläulichen Wand, drei Personen halten eingerahmte Urkunden in den Händen
Gruppenfoto der nationalen Gewinner des Jugendkarlspreises 2026Bild: Ardit Toca/DW

Von Apps zur Bürgerbeteiligung über Social-First-Journalismus bis hin zu Luxemburgs sogenanntem „PokemonGo für den Tourismus“ – die Initiativen basieren auf Innovation und Kreativität. Viele haben ein gemeinsames Ziel: Europas Jugend in einer Zeit, in der das Vertrauen in die Institutionen besonders brüchig ist, wieder mit der Politik zu verbinden.

Die „Europameister“ 2026

Der mit 7500 Euro dotierte erste Preis ging in diesem Jahr an das estnische Projekt ATHENA, das sich auf die Förderung von Frauen in Führungspositionen und eine stärkere Beteiligung an der Demokratie konzentriert. Lakshya Raj, einer der Vertreter des Projekts, sagte, die Initiative ziele darauf ab, tief verwurzelte strukturelle Barrieren zu überwinden, die nach wie vor bestimmen, wer an der Politik teilnimmt.

In Zusammenarbeit mit dem estnischen und dem europäischen Parlament bemüht sich ATHENA darum, Frauen Chancen in einem Bereich zu eröffnen, der lange Zeit von Männern dominiert wurde. „Wir haben eine Art Kettenreaktion ausgelöst, bei der viele junge Menschen – vor allem junge Frauen in Estland – jetzt in verschiedenen demokratischen Bereichen mitwirken, und darauf bin ich wirklich stolz“, sagt Lakshya Raj der DW.

App für direkten Kontakt zur Politik

Während Estlands Programm auf dem Aufbau persönlicher Netzwerke basiert, nutzt die zweitplatzierte Preisträgerin aus Frankreich neueste Technologien, um jungen Europäern die Demokratie näher zu bringen. „Ich habe die erste und am häufigsten heruntergeladene politische App in Frankreich mitbegründet“, so Eloise Sicre gegenüber der DW. Sie verbindet über 300.000 Nutzer, die in täglichen Meinungsumfragen abstimmen können, mit Dutzenden von gewählten Vertretern. Das Ziel: die Schaffung von Transparenz und ein direkter Kontakt zwischen Bürgern und Gesetzgebern. „Es ist wirklich einfach, aber es macht die Demokratie digitaler und die Partizipation ist anders“, sagt Eloise Sicre.

Eine Gruppe von Personen steht auf einer Bühne vor einer bläulichen Wand
Die Gewinner des Jugendkarlspreises 2026 aus Estland, Frankreich und SpanienBild: Ardit Toca/DW

Für die Zukunft hofft das Team auf eine Ausweitung über Frankreich hinaus: „Wir wollen in allen europäischen Ländern präsent sein und die Art und Weise, wie die Menschen in der Demokratie aktiv sind, in einem modernen Zeitalter entwickeln.“

Das Guanxi-Projekt

Auch das dritte preisgekrönte Projekt aus Spanien verkörpert dieses Streben nach internationalem Dialog. Das europäische Guanxi-Projekt rückt die Beziehungen zwischen der EU und China in den Mittelpunkt – mit mehr als 500 Mitgliedern aus 60 Ländern. „Die Tatsache, dass wir so viele Mitglieder von außerhalb der Europäischen Union haben“, sagt der Vorsitzende der Gruppe, Rene Neumann, der DW, „zeigt, dass diese Beziehungen nicht nur für Europa und China, sondern für die ganze Welt von Bedeutung sind.“

Mit Blick auf den Trend der Politikverdrossenheit junger Menschen sagt sein Kollege Xaver Haack: „Hier müssen Organisationen wie die unsere ansetzen.“ Er fügt hinzu: „Ich glaube, so kann man junge Leute wieder begeistern.“

Ein Frau mit kurzem blonden Haaren (Mariya Kalesnikawa) steht an einem Pult hinter einem Mikrofon
Die belarussische Oppositionelle Maryja Kalesnikawa bei der Karlspreis-Verleihung 2026Bild: Thomas Banneyer/dpa/picture alliance

Zu den diesjährigen Teilnehmern gehörten auch Mitglieder des deutschen und des europäischen Parlaments sowie prominente demokratische Stimmen, darunter die belarussische Aktivistin Maryja Kalesnikawa. Sie wurde wegen ihrer Rolle bei den Massenprotesten gegen den langjährigen Machthaber Alexander Lukaschenko im Jahr 2020 zu elf Jahren Haft verurteilt und erst kürzlich freigelassen. Sie erhielt den Karlspreis 2022 in Abwesenheit. Im März dieses Jahres konnte sie ihn – nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis – persönlich entgegennehmen. „Demokratie ist nicht so ein Geschenk – man muss dafür kämpfen“, sagt sie der DW.

„Es ist ganz, ganz wichtig, diese europäische Netzwerke zu bauen und zusammen in die Zukunft zu schauen und zusammen etwas zu machen, damit unsere Zukunft besser und sicherer ist“, so Kalesnikawa. Sie fühle sich von den in Aachen ausgezeichneten Projekten inspiriert. Ihre Botschaft an die jungen Gewinner: „Ich würde mir wünschen, immer neugierig zu bleiben, immer voll von Energie zu bleiben, diese Energie auch zu teilen und miteinander zusammen zu sprechen.“ Inmitten des Getümmels der Teilnehmer, die auf der Bühne feierliche Gruppenfotos machen, lächelt Kalesnikawa: „Ich bin wirklich sehr optimistisch, wenn ich so viele jüngere Leute und tolle Ideen sehe.“



Source link

Ähnliche Beiträge