Irene Solàs „Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis“
Irene Solàs 2022 erschienener Roman „Singe ich, tanzen die Berge“ wurde in viele Sprachen übersetzt und hat der katalanischen Literatur einen beachtlichen Erfolg beschert. Darin hatte die Autorin, ganz im Zeichen des Anthropozäns, eine Welt geschaffen, in der Tiere, Pilze oder Berge als Erzähler auftreten. Ihr neuer Roman bietet ebenfalls eine höchst ungewöhnliche Erzählanordnung und eine magische Überhöhung der Wirklichkeit, die sich zugleich als Kritik am rationalistischen Selbstverständnis der Moderne versteht.
Sieben Generationen von Frauen, alle Nachfahren der Matriarchin Joana, darunter auch die nicht mehr Lebenden, sind auf dem halb verfallenen Landsitz von Mas Clavell, gelegen in einer spärlich bevölkerten Gegend der Guilleries, einem Gebirgszug in Katalonien, versammelt. Hier warten sie auf den Tod der steinalten Bernadeta und feiern dabei ein Bankett, einen Hexensabbat. Da wären: Margarida, Blanca, Àngela, Dolça, Marta, Alexandra — vom Leben und Leiden all dieser Frauen wird erzählt. Die männlichen Figuren – Wolfsjäger und Banditen, Pfarrer und Faschisten – verschwinden oft aus der Welt der Frauen, sie sind an den Rand des Romans verwiesen.
Aus den dunklen Mythen Kataloniens
Das erzählte Geschehen nimmt Jahrhunderte in den Blick: vom Hexenwesen der Frühen Neuzeit über Episoden aus dem Bürgerkrieg bis zur Konstruktion des Stausees Pantà de Sau nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist jedoch auf einen einzigen Tagesablauf konzentriert: Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ (ein Zitat daraus dient als Motto eines der Kapitel) lässt grüßen. Dieser modernistischen Grundanlage des Romans stehen wiederum Elemente aus Märchen, alttestamentarischer Rhetorik, Dämonologie und folkloristischen Traditionen gegenüber – eine Nachbemerkung der Autorin gibt detailliert Auskunft über ihre Recherchen in der Bibliographie zur katalanischen Volkskultur.

Am Anfang dieser etwas anderen Familiengeschichte steht eine Ursünde (auch García Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“ hat hier Modell gestanden), als vor langer Zeit Joana, deren Bitten um einen Ehemann von Gott nicht erhört wurden, ihre Seele dem Teufel (in Gestalt eines schwarzen Stiers) verkaufte, um einen „ganzen Mann“ zu bekommen, den sie dann in Gestalt von Bernardí Clavell, dem Erben des Landsitzes, auch erhielt. Allerdings bemängelte sie, dass ihm eine Zehe fehlte – abgebissen von einem Wolf, der Bernardís Geschwister gar vollständig verschlang. Dies entbindet Joana vom Pakt, aber all die Kinder des Paars tragen hinfort die Spur des teuflischen Fluchs, indem jedem irgendein Körperteil fehlt.
Der Roman wechselt unvermittelt zwischen personalen Perspektiven und zeitlichen Ebenen. Wenn die Ebene der Gegenwart aus der Perspektive der Toten wahrgenommen wird, dann verstehen wir, dass es sich bei dem mit winzigen Menschen gefüllten „Spiegelchen“ um ein Mobiltelefon, bei der im Inneren drehenden „Glasurne“ um eine Mikrowelle handelt.
Die das Buch prägende derb-groteske Körperlichkeit erinnert an Rabelais und Bosch. Es wimmelt darin von Tiervergleichen: Joana sieht aus „wie eine zahnlose Stute“, ihr Mann „wie ein Eber“. Aber auch das Gehöft nimmt tierisch-kreatürliche Gestalt an: „Der Eingang des Hauses war feucht und düster wie ein Schlund. Mit rauen Wänden, die das Fleisch an den Innenseiten der Wangen waren. Mit einer Balkendecke wie ein gefurchter Gaumen und einem Steinboden wie eine in vielen Jahren der Gefräßigkeit abgescheuerte Zunge.“
Geglücktes Experiment
Auch in diesem Roman hat Solà wieder einen ganz eigenen literarischen Kosmos geschaffen, der die Konventionen des üblichen Realismus in den Wind schlägt und so Kurzschlüsse zwischen regionaler Folklore und erzählerischer Moderne herstellt. Dabei ist der Text zuweilen durchaus sperrig, und die konsequente Bezeichnung nahezu aller Figuren als hässlich mag zwar durch eine katalanische Legende inspiriert sein, nutzt sich aber sprachlich in der obsessiven Wiederholung ab – wie auch die etwas schematische Betonung des Animalischen, die den Figuren keine Entwicklung zubilligt.
Um Handlungsdramaturgie oder psychologische Figurenzeichnung geht es Solà erkennbar nicht. Stattdessen ist ihr Roman ein Versuch, Traditionen der mündlichen Volkskultur für ein Formexperiment fruchtbar zu machen und zugleich noch einmal der misogynen Motivation der historischen Hexenverfolgungen ein anderes Narrativ entgegenzusetzen, wobei vor allem die Rolle der Frauen als Mütter in den Blick kommt. Der verspielte, kunstvoll verdichtete Roman verlangt in jedem Fall nach sehr konzentrierter Lektüre. Belohnt wird man durch das Erleben einer starken literarischen Imagination und einer erzählfreudigen Stimme, die zwischen den Figuren hin und her springt und so den Eindruck eines (weiblichen) Kollektivs erzeugt.
Auch die Sprache des Romans überschreitet Grenzen: Sie bedient sich einerseits kürzester, oft sogar verbloser Sätze, andererseits gibt es bildhaft-surreale Wendungen sowie Anleihen bei verschiedensten sprachlichen Registern und Tonlagen, vom Märchensound zur Schimpforgie, zu Listen und Kochrezepten, mit teilweise archaischem Vokabular oder stark rhythmischen Phrasen. Petra Zickmann hat all dies auch im Deutschen souverän und sinnlich nachgebildet. Das Buch war in der Kategorie Übersetzung für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Irene Solà: „Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis“. Roman. Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2025. 255 S., geb., 24,– €.
