Harter Schlag für Saudi Arabien
Warum treten die VAE gerade jetzt aus der OPEC aus?
Die OPEC, das globale Kartell der ölproduzierenden Staaten, arbeitet mit einem Quotensystem, das begrenzt, wie viel Öl jedes Mitglied fördern darf. Wegen der Höhe dieser Quoten gibt es seit Jahren Konflikte zwischen den Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabien, dem mächtigsten Mitglied der OPEC. Die VAE haben massiv in den Ausbau ihrer Ölindustrie investiert und streben eine größere Marktpräsenz an, wurden jedoch durch die OPEC‑Fördergrenzen immer wieder ausgebremst.
Die VAE setzen nun darauf, nach dem Ende des Iran‑Krieges und der Krise in der Straße von Hormus mittel- und langfristig mehr Öl verkaufen zu können. Energieminister der VAE, Suhail Al Mazrouei sagte am Dienstag gegenüber der New York Times: „Die Welt braucht mehr Energie. Die Welt braucht mehr Ressourcen, und die VAE wollten nicht durch irgendwelche Gruppen eingeschränkt sein.“
„Der Verlust eines Mitglieds mit einer Kapazität von 4,8 Millionen Barrel pro Tag und dem Ziel, noch mehr zu fördern, entzieht der Gruppe [OPEC] ein wichtiges Instrument“, sagte Jorge Leon, Leiter der geopolitischen Analyse beim Forschungsberatungsunternehmen Rystad Energy.
„Da sich die Nachfrage ihrem Höhepunkt nähert, verändert sich die Kalkulation für Produzenten mit niedrigen Förderkosten rapide“. Darauf zu warten, dass innerhalb eines Quotensystems mehr verkauft werden darf, wirkt auf solche Länder wie „das Liegenlassen von Geld“.
Derzeit fördern die VAE unter den geltenden Quoten rund 3,2 bis 3,6 Millionen Barrel pro Tag (bpd), verfügen jedoch über eine freie Kapazität von nahezu 4,8 Millionen bpd, so die Nachrichtenagentur Reuters. Die Pläne sehen eine Steigerung der Förderung auf rund fünf Millionen bpd bis zum kommenden Jahr vor.
Welche Folgen hat der Austritt der VAE auf die OPEC?
Der Austritt der VAE entzieht der OPEC eines der wenigen Mitglieder, das über nennenswerte freie Förderkapazität verfügt. Dadurch wird es für Saudi-Arabien schwerer, eventuelle Ausweitungen der Produktion auf mehreren Schultern zu verteilen.
Das Golfkönigreich hat die Ölpreise traditionell gesteuert, indem es die eigene Produktion kürzte und für Disziplin innerhalb der Gruppe sorgte. Ohne die VAE wird Saudi-Arabien im Zweifel stärker die eigene Produktion kürzen müssen, um die Preise stabil zu halten. Damit wird es für Riad teurer, die Höhe bestimmter Ölpreise aufrechtzuerhalten. Dadurch verliert das Königreich an Durchsetzungskraft, um die OPEC‑Gruppe zu steuern und zu disziplinieren.
David Oxley, Chefökonom für Klima und Rohstoffe beim in London ansässigen Forschungsinstitut Capital Economics, bezeichnete den Schritt als „the thin end oft he wedge“ (frei übersetzt: der Anfang vom Ende) und mutmaßt, „die Bindungen, die die OPEC‑Mitglieder zusammenhalten, haben sich gelockert“.
Saudi-Arabien ist auf hohe Ölpreise angewiesen – rund 90 US‑Dollar (77 Euro) pro Barrel – um die Staatsausgaben und die ehrgeizige Vision‑2030‑Agenda zu finanzieren, ein Paket gewaltiger Infrastrukturprojekte zur Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Dazu gehört auch eine futuristische Stadt im Wert von 500 Milliarden US‑Dollar namens NEOM. Jedes zusätzliche Barrel, das weniger verkauft wird, bedeutet Einnahmeverluste und geringere Möglichkeiten, die eigene Wirtschaft weiter zu entwickeln.
Der Austritt macht langjährige Spannungen innerhalb der OPEC sichtbar, insbesondere den Vorwurf, Saudi-Arabien dominiere die Entscheidungsprozesse.
Der Schritt erfolgt außerdem zu einem Zeitpunkt, an dem der Einfluss der OPEC insgesamt schwindet. Einst kontrollierte das Kartell mehr als die Hälfte des weltweiten Angebots; heute sind es weniger als ein Drittel.
Wie beeinflusst der Austritt der VAE die globalen Ölpreise?
Der Austritt der VAE dürfte kurzfristig keine größeren Ausschläge bei den globalen Ölpreisen verursachen, vor allem weil die anhaltenden Störungen in der Straße von Hormus das Marktgeschehen dominiert. Zusätzliche Fördermengen, die die VAE auf den Markt bringen wollen, können derzeit nicht transportiert werden.
Entsprechend hat die Ankündigung kaum unmittelbare Auswirkungen auf die Preise; der Brent‑Rohölpreis blieb am Dienstag weitgehend unverändert.
Jeff Colgan, OPEC‑Experte an der Brown University, sagte gegenüber DW: „Kurzfristig erwarte ich [durch den Austritt] keine größeren Auswirkungen, weil das Geschehen in der Straße von Hormus das gesamte globale Ölbild dominiert und diese Nachricht aus der OPEC eher zu einer Nebensache macht.“
Sobald sich die Lage in Hormus normalisiert, könnten die VAE mehrere Hunderttausend zusätzliche Barrel pro Tag auf den Markt bringen. Langfristig deutet der Austritt auf moderat niedrigere und volatilere Ölpreise hin.
Werden nun weitere Staaten aus der OPEC austreten?
Einige Analysten der Ölindustrie sind der Ansicht, dass der Austritt der VAE die seit längerem bestehenden Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der OPEC verstärkt. „Es ist möglich, dass wir den Zerfall der gesamten Organisation erleben“, sagte Colgan gegenüber DW und fügte hinzu, er glaube, dass Saudi-Arabien versuchen werde, die Gruppe als „zentralen Anker der gesamten Organisation“ zusammenzuhalten.
Der Austritt der VAE macht jedoch wachsende Frustrationen über das OPEC‑Quotensystem sichtbar und legt insbesondere Risse im Verhältnis zu Riad offen. Die OPEC steht bereits unter Druck durch wiederholte Quotenverstöße von Mitgliedern wie dem Irak und Nigeria sowie durch Russlands inkonsequente Einhaltung der Vereinbarungen innerhalb von OPEC+. Der Austritt der VAE verstärkt diesen Eindruck der Fragmentierung.
Mittelfristig warnte Oxley von Capital Economics, dass, wenn andere Produzenten mit freier Kapazität „sehen, dass die VAE außerhalb der OPEC erfolgreich Flexibilität und Marktanteile gewinnen“, „weitere folgen könnten“. Derzeit verfügen die meisten Mitglieder jedoch weder über die Förderkapazitäten noch über die wirtschaftliche Diversifizierung der VAE, sodass ein massenhafter Austritt unwahrscheinlich ist.
Die VAE sind nicht das erste OPEC‑Mitglied, das austritt. Katar verließ die Organisation 2019. Angola, Ecuador, Gabun und Indonesien sind in den vergangenen Jahren ebenfalls ausgeschieden, häufig aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über Förderquoten.
Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.
