Israel und Libanon: Friedenschancen ohne Machtbalance?


Diplomatie und Gewalt verlaufen entkoppelt: In Washington fand kürzlich so etwas wie ein Auftakt zu historischen Gesprächen zwischen Israel und dem Libanon statt. Völkerrechtlich gesehen befinden sich beide Länder seit mehr als einem halben Jahrhundert im Kriegszustand. Und so wird nach wie vor gekämpft, wie immer wieder – und in unterschiedlichem Ausmaß – in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Im Süden des Libanon liefert sich die schiitische Hisbollah-Miliz seit Tagen Gefechte mit der israelischen Armee.

Vertreter beider Regierungen suchen auch hierfür nach einem Ausweg – allerdings ohne Beteiligung der Hisbollah, der stärksten militärischen Kraft des Landes, die in westlichen und weiteren Ländern häufig als Terrorgruppe eingestuft wird. Dennoch sind die Mitte April parallel zu einer Waffenruhe begonnenen Gespräche ein Fortschritt: Erstmals seit Jahrzehnten sprechen Vertreter des Libanon und Israels direkt miteinander.

Die Politologin Hanna Voß vom Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut sieht in dem Umstand, dass die Hisbollah in die Gespräche nicht eingebunden ist, ein zentrales Problem. „Dabei ist sie eine der zentralen Kriegsparteien“, so Voß zur DW. Verhandelt werde über einen Konflikt ohne einen seiner entscheidenden Akteure – eine grundlegende Asymmetrie, die die Erfolgsaussichten von Beginn an einschränke und die Legitimität möglicher Ergebnisse infrage stelle. Allerdings lehnt die iranisch finanzierte Miliz ihrerseits Verhandlungen mit Israel bisher strikt ab. 

Eine strukturelle Schieflage ist für Beobachter auch in anderer Hinsicht offensichtlich. „Die machtpolitischen und militärischen Möglichkeiten beider Seiten sind komplett unterschiedlicher Natur“, sagt Nahost-Experte Stefan Lukas, Gründer des in Berlin ansässigen Analyse- und Beratungs-Unternehmens Middle East Minds, im DW-Gespräch. Israel verfüge über das „Eskalationsmoment“ – und nutze es. 

Israel will Hisbollah endgültig ausschalten

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Überlegenheit Israels

Israel ist dem Libanon nicht nur militärisch sondern auch wirtschaftlich deutlich überlegen. Der Politologe Houssein el Mouallem, ebenfalls tätig im Libanon-Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung, spricht in einer Analyse deshalb sogar von einer „Verfestigung von Machtungleichgewichten unter dem Deckmantel der Diplomatie“. Verhandlungen würden hier weniger als Mittel zur Lösung eines Konflikts geführt, sondern unter Bedingungen, die die bestehenden Kräfteverhältnisse eher stabilisierten als veränderten.

Der Libanon hat dem wenig entgegenzusetzen. „Wer genau ist eigentlich ‚der Libanon‘?“, fragt daher auch Nahost-Experte Lukas. Die Regierung verfüge über „keine besonders starke Machtbasis“, während die Hisbollah trotz Verlusten ein zentraler Faktor bleibe und eigenständig agieren könne. So gehen viele Experten davon aus, dass ihre militärische Stärke weiterhin die der offiziellen libanesischen Armee übersteigt – obwohl diese die Hisbollah eigentlich entwaffnen soll.

„Der libanesische Staat hat im Grunde kein Druckmittel“, sagt Voß. Die geforderte Entwaffnung der Hisbollah sei praktisch kaum umsetzbar: „Womit soll der Staat ihr entgegentreten?“ Damit stecken alle möglichen derzeitigen oder künftigen Verhandlungen in einem Dilemma – Israel knüpft Fortschritte an Bedingungen, die der Libanon kaum erfüllen kann, ohne sich selbst zu destabilisieren.

Kundgebung von Hisbollah-Anhängern in Beirut Ende April, 2026.  Zu sehen ist unter anderem ein Plakat mit dem Konterfei des 2024 durch Israel getöteten Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah
Demonstration von Hisbollah-Anhängern in Beirut, Ende April 2026. Zu sehen ist ein Porträt des früheren langjährigen Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah, der 2024 bei einem gezielten Angriff Israels getötet wurdeBild: Ibrahim Amro/AFP

Druck aus den USA

Hinzu kommen externe Akteure. „Washington übt massiven Druck aus“, sagt Lukas. Der bleibe aber begrenzt, solange es keine Einigung von Donald Trumps Regierung mit dem Iran gebe. Auch das schwäche den Libanon, meint Libanon-Expertin Voß: „Das Land steht zwischen mehreren Lagern und ist kaum handlungsfähig.“ Die USA unterstützten Israel, während Iran und Hisbollah eigene Interessen verfolgten und den Spielraum der ohnehin als schwach geltenden Regierung in Beirut zusätzlich einengten.

Teheran sieht im Libanon-Konflikt überdies wohl eine strategische Karte. „Der Iran weiß, wie er die Verhandlungen mit minimalem Aufwand beeinflussen kann“, sagt Lukas. Damit wird der Libanon nicht nur selbst zum Verhandlungsgegenstand, sondern auch zum Schauplatz eines größeren regionalen Machtkonflikts.

