Ryanair wendet sich von Berlin ab



Der Billigfluganbieter Ryanair tritt am Berliner Flughafen den Rückzug an. Die irische Gesellschaft kündigte am Freitag an, ihre Basis in der deutschen Hauptstadt zu schließen und alle sieben dort noch stationierten Flugzeuge abzuziehen. Sie werden zu „kostengünstigeren Flughäfen in anderen EU-Staaten verlagert“. Ganz verlässt Ryanair den Flughafen BER allerdings nicht. Er bleibt mit Flügen von anderen Basen aus im Ryanair-Netz. Dennoch führe der Schritt zur Halbierung des Ryanair-Angebots in der deutschen Hauptstadt von zuletzt 4,5 Millionen Passagieren im Jahr auf 2,2 Millionen im Jahr 2027.

Die Entscheidung zum Rückzug begründet Ryanair im Allgemeinen mit den insgesamt hohen Kosten für Fluggesellschaften in Deutschland und im Besonderen mit drohenden Mehrbelastungen durch eine Entgelterhöhung des Berliner Flughafens. Ryanair-Manager Eddie Wilson erklärte auf einem kurzfristig anberaumten Pressetermin am Freitag, die Schließung der Berliner Basis zu bedauern. Dennoch sehe die Gesellschaft „nach der jüngsten Erhöhung der ohnehin bereits hohen Flughafenentgelte um weitere zehn Prozent keine Alternative“. Am BER seien die Entgelte nach Ryanair-Angaben seit 2019 schon um 50 Prozent gestiegen.

Der Flughafenbetreiber wies die Ryanair-Darstellung zu bevorstehenden Aufschlägen zurück. „Eine derartige Erhöhung der Flughafenentgelte ist nicht vorgesehen“, betonte ein Sprecher. Von der Ankündigung der Fluggesellschaft sei man überrascht. Derzeit befänden sich beide Seiten in Verhandlungen.

Stellen in Berlin fallen weg

Folgen hat die Ryanair-Entscheidung auch für Beschäftigte der Berliner Basis. Die in Berlin stationierten Piloten und Flugbegleiter hätten eine Mitteilung über die Schließung ihrer Einsatzbasis zum 24. Oktober erhalten. „Mitarbeiterkonsultationen werden in Kürze beginnen“, erklärte Ryanair. Die Gesellschaft will den betroffenen Piloten und Flugbegleitern Stellen an anderen Orten anbieten, was allerdings auch zur Stationierung außerhalb Deutschlands führen kann. Ryanair sprach von „alternativen Positionen innerhalb des Ryanair-Netzwerks in ganz Europa“.

Die Gewerkschaft Verdi kritisierte dies scharf. Die geplante Standortschließung in Berlin zeige wieder einmal die „maximale Profitorientierung“ von Ryanair, sagte Dennis Dacke, Bundesfachgruppenleiter Luftverkehr und Maritime Wirtschaft bei Verdi. Soziale Verantwortung spiele keine Rolle. „Beschäftigte werden wie eine beliebige Verfügungsmasse behandelt, während das Unternehmen seine Standortentscheidungen an kurzfristigen Renditeinteressen ausrichtet“, sagte Dacke.

Ryanair beklagt wie auch deutsche Fluggesellschaften die im internationalen Vergleich hohen Abgaben für den Luftverkehr in Deutschland. Dabei werden die Luftverkehrsteuer und Gebühren für Sicherheitskontrollen und Fluglotsen direkt vom Staat erhoben, Entgelte für Leistungen zwischen Landung und Start hingegen von Flughäfen, die aber meist staatliche Eigner haben. Der BER ist mit einem Eigentümerkreis, der sich aus dem Bund sowie den Ländern Berlin und Brandenburg zusammensetzt, komplett in öffentlicher Hand.

Berlin schwächer als andere Flughafen von Corona erholt

„Die deutsche Luftverkehrspolitik hat aus Sicht von Ryanair ihre Bürger im Stich gelassen, da sie sich auf eine hohe Luftverkehrsteuer und übermäßige Flughafenkosten stützt, um strukturelle Ineffizienzen zu kompensieren“, lautet nun die Ryanair-Pauschalkritik zur Bekanntgabe der Basisschließung. Die Flugzeuge will Ryanair künftig von Flughäfen in europäischen Ländern einsetzen, die keine Luftverkehrsteuer haben oder diese zuletzt abgeschafft haben. Als mögliche neue Standorte für die Flugzeuge nannte Ryanair Schweden, die Slowakei, Albanien und Italien.

Dem Berliner Flughafen hielt der Billigflieger vor, unattraktiv zu werden. Wegen „ungerechtfertigter und übermäßiger Gebührenerhöhungen“ sei der Verkehr dort seit 2019 um nahezu 30 Prozent eingebrochen. Tatsächlich erreichte der BER mit 26,1 Millionen Passagieren im vergangenen Jahr nur 73 Prozent des Reisendenaufkommens, das 2019 an den damals noch betriebenen Flughäfen Tegel und Schönefeld erreicht wurde. Zum großen Einbruch führte indes die Corona-Pandemie, danach geriet die Erholung des Verkehrs aber schwächer als an anderen deutschen Airports.

„Anstatt kostengünstigere Anreize zur Wiederbelebung des Verkehrs für Fluggesellschaften einzuführen, um diesen Einbruch auszugleichen, hat der Berliner Flughafen beschlossen, seine ohnehin hohen Preise um weitere zehn Prozent zu erhöhen“, moniert Ryanair. Dadurch werde Berlin im Vergleich zu konkurrierenden Flughäfen zunehmend „wettbewerbsunfähig“.

Der Frankfurter Flughafen peilt für 2026 an, bei den Passagierzahlen auf 95 Prozent des Vor-Pandemie-Niveaus zu kommen. Insgesamt erreicht das Sitzplatzangebot im Rest Europas nach Zahlen des deutschen Branchenverbands BDL aber 116 Prozent der Vor-Corona-Werte. Dabei sind allerdings mögliche Angebotsstreichungen wegen des Irankriegs und des verteuerten Kerosins noch nicht berücksichtigt.

Ryanair hatte in der Vergangenheit eine Abschaffung der deutschen Luftverkehrsteuer gefordert und Politikern Wachstumsszenarien für diesen Fall vorgelegt. Die Ticketsteuer soll nun zum Sommer sinken, indem eine Erhöhung aus dem Jahr 2024 weitgehend zurückgenommen wird. Das scheint dem Billigflieger nicht zu genügen. Man verfüge „über zahlreiche kostengünstigere Alternativen – Flughäfen und Länder ohne Luftverkehrsteuer in ganz Europa, die um begrenzte Wachstumskapazitäten konkurrieren und aktiv Maßnahmen ergreifen, um Zugangskosten zu senken“, sagte Wilson. Er ließ offen, ob weitere Kürzungsschritte erfolgen. „Da weder in Berlin noch deutschlandweit eine substanzielle Kostenreform absehbar ist, bleibt uns keine andere Wahl, als Flugzeuge von Deutschland in wettbewerbsfähigere Märkte in Europa zu verlagern“, ließ er sich zitieren.



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