Immer erst zum Hausarzt ist teurer



Es ist eine der zentralen Reformideen der schwarz-roten Koalition: Kassenpatienten sollen künftig in aller Regel zuerst zu ihrem Hausarzt gehen, zum Facharzt gelangen sie nur per Überweisung.

Mit diesem sogenannten Primärarztmodell will die Bundesregierung zwei Ziele erreichen. Sie will die langen Wartezeiten auf Facharzttermine verkürzen. Wer wirklich einen Spezialisten sehen muss, soll künftig schneller drankommen. Denn die Steuerung durch die Allgemeinmediziner, so die Idee, verhindert viele unnötige Arztbesuche. Dadurch könnten auch die Krankenkassen etwas Geld sparen.

Doch eine neue Studie stellt diese Grundannahmen nun infrage. Der Hamburger Gesundheitsökonom Jonas Schreyögg hat sich dafür angeschaut, welche Auswirkungen die sogenannte hausarztzentrierte Versorgung bei der Techniker Krankenkasse (TK) hat.

Mehr statt weniger Facharztbesuche

Bereits jetzt müssen nämlich alle gesetzlichen Krankenkassen neben dem Regeltarif auch ein Modell anbieten, bei dem ihre Versicherten üblicherweise erst zu ihrem Hausarzt gehen und von diesem weiterverwiesen werden. Schreyögg zeigt jetzt auf, dass dieses Modell in den Jahren 2015 bis 2024 in 13 untersuchten Bundesländern zusätzliche Kosten für die TK verursachte und sogar zu mehr Facharztbesuchen führte. Auch die Zahl der Krankenhausaufenthalte wurde nicht verringert.

Insgesamt ergeben sich durch die hausarztzentrierte Versorgung, für die sich derzeit zehn Prozent der Versicherten entscheiden, für die TK zusätzliche Kosten von 160 Millionen Euro pro Jahr im Vergleich zur Regelversorgung. Die Beiträge der Kasse erhöhten sich dadurch um 0,05 Beitragspunkte, sagt der stellvertretende TK-Vorstandsvorsitzende, Thomas Ballast.

Für die Studie wurde die Versorgung von TK-Versicherten mit Hausarztvertrag mit einer Vergleichsgruppe im Regeltarif verglichen. In Bezug auf Alter und Gesundheitszustand gibt es keinen Unterschied.

Mehr Verbindlichkeit in der Steuerung führt zu besserer Versorgung.

Jonas Schreyögg, Gesundheitsökonom der Universität Hamburg

Die Versicherten im hausarztzentrierten Versorgungsmodell gingen dabei erstaunlicherweise im Schnitt etwas seltener zum Hausarzt als die Vergleichsgruppe und 1,2 Mal häufiger pro Jahr zum Facharzt. Dass sie vom Hausarztmodell gesundheitlich profitiert hätten, ist nicht erkennbar. Denn weder konnten dadurch Krankenhausaufenthalte vermieden werden, noch starben Versicherte mit Hausarztvertrag seltener. Versicherte im Hausarztmodell sind zudem häufiger krankgeschrieben. Im Durchschnitt beziehen sie vier Tage länger Krankengeld.

Den fehlenden positiven Effekt führt Schreyögg auch darauf zurück, dass Patienten im Hausarztmodell aktuell kaum negativen Konsequenzen fürchten müssen, wenn sie doch direkt zum Facharzt gehen. „Mehr Verbindlichkeit in der Steuerung führt zu besserer Versorgung“, sagt Schreyögg mit Verweis auf die Studienergebnisse.

Denn Patienten, die sich an die Hausarzt-Vorgabe halten, können in der Tendenz unnötige Behandlungen vermeiden. Sie besuchen etwas seltener ihren Hausarzt, müssen nicht so oft ins Krankenhaus und nehmen weniger falsche Medikamente ein.

Schreyögg rät der schwarz-roten Koalition deshalb nicht vom Primärarztsystem ab. Bei dessen Aufbau müsse aber auf eine stärkere Verbindlichkeit geachtet werden, betont der Professor der Universität Hamburg. Wie es umgesetzt werden soll, ist derzeit noch offen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kann sich unter anderem eine Sondergebühr für einen Direkttermin beim Facharzt vorstellen.

Ineffizientes System soll weiterbestehen

In seiner Studie hat Schreyögg auch genau untersucht, warum die Hausarztverträge für die TK teurer als der Standardtarif sind. Bei einem Versicherten, der sich über einen langen Zeitraum für dieses Modell entscheidet, führt es zu einer durchschnittlichen Kostensteigerung von 122 Euro im Jahr. 80,56 Euro davon erhält sein Hausarzt. Denn sie lassen sich die intensive Betreuung dieser Patienten zusätzlich vergüten.

Demgegenüber stehen Einsparungen bei den Facharzt-Honoraren von nur vier Euro. Außerdem muss die TK bei diesem Patienten auch mehr Geld für Krankenhausaufenthalte, Medikamente, Krankengeld und Heil- und Hilfsmittel ausgeben.

Schreyögg empfiehlt der Bundesregierung deshalb, das hausarztzentrierte Versorgungsmodell abzuschaffen. In der derzeitigen Ausgestaltung könne dafür keine Empfehlung ausgesprochen werden, schreibt er in der Zusammenfassung der Studie.

Laut Koalitionsvertrag soll dieser Sondertarif jedoch erhalten bleiben, obwohl das Primärarztsystem künftig auch für Kassenpatienten mit Standardtarif eingeführt wird. Damit würden die an dem Modell teilnehmenden Ärzte auch ihre Sondervergütungen weiter erhalten.

Thomas Ballast wehrt sich gegen diese Pläne. „Solche Angebote sollten nur noch eine freiwillige Leistung für die Kassen sein“, fordert der Vize-Chef der TK. In einem einheitlichen Primärversorgungssystem brauche es künftig eine verbindliche digitale Ersteinschätzung als erste Anlaufstelle für Hilfesuchende, sagt er. Dort solle festgelegt werden, was für die Patienten am besten sei: erst mal Bettruhe, ein Termin bei ihrem Hausarzt oder – etwa bei einem Augenleiden – direkt ein Besuch beim Facharzt.



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