Die sozialen Netzwerke sind ein Haifischbecken
„Generation Porno – Was unsere Kinder online sehen“ erzählt die Geschichten junger Menschen – von ersten Kontakten mit pornografischen Inhalten bis hin zu den Folgen für Selbstbild, Beziehungen und Sexualität.
02.06.2026 | 43:36 min
ZDFheute: Wo sehen Sie die größten Gefahren für Kinder und Jugendliche in den sozialen Netzwerken?
Silke Müller: Aus meiner Sicht sind es drei große Bereiche. Das eine ist das Verkaufen der eigenen Identität – Kinder und Jugendliche achten nicht ausreichend auf die eigene Datensicherheit und die eigene Intimität, Stichwort Nacktfotos. Das zweite ist der Angriff von pädokriminellen Menschen, Stichwort Cybergrooming. Es war noch nie so einfach für pädokriminelle Personen, an unsere Kinder heranzutreten. Und das dritte ist die Beeinflussung durch KI und Chatbots.
Uns muss irgendwann klar werden, dass die sozialen Netzwerke ein Haifischbecken sind, wo viele Gefahren lauern – und die sind deutlich schlimmer, als wir denken, und viel massiver, als wir wissen.
… ist Autorin mehrerer Bücher über die Auswirkungen digitaler Medien auf Kinder, Jugendliche und das Bildungssystem. Bis 2025 war sie Schulleiterin der Waldorfschule in Hatten (Niedersachsen). Seit 2021 ist Müller die erste „Digitalbotschafterin“ des Landes Niedersachsen.
Foto: Sebastian Heun
ZDFheute: Welche Rolle spielen Klassenchats und Messenger-Gruppen bei der Verbreitung problematischer Inhalte?
Müller: Wir diskutieren ja viel über Verbote von Social Media, also TikTok oder Instagram. Aber selbst wenn Eltern ihrem Kind beispielsweise TikTok verbieten, wird es nicht vor den Inhalten geschützt. Die werden auch über andere Kanäle weiterverbreitet – über YouTube oder abgefilmt für Chatgruppen. Deswegen muss man auch auf die Messengerdienste schauen – WhatsApp, Snapchat, Discord oder die Chats in Online-Games, dort können auch sexualisierte Inhalte oder Hassnachrichten geteilt werden. Mobbing nimmt im Netz eine ganz andere Form an und ist rund um die Uhr verfügbar – ohne Pause.
ZDFheute: Welche Formen sexualisierter Inhalte begegnen Kindern besonders häufig?
Müller: Der Kreativität ist da leider keine Grenze gesetzt. Es geht um Fotos, Videos, aber auch um Memes oder kurze Clips, die durch Gruppen geschickt werden. Neu ist, dass mit KI-Tools sehr einfach gefälschte sexualisierte Bilder oder Videos erstellt werden. Man kann aus einem normalen Foto per Knopfdruck eine nackte Darstellung erzeugen, die täuschend echt aussieht. Das macht etwas mit der betroffenen Person.
Opfer digitaler Gewalt sollen künftig besser geschützt werden. Justizministerin Hubig (SPD) stellte im April einen Gesetzentwurf vor, der Lücken im Strafrecht schließen soll.
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ZDFheute: Was können Eltern konkret tun, um ihre Kinder im Umgang mit digitalen Medien zu unterstützen?
Müller: Wichtig ist vor allem die Reaktion im Gespräch. Wenn ein Kind etwas erzählt, sollte man ruhig bleiben und erst mal sagen: „Okay, das tut mir leid, dass du in so einer Situation bist.“ Eltern sollten Emotionen spiegeln und Verständnis zeigen. Kinder haben oft Panik davor, dass Eltern ins Boot kommen und ihnen das Handy wegnehmen. Auch wenn Kinder selbst etwas Problematisches gemacht haben, etwa Bilder verschickt haben, sollte man das einordnen, ohne sofort zu verurteilen.
