Fußball-WM: Pro und Contra von Trinkpausen: Kommerz oder Spielerschutz?



Die Trinkpause kam Julian Nagelsmann im Spiel gegen Curaçao gerade recht. Nach dem überraschenden Ausgleich des Außenseiters nutzte der Fußball-Bundestrainer die Unterbrechung, um sein Team neu zu ordnen. Mit Erfolg, denn bis zur Pause hatte die DFB-Elf auf 3:1 gestellt. „Da war die Trinkpause tatsächlich gut, um einfach Dinge auf der Tafel zu zeigen“, berichtete der DFB-Coach anschließend.

Das WM-Novum macht aus zwei Halbzeiten quasi ein Vier-Viertel-Format, das Amerikanern aus anderen Sportarten bestens bekannt ist. In jeder Halbzeit soll der Schiedsrichter die Partie nach 22 Minuten für 3 Minuten unterbrechen. Entstanden ist das Modell aus Sorge um die Belastung der Spieler. Weil die Pause nach Meinung vieler Beobachter aber zweckentfremdet wird, ist eine Debatte über die Sinnhaftigkeit entbrannt. Was spricht dafür, was dagegen?

Contra: Geldmacherei

Für die TV-Sender schaffen die Trinkpausen zusätzliche Werbemöglichkeiten, die intensiv genutzt werden. Der Vorwurf der Kritiker: reine Geldmacherei. Fox verpasste im Eröffnungsspiel sogar den Wiederanpfiff nach einem Werbeblock. Auch MagentaTV hat alle Werbeplätze in den Unterbrechungen vermarktet, wie Telekom-TV-Chef Arnim Butzen dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ sagte. Vergeben sind demnach alle 208 Werbeplätze in der Länge von bis zu 80 Sekunden während der Pausen.

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Das britische TV-Netzwerk ITV erwartet die kommerziell erfolgreichste Fußballübertragung seiner Geschichte. Die Werbeeinnahmen sind laut Kelly Williams, Geschäftsführerin für den Bereich Werbung, 30 Prozent höher als bei der EM 2024. In Australien haben die Trinkpausen einen eigenen Sponsor und werden als „Maccas Match Break“ bezeichnet, finanziert von McDonald’s.

Contra: Klimaanlage

Obwohl die WM in unterschiedlichen Klimazonen stattfindet, gelten die Trinkpausen überall. So sollen gleiche Bedingungen für alle Teams gewährleistet werden. Heißt aber auch: Spiele werden auch in überdachten und klimatisierten Stadien wie etwa in Atlanta unterbrochen. Beim Spiel zwischen Spanien und Kap Verde gab es dafür Pfiffe von den Rängen.

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„Man sollte jedes Spiel unterschiedlich betrachten“, forderte Niederlande-Kapitän Virgil van Dijk. ARD-Experte Bastian Schweinsteiger bezeichnete die Regelung ebenfalls als „fragwürdig“. US-Coach Mauricio Pochettino würde Trinkpausen nur zulassen, „wenn die Bedingungen extrem sind“.

Contra: Stimmungskiller

Die Trinkpausen wirken sich mitunter negativ auf die Atmosphäre im Stadion aus. So stimmten die schottischen Fans gerade ihre inoffizielle WM-Hymne „No Scotland, No Party“ an, als der Schiedsrichter das Spiel unterbrach und die Dynamik auf den Rängen abrupt stoppte.

Viele Zuschauer nutzten die Pause für einen Gang zum Getränkestand oder zur Toilette. Beim Wiederanpfiff war die mitreißende Stimmung vorerst verflogen und zahlreiche Plätze noch leer. Erst nach und nach trudelten die Fans wieder ein – ähnlich wie nach einer Halbzeitpause.

Pro: Gesundheitsschutz

Die FIFA führte die Trinkpausen als Reaktion auf die große Hitze bei der Club-WM im Vorjahr ein. „Die FIFA bekräftigt damit ihr Engagement für das Wohlbefinden der Spieler beim Turnier“, erklärte der Weltverband. Wissenschaftler hatten bei Temperaturen über 28 Grad Kühlpausen von mindestens sechs Minuten gefordert. Durch die Pausen sollen potenzielle Risiken wie Dehydrierung oder Kreislaufprobleme vermieden werden. 

Als besonders herausfordernde Standorte gelten aufgrund der hohen Temperaturen und teils extremen Luftfeuchtigkeit etwa Miami und Monterrey. „Für mich geht die Gesundheit der Spieler immer vor. Hitze ist ein gutes Entscheidungskriterium“, sagte Spaniens Trainer Luis de la Fuente. Auch DFB-Kicker Kai Havertz sieht Vorteile: „In manchen Stadien wird es schon sehr heiß. Deswegen finde ich eine Trinkpause ganz gut.“

Pro: Taktikbesprechung

Die Trinkpause kommt vor allem den Trainern entgegen. Besonders dann, wenn man wie Nagelsmann nachjustieren muss. „Ich glaube, es kann gut sein, dass du etwas umstellen kannst, wenn der Trainer das durch Reinrufen nicht erreichen kann“, befand etwa DFB-Stürmer Deniz Undav. Ist es Zufall, dass etwa Brasilien, Australien, Deutschland oder Schottland kurz nach der Trinkpause ein Tor erzielten?

„Für mich ist es mehr ein Coachingbreak als eine Trinkpause. Deshalb ist es für mich sehr wichtig“, bewertete Belgiens Trainer Rudi Garcia die WM-Neuerung und war damit derselben Meinung wie Ralf Rangnick: „Weil wir die Möglichkeit haben, ein paar Dinge anzusprechen und zu korrigieren. Sonst kannst du sie ja von außen kaum erreichen“, sagte der österreichische Nationaltrainer.

Welchen Einfluss Trinkpausen auf den Spielverlauf haben können, zeigte das Duell zwischen Südkorea und Tschechien. Die Tschechen dominierten zunächst die Partie, verloren nach der Unterbrechung jedoch ihren Schwung und am Ende 1:2.

© dpa-infocom, dpa:260616-930-229289/1

Das ist eine Nachricht direkt aus dem dpa-Newskanal.



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