Hat Jürgen Habermas die Kritische Theorie abgewickelt?


Das Starnberger Wohnhaus der Familie Habermas in eine philosophische Tagungsstätte für die relevanten Debatten unsere Tage verwandeln – gute Idee! Aber ist ausgerechnet das Frankfurter Institut für Sozialforschung geeignet, hierbei als Stiftungsgründer oder Koordinator zu fungieren, wie die „Süddeutsche Zeitung“ kürzlich anregte? Wenn es diese Rolle übernähme, dann, so die Befürchtung von Gerhard Schweppenhäuser, bekäme Habermas’ Werk unversehens eine Art postumer Deutungshoheit über die Kritische Theorie, die diesem Institut entstammt. Hingegen würde unkenntlich, wie teuer diese Deutung durch Ausblendung gesellschaftskritischer Basiseinsichten erkauft wurde.

Als junger Assistent des Instituts hegte Habermas in den fünfziger Jahren eine hohe Meinung von Marx und der Revolution. Dass er dabei nicht lange blieb, ist ihm nicht anzulasten. Man darf dazulernen. Aber wohin hat ihn das geführt? Zur Entwicklung einer Theorie, die Schweppenhäuser als „Abwicklung“ der kritischen bezeichnet. Abwicklung ist allerdings ein mehrdeutiger Vorgang. Eine Firma abwickeln heißt sie auflösen, aber zugleich Erhaltenswertes aus ihrer Konkursmasse in andere Zusammenhänge überführen. So mit theoretischen Gebäuden umzugehen – darin hatte Habermas großes Geschick. Und bei der Kritischen Theorie, die mehr ein Gewebe als ein Gebäude ist, bestand sein Kunstgriff darin, eine dialektische Denkweise, die nachzeichnet, wie Menschen in ihre Verhältnisse verwickelt sind, durch eine dualistische Denkweise zu ersetzen.

Lebenswelt und Systemwelt

Nach dem Tod von Adorno und Horkheimer zerlegte er die kapitalistische Gesellschaft, in die wir mehr denn je verwickelt sind, in eine Lebenswelt und eine Systemwelt. Vom lebensweltlichen Raum „des verständigungsorientierten Handelns, der argumentativen Rede, der Erfahrung und des objektivierenden Denkens, des moralischen Urteils und der ästhetischen Kritik“ habe sich in der frühen Neuzeit, so sein weichenstellendes Narrativ, ein System abgekoppelt, in dem das „Steuerungsmedium Geld“ regiert, sämtlichen materiellen Austausch „über monetäre Kanäle abwickelt“ und „durch funktionale Vernetzung“ die „normfreie Regelung von Kooperationszusammenhängen“ leistet. Der kritischen Gesellschaftstheorie obliegt damit nur noch, zu verhindern, dass die „Monetarisierung und Bürokratisierung“ überhandnimmt und „die symbolischen Strukturen der Lebenswelt im Ganzen in Frage stellt“.

Stärkung dieser Strukturen durch Herausarbeitung der normativen Essenz der Vernunft, auf die sich jeder Diskursteilnehmer sowohl kognitiv wie moralisch durch Mitsprechen angeblich automatisch verpflichtet; durch Einbettung der angeblich normfreien, technischen Systemrationalität in kommunikative Aushandlungsprozesse, die alle Beteiligten gleichberechtigt einbeziehen; durch Abweisung aller Denkfiguren, die sich diesen Aushandlungsregeln nicht fügen: das war das Großprogramm, das Habermas auf der Basis dieses Dualismus seit seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ beharrlich verfolgte – und in der Kritischen Theorie Horkheimers und Adornos vermisste. Die kritisierten ja bloß, zudem oft lediglich essayistisch (von Habermas gelegentlich mit „snobistisch“ übersetzt) und unterzogen sich nicht der Mühe von Abhandlungen, die in Auseinandersetzung mit dem aktuellen wissenschaftlichen Diskussionsstand die kritische Vernunft aus ihrer inneren normativ-demokratischen Essenz heraus Punkt für Punkt fundieren.

Eine mögliche Tagungstätte? Jürgen Habermas im Sommer 1999 vor seinem Haus in Starnberg
Eine mögliche Tagungstätte? Jürgen Habermas im Sommer 1999 vor seinem Haus in StarnbergBarbara Klemm

Doch diese Selbstfundierung funktioniert nur, wenn man zuvor hineinsteckt, was man herausholen möchte. Nimmt man die innere demokratische Verfasstheit der Vernunft als gegeben, dann ergibt sich die demokratische Verfassung des Gemeinwesens zwingend als vernünftig. Dazu muss man allerdings ausblenden, dass sprachliche Artikulation erst einmal jahrtausendelang im Optativ und Imperativ, als Notruf, Besänftigungsversuch und Kommando stattgefunden hatte, ehe sie allmählich das kulturelle Niveau wohltemperierten Ausgleichs von verbalisierten Geltungsansprüchen erklomm. Und das tat sie keineswegs einfach aus innerem Antrieb. Alle kognitiven und moralischen Verbindlichkeiten sind der Vernunft bei ihren ständigen Versuchen, physische Not zu bewältigen, allererst aufgenötigt worden – und nicht ihre immer schon existierende innere Mitgift.

