Frankreich: Französischer Philosoph Edgar Morin gestorben



Der französische Soziologe und Philosoph Edgar Morin ist tot. Er starb
am Freitag im Alter von 104 Jahren, wie seine Ehefrau Sabah Abouessalam Morin der Nachrichtenagentur AFP mitteilte.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron würdigte Morin auf der Onlineplattform X als
Widerstandskämpfer gegen Nazi-Deutschland, Schriftsteller und »Denker des Jahrhunderts«. Morin sei
»die Verkörperung des Humanismus« gewesen.

Wegbereiter des Konstruktivismus und der interdisziplinären Forschung

Bekannt wurde Morin vor allem
mit seinem Konzept des »komplexen Denkens«. Damit war er Vordenker
der Komplexitätstheorie und des Konstruktivismus. Der politisch links geprägte Autor wandte sich gegen eine harte
Abgrenzung der wissenschaftlichen Disziplinen. Er forderte den einseitigen wissenschaftlichen Blick zugunsten eines differenzierten Ansatzes, der
»vielfach gekreuzten Perspektiven und des komplexen Denkens« zu
erweitern.

Als Gegenentwurf zu statischem Denken und binären Vereinfachungen
von richtig und falsch sprach er sich aus für ein dynamisches Denken in
»gegenläufigen Bewegungen«, das Wissenschaft, Gesellschaft und
Politik miteinander verbindet.

In seinem sechsbändigen Hauptwerk La méthode (1977-2004) gab er wesentliche Impulse zur Analyse komplexer Krisenlagen wie
der ökologischen oder der Klimakrise in einer globalisierten Welt und schuf
Grundlagen für die Ökologie als einer interdisziplinären Wissenschaft.

Morin war Kommunist und Résistancekämpfer

Morin wurde am 8. Juli 1921
als Edgar Nahoum in Paris in eine jüdische Familie
mit Wurzeln in Griechenland geboren. Aus dem jungen Pariser Studenten wurde ein
Kämpfer der Résistance, des französischen Widerstands gegen die Nazis und später
ein Kommunist. Unter dem Decknamen Morin schloss
er sich der Résistance gegen die deutsche Besatzung an. 1941 trat er der
Kommunistischen Partei bei. Für sein späteres Denken blieb die Erfahrung von
Krieg, Illegalität und existenzieller Bedrohung prägend.

In Deutschland wurde der Philosoph und Soziologe mit
seinem ersten Buch Das Jahr Null. Ein Franzose sieht Deutschland bekannt.
Darin beschreibt er die Nachkriegszeit und den Neubeginn der deutschen
Gesellschaft unmittelbar nach 1945.

1959 reflektierte er in Autocritique seine Blindheit gegenüber
dem Stalinismus und seinen Ausschluss aus der
Kommunistischen Partei, womit er erneut Aufmerksamkeit erregte.

Morin war Ehrendoktor von 38
ausländischen Universitäten. Er verfasste rund vierzig Werke, die vielfach
übersetzt wurden. Bis ins hohe Alter blieb Morin
eine Stimme im intellektuellen Streit um die Gegenwart: Globalisierung,
ökologische Krise, Konflikte und Kriege.



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