Es geht darum, im Gespräch zu bleiben und Orientierung zu geben. Wir müssen wieder dahin zurückkommen, dass Eltern die wichtigsten Bezugspersonen mindestens in der Kindheit der Kinder und Jugendlichen sind.
Jan Fleischhauer meint: Social Media schadet Kindern und muss eingeschränkt werden. Influencer Levi Penell entgegnet: Ein Verbot wäre wirkungslos und gefährdet wichtige Freiräume für Jugendliche.
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ZDFheute: Welche Rolle spielt Aufklärung beim Thema Sexting?
Müller: Es geht um „Safer Sexting“, also darum, wie ich etwas verschicken kann, ohne mich oder andere in Gefahr zu bringen. Das gehört zur sexuellen Aufklärung im Netz dazu. Wir sollten nicht nur verbieten, sondern vorbereiten und den Schutz von sich selbst und anderen in den Vordergrund stellen.
Das Wort „Sexting“ kombiniert die Begriffe „Sex“ und „Texting“. Bezeichnet wird damit meist das Versenden intimer Bilder oder Nachrichten per Handy oder Internet.
ZDFheute: Empfehlen Sie eine Altersgrenze für Smartphones?
Müller: Ja, es ist wichtig festzulegen, ab wann ein internetfähiges Smartphone in Kinderhände gehört. Aus meiner Sicht nicht vor zwölf Jahren. Das hängt auch damit zusammen, ab wann Kinder Social Media nutzen dürfen – man sollte ihnen nicht etwas geben, das sie eigentlich noch gar nicht nutzen sollten.
Soziale Medien, Chats, Online-Games – Pädokriminelle nehmen hier Kontakt zu potenziellen Opfern auf. Immer mehr Minderjährige sind von Cybergrooming betroffen.
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ZDFheute: Welche politischen Maßnahmen halten Sie für notwendig?
Müller: Die Politik muss Maßnahmen ergreifen, damit etwa pornografische Inhalte eingeschränkt werden. Das funktioniert über Druck auf die Plattformen, damit Algorithmen verändert werden und solche Inhalte gar nicht erst auf Smartphones erscheinen. Es braucht mehr Transparenz bei den Plattformen und auch Sanktionen. Der Digital Services Act der Europäischen Union geht da in die richtige Richtung, aber das muss konsequent umgesetzt werden.
ZDFheute: Welche Lösungen sehen Sie im Schulkontext?
Müller: Ich bin dafür, dass alle Schulen eine Social-Media-Sprechstunde einrichten. Dort können Kinder sagen, was sie erlebt haben, und bekommen konkrete Hilfe. Außerdem halte ich Peer-to-Peer-Ansätze für wichtig, also Kinder, die anderen Kindern helfen – etwa als Medienscouts oder digitale Streitschlichter. So kann man auch in Klassenchats moderierend eingreifen und Konflikte lösen.
Damit Kinder und Jugendliche im Internet besser geschützt werden, wirbt die Europäische Kommission für eine neue EU-App zur digitalen Altersüberprüfung. Alle Mitgliedstaaten sollen sie anbieten.
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ZDFheute: Noch einmal zurück zur KI – welche Gefahren sehen Sie dort neben der Erstellung von gefälschten Nacktbildern?
Müller: Eine gefährliche Entwicklung ist, dass Kinder ihre persönlichen Probleme mit KI-Chatbots besprechen. Die ersten Antworten sind oft sehr gut, bauen Vertrauen auf und simulieren Emotionen. Die KI ist immer da, immer freundlich – man muss sich keinem echten Menschen stellen.
Für den Moment ist es vielleicht besser, mit einer KI zu reden als mit niemandem. Aber was passiert, wenn kein Mensch mit Seele, mit Bindung und Erfahrung als Korrektiv da ist? Da müssen wir aufpassen, dass Kinder nicht in Einsamkeit geraten und in eine Abhängigkeit von Chatbots. Das ist ein Riesenthema, das wir noch viel zu wenig im Blick haben.
Quelle: ZDF
Über dieses Thema berichtete ZDFzeit am 02.06.2026 um 20:15 Uhr.
