Markus Lanz Talkshow: Diskussion über Trump, Journalismus und Iran – Medien
Manchmal wünscht man sich, dass am Ende so einer 75-minütigen Talkshow, wie nach einem Fußballspiel, die wichtigsten Szenen noch einmal gezeigt und analysiert werden, und im Falle dieser Ausgabe von „Markus Lanz“ würde dazu auf jeden Fall das Foul von Mariam Lau an Helge Fuhst in der 16. Minute gehören.
Es ging um das Korrespondentendinner in Washington, und die Zeit-Journalistin Lau fragte sich, warum eine solche Veranstaltung überhaupt stattfindet, wenn der Präsident die anwesenden Journalisten doch nur verachtet und beschimpft. „Ich finde, wer auch nur einen Hauch Selbstachtung noch im Leibe hat, geht da nicht hin“, sagte sie. Die Szene, in der sie angesichts der Vorstellung, mit so jemandem anzustoßen, ihr Gesicht zu einem beeindruckenden Ausdruck von Ekel verzog, wäre eine, die man mehrfach in Zeitlupe zeigen könnte. Und anhand einer Animation könnten Experten Laus rhetorischen Ausfallschritt analysieren, als sie mit einer großen Geste dem neben ihr sitzenden Welt-Chefredakteur Fuhst zurief: „Nichts für ungut, Sie sind ja nicht gemeint.“
Nur dass Helge Fuhst einer von mindestens drei Axel-Springer-Leuten aus Deutschland war, die offenbar wenig genug Selbstachtung im Leibe hatten, um an eben jenem Dinner teilzunehmen. Schwer vorstellbar, dass Mariam Lau das gerade nicht mehr präsent hatte: Fuhst hatte unmittelbar zuvor ausführlich geschildert, wie er die laxen Sicherheitsvorkehrungen erlebt hatte. Er war mutmaßlich überhaupt nur wegen seiner fehlenden Selbstachtung, nein: wegen seiner Teilnahme an dem Dinner, zu Lanz eingeladen worden.
Fuhst versuchte eine etwas unüberzeugend klingende Verteidigung: Die Veranstaltung sei eigentlich dafür da, Pressefreiheit zu feiern, da würden auch Journalistenpreise vergeben, und die große Frage sei es diesmal gewesen, was für eine Rede Trump halten würde. Das sei eine „politisch wirklich relevante Veranstaltung“ gewesen. Fuhst erinnerte daran, dass diese Veranstaltung in vergangenen Jahren aus ganz anderen Gründen auch schon nicht unproblematisch war: wegen zu großer Nähe zwischen Journalisten und Politikern.
Der vom Kapitol zugeschaltete ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen schaffte es, selbst im Nachhinein noch zu erzählen, wie spannend es gewesen sei, was Donald Trump wohl gesagt hätte. Er malte sich eine „perfekte Welt“ aus, in der Trump bei der Gelegenheit eingeräumt hätte, es mit der Kritik vielleicht übertrieben zu haben. „Damit hat nicht wirklich irgendjemand gerechnet“, räumte er ein, „sondern eher, dass er vielleicht gekommen ist, um mal richtig loszulegen und den Kollegen Dinge an den Kopf zu werfen.“
So gut Theveßen darin ist, sich eine „perfekte Welt“ mit einem sich entschuldigenden Trump herbeizufantasieren, so schlecht scheint er die Realität wahrzunehmen, in der die direkten Journalisten-Beschimpfungen durch Trump ein Ausmaß erreicht haben, bei dem es wirklich keine Kategorie gibt, in der er jetzt erst noch „mal richtig loslegen“ könnte.
Lanz bringt Röttgen mit seiner Frage nach einem möglichen US-Bürgerkrieg in schreckliche Verlegenheit
Dass der Attentatsversuch auf Trump glimpflich ausging, war natürlich eine gute Nachricht, ließ aber das Bedürfnis des Moderators nach ein bisschen Apokalypse an diesem Abend unbefriedigt. Den CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen brachte Lanz mit der Frage, ob die „hochrangigen amerikanischen Politiker“, mit denen er in Kontakt ist, Angst vor einem Bürgerkrieg hätten, in schreckliche und überraschende Verlegenheit. Die richtige Antwort gab Lanz schon vor, indem er sagte, er wisse, dass das diskutiert wird (Lanz hat sicher selbst beste Kontakte zu hochrangigen amerikanischen Politikern und zusätzlich ja noch zu Richard David Precht).
Röttgen antwortete in einer Weise, als bereitete er sich innerlich schon darauf vor, sich für jedes viertelfalsche Wort bei der nächsten Einreise in die USA rechtfertigen zu müssen. Und am Ende hatte er so kunstvoll relativierend und vorsichtig formuliert, dass diese Sorge schon irgendwie Thema sei, ohne dass die wichtigen Leute sie wirklich hätten, dass man fast den Ausbruch des Bürgerkrieges noch vor Ende der Sendung erwartete.
Die anschließende Diskussion, wer nun den Iran-Krieg gewonnen hat und ob man das überhaupt schon sagen kann, bescherte dem Zuschauer vor allem die Einordnung der iranischen Machthaber durch Lau als „pragmatische Brutalisten“. Und Lanz eine Vorlage für die Überleitung des Abends. Röttgen hatte erklärt, dass das Kriegsziel des iranischen Regimes vor allem das Überleben sei, politisch und menschlich, und Lanz sagte fast diabolisch: „Wollen wir jetzt über das Überleben der deutschen Regierung sprechen?“
Mariam Lau erzählte, sie habe aus den Kreisen der Regierung noch nie so häufig den Satz gehört: „Es geht nicht mehr.“ Röttgen widersprach und meinte, der Satz laute: „Es geht nicht mehr so weiter.“ Lanz fand, das sei „Wortklauberei“. Und verwickelte Röttgen dann in eine lange Sprachrauferei, bei der er jede Formulierung des CDU-Politikers immer in etwas anderer Form zusammenfasste und wiederholte, wogegen der sich ausdauernd verwahrte. Röttgen wehrte jeden Versuch ab, ihn zu Äußerungen zu verleiten, die er beim Lesen der Nachrichten am nächsten Tag bereuen könnte, und versuchte gleichzeitig, wie jemand zu wirken, der die Wahrheit schon zugäbe, auch wenn sie unangenehm wäre. Er war Profi in dieser Disziplin, aber man konnte schon allein vom Zusehen Muskelkater bekommen.
Lanz hingegen wirkte am Ende seltsam unbefriedigt über den Verlauf der eigenen Sendung. Vielleicht lag es daran, dass niemand ernsthaft auf das Szenario einer Minderheitsregierung eingehen wollte; ein Wort, „das so harmlos klingt, aber das Zeug hat, die deutsche Innenpolitik für immer zu verändern“, wie er noch am Anfang der Sendung aufgeregt versprochen hatte. Naja, ein andermal.