Das meinten Horkheimer und Adorno mit ihrer Formel „Eingedenken der Natur im Subjekt“, die Habermas gründlich missverstand, als rede sie romantisch von einer ursprünglichen Friedenseinheit von Mensch und Natur. Sie thematisierte jedoch die Verwicklung in vorgefundene und gesellschaftlich verlängerte Naturgewalt, die auch den Lebewesen selbst, ihrem Drang nach ungegängelter Bewegung, Gewalt antut. Wie Adorno mit Ferdinand Kürnberger schrieb: „Das Leben lebt nicht.“

Lebensweltliche Einhegung des Kapitalismus

Diese Verwicklung lässt sich nicht hübsch auseinanderlegen in eine kommunikativ-normative und eine technisch-normfreie Seite. Wer den kapitalistischen Produktionsprozess unter Technik, das Verhältnis der arbeitenden Menschen zueinander unter kommunikativer Interaktion verbucht, lässt das Entscheidende verschwinden: das Produktionsverhältnis. Es sorgt dafür, dass die erdrückende Mehrzahl der Menschen ihre Arbeitskraft zunächst auf den Markt und dann an den Arbeitsplatz trägt. In den technischen Verrichtungen, die sie dort ausführt, konkretisiert sich die Interaktion des Arbeitsvertrags. Sie ist alles andere als normfrei, genauso wie die Herstellung des neuzeitlichen Arbeitsmarkts keine „Entkoppelung“ war, sondern ein jahrhundertelanger brutaler Disziplinierungsprozess entwurzelter Bevölkerungsschichten. Das permanente Wirtschaftswachstum, von dem der Kapitalismus lebt und zu dem er verdammt ist, kann sich nur fortsetzen, solange die große Mehrzahl der ausgehandelten Arbeitsverträge gewährleistet, dass aus der materiellen Arbeit mehr Gewinn gezogen als den Werktätigen an Lohn zuteil wird.

Um dieser Verwicklung zu entrinnen, machte sich Habermas seinen eigenen Reim auf sie. Wenn wir an der Basis der kapitalistischen Reproduktion ohnehin nichts ändern können, dann sollten wir sie als funktionalen Selbstläufer hinnehmen, umso mehr aber die Lebenswelt vor ihren ständigen Expansionstendenzen durch anhaltende Demokratisierung schützen. Als ausgesprochen wacher Zeitgenosse hat er hierzu durch seine Eingriffe in öffentliche Debatten immer wieder eindrucksvolle Beiträge geliefert. Die zahllosen Nachrufe auf ihn sind davon ein mächtiger Widerhall.

Und doch ist nicht zu vergessen, dass Demokratie nicht das an sich Gute ist. Sie fungiert auch als Verwaltungsform kapitalistisch laufender Gemeinwesen. Dass demokratischer Kapitalismus allerdings ungleich besser als undemokratischer ist: das ist die Gemeinsamkeit, die Habermas mit der Kritischen Theorie geblieben ist. Letztere hat jedoch nicht davon ablassen wollen, der globalen kapitalistischen Verwicklung erkennend standzuhalten, auch wenn das nicht all ihren Einschätzungen gelingt. Auch sie ist nicht ohne blinde Flecken, Klärungsbedürftigkeiten und viele unerledigte Aufgaben. Dass sie weiterhin mehr Problemanzeigen als Lösungen bietet, ist allerdings noch kein Einwand, solange die Problemanzeigen lösungsorientiert bleiben.

Habermas freilich fand diese Anzeigen zu wenig kommunikativ. Daher sein Projekt, die Kritische Theorie so umzumodeln (zu „rekonstruieren“, wie er sagte), dass sie „anschlussfähig“ an die Kriterien des Wissenschaftsbetriebs werde; dergestalt, dass man sie „auseinandernimmt und in neuer Form wieder zusammensetzt, um das Ziel, das sie sich selbst setzt, besser zu erreichen“. Für Stefan Müller-Dohm ist das die Formulierung, mit der Habermas selbst seine epochale Weiterentwicklung der Kritischen Theorie optimal beschrieben habe. Aber gibt es eine bessere Beschreibung für ihre Abwicklung?

Christoph Türcke ist Emeritus für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.



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