Rauch nach israelischen Luftangriffen im Südlibanon, Anfang Mai 2026
Rauch nach israelischen Luftangriffen im Südlibanon, Anfang Mai 2026Bild: AFP

Hisbollah tief verwurzelt und umstritten

Die Hisbollah bleibt bei alldem im doppelten Sinne ein Faktor: militärischer Gegner Israels, aber auch ein politischer Akteur im Libanon, der unter anderem auf dem Feld der Sozialarbeit gesellschaftlich tief verwurzelt ist und sich zugleich als Interessenvertretung der schiitischen Bevölkerungsgruppe versteht. „Sie ist tief in der Gesellschaft verankert“, sagt Voß. Das verleihe ihr enormen politischen Einfluss und mache sie zugleich schwer kontrollierbar.

Gleichzeitig scheint ihre Rolle im multi-konfessionellen Libanon wieder einmal umstritten. Ihr Ansehen sei „durchwachsen“, so Libanon-Kenner Lukas. Datendes demografischen Forschungsprojekts „Arab Barometer“ von 2025 zeigen ein ähnliches Bild: 28 Prozent der befragten Libanesen nennen ein Ende der israelischen Präsenz im Libanon als wichtigste Priorität, 20 Prozent die Entwaffnung nichtstaatlicher Akteure, womit die Hisbollah gemeint ist. Ablehnung Israels und Skepsis gegenüber der Hisbollah bestehen nebeneinander und spiegeln die innere Zerrissenheit des Landes.

Vertriebene Frau aus dem Südlibanon mit ihrem Kleinkind an der Uferpromenade in Beirut, auf dem Rückweg von einer Sozialstation für Hilfsbedürftige, Ende April 2026
Vertriebene Frau aus dem Südlibanon mit ihrem Kind an der Uferpromenade in Beirut, auf dem Rückweg von einer Sozialstation für Hilfsbedürftige, Ende April 2026Bild: Marwan Naamani/ZUMA/IMAGO

Vertriebene ohne viel Hoffnung

Viele Menschen im Süden knüpfen derweil nur geringe Hoffnungen an Gespräche in Washington. „Ich glaube nicht, dass die libanesische Regierung mir mein Land zurückbringen kann“, sagt die Dorfbewohnerin Hanaa Zalghout. Ihr Haus sei zerstört, ihr Dorf von der israelischen Armee besetzt worden. „Selbst wenn es einen Deal gibt – ich fürchte, er geht auf Kosten meines Dorfes.“

Auch der Landwirt Ahmad Ismail beschreibt die Lage als ausweglos: „Ich werde meine Heimat allenfalls noch im Traum sehen“, sagt er der DW. „Wenn sie das lösen wollen, dann auf Kosten unseres Lebens.“ Seine Befürchtung teilen viele vertriebene Libanesen aus der Region: Die sogenannte „gelbe Linie“, die das von Israel kontrollierte Gebiet im südlichen Libanon umreißt, sei eine Grenze, hinter die sie auch im Falle eines Abkommens wohl nicht zurückkehren könnten.

Libanon: Krieg vertieft die religiöse Spaltung

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Langfristige Präsenz Israels im Libanon?

Die Befürchtung scheint nicht unbegründet. So argumentiert Israel, dass die Hisbollah dauerhaft aus dem Süden, konkret aus dem Gebiet südlich des Litani-Flusses verschwinden müsse, um Angriffe der Miliz auf Nordisrael zu unterbinden. Hier könnte Israel versucht sein, durch eine De-facto-Besatzung selbst zu schaffen, was viele Beobachter der libanesische Armee zumindest nicht gegen den erklärten Willlen der Hisbollah zutrauen: Angriffe von dort dauerhaft zu unterbinden. Nahost-Expertin Hanna Voß meint: „Wenn Israel sich nicht zurückziehen muss, wird es vermutlich eine sogenannte ‚Pufferzone‘ etablieren.“ Solche Zonen könnten langfristig Fakten schaffen, die sich politisch kaum noch rückgängig machen lassen.

Äußerungen israelischer Regierungspolitiker stützen das zumindest teilweise. Finanzminister und Rechtsaußen-Politiker Bezalel Smotrich hat wiederholt eine territoriale Neuordnung ins Spiel gebracht. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu schließt eine langfristige militärische Präsenz ebenfalls nicht aus: Israel werde „für die absehbare Zukunft“ bleiben oder bis eine andere Sicherheitsregelung gefunden sei, erklärte er unlängst.

Droht damit sogar eine Annexion? Nicht auszuschließen, meint Hanna Voß: „Israel nutzt die Sprache der Sicherheit, um territoriale Fakten zu schaffen„, meint sie. Dieses Muster lasse sich auch in anderen Konflikten beobachten.

Für den Libanon bedeutet das: Sollte bei Gesprächen in Washington irgendwann doch noch ein Abkommen oder sogar ein historischer „Friedensschluss“ erzielt werden, wäre dies für die libanesische Regierung doppelt riskant: Sowohl Israel als auch die Hisbollah könnten auf militärische Weise dafür sorgen, dass Beirut die Abmachung gar nicht einhalten kann und zwischen den gegnerischen Polen zerrieben wird. Damit könnte der Konflikt schnell wieder aufs Neue losbrechen.

Mitarbeit: Sara Hteit, Libanon



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