Die junge Generation verliert den Durst


Die zehn Millionen Einwohner zählende Tschechische Republik ist ein Bierland. In keinem anderen Staat der Welt wird so viel Bier getrunken wie hier – schon seit Jahrzehnten führt Tschechien souverän jede Rangliste zum Pro-Kopf-Bierverbrauch an erster und nur gelegentlich an zweiter Stelle an. Die Kneipe ist seit jeher ein Ort, an dem nicht nur Bier gezapft wird, sie ist auch das Herzstück eines jeden tschechischen Dorfes. Ein Ort, an dem man sich trifft, Karten spielt, über das Leben, die Welt und Politik diskutiert. „Kneipengespräche“ in Form literarischer Werke von Jaroslav Hasek, Bohumil Hrabal und heute auch des deutsch-tschechischen Schriftstellers Jaroslav Rudis sind Teil der europäischen und weltweiten Literatur geworden.

Seit Jahrhunderten prägt tschechisches Bier das nationale Selbstverständnis. Selbst in den Zeiten des größten wirtschaftlichen Niedergangs während des Kommunismus wurde vor allem Pilsner Urquell weiterhin in große Teile der Welt exportiert. Selbst der Papst bekommt bis heute jedes Jahr zu Ostern einige gesegnete Kisten davon geliefert. Ob er diese jedoch tatsächlich trinkt, ist nicht gesichert. Pilsners Konkurrent Budvar aus Budweis ist eines der wenigen Unternehmen, das dem Privatisierungsdruck nach dem Fall des Kommunismus standgehalten hat, und bis heute in staatlichem Besitz ist.

Brauereien schlagen Alarm

Nachrichten über Bierpreise, -konsum, -produktion, -verkauf und -export werden in Tschechien bis heute mit großem Interesse verfolgt. Auch in den vergangenen Tagen verdrängte die Meldung des Tschechischen Verbandes der Brauereien und Mälzereien, dass der Bierkonsum in Tschechien im vergangenen Jahr auf ein historisches Tief von 121 Litern pro Kopf gesunken sei, die Berichte über steigende Diesel- und Benzinpreise an den Tankstellen im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg.

„Jeder Tscheche hat im vergangenen Jahr acht große Bier weniger getrunken als im Jahr 2024“, stellte der öffentlich-rechtliche Sender Cesky rozhlas fest – und rückte die Meldung dazu, ebenso wie andere Medien in Tschechien Ende April, in den Mittelpunkt seiner Berichterstattung.

„In den vergangenen Jahren legen die Tschechen mehr Wert auf maßvollen Konsum und führen häufiger einen gesunden Lebensstil“, erklärt Tomas Slunecko, Geschäftsführer des Tschechischen Verbandes der Brauereien und Mälzereien. „Und wenn sie schon einmal auf ein Bier ausgehen, interessiert sie eher die Vielfalt des Angebots und vor allem die Qualität mehr als die Quantität. Das belegt auch das langfristig steigende Interesse an alkoholfreien Bieren.“ Dem Verband zufolge konsumieren die Menschen Bier auch zunehmend außerhalb von Kneipen und Restaurants.

Im vergangenen Jahr wurde nur etwa jedes vierte in Tschechien verkaufte Bier in Gaststätten getrunken. Der tschechische Verband der Brauereien und Mälzereien forderte die Regierung auf, die Mehrwertsteuer auf Fassbier zu senken und so dazu beizutragen, den Bierkonsum in Gaststätten anzukurbeln. Dort ist der Preis für einen halben Liter Fassbier in den letzten Jahren von 40 auf 50 bis 60 Kronen gestiegen, also von etwa 1,60 Euro auf 2 bis 2,50 Euro.

Dazu kommt, dass auch in Ländern wie Deutschland, in die tschechisches Bier exportiert wird, deutlich weniger getrunken wird. Insgesamt sank die Bierproduktion in Tschechien im letzten Jahr so um 4,3 Prozent auf 1996 Millionen Liter.

Identitätsstiftender Alkohol

Während vor allem die ältere Generation der Tschechen die Nachrichten über den Rückgang des Bierkonsums als etwas Negatives betrachtet, das vom Niedergang der Tradition in der tschechischen Gesellschaft zeuge, sehen tschechische Suchtexperten und Fachärzte darin eine gute Nachricht.

„Bei manchen Tschechen herrscht nach wie vor das Gefühl vor, dass Bier kein Alkohol sei, sondern Teil der tschechischen Identität“, erklärt Tom Philipp, ehemaliger stellvertretender Gesundheitsminister und Abgeordneter der Tschechoslowakischen Volkspartei, gegenüber der DW. Dass der Konsum vor 20 Jahren noch bei knapp 160 Litern pro Person lag und heute nur noch bei 121 sieht er als eine positive Entwicklung. „Wir bewegen uns allmählich weg vom Biertrinken nach dem Motto ‚Hauptsache viel‘ hin zu der Einstellung, dass es normal ist, weniger oder gar nichts zu trinken – und das ist aus Gesundheits- und Sicherheitsgründen eine gute Nachricht“, fügt er hinzu.

Menschen sitzen in einem Restaurant an Tischen, essen und trinken dazu Bier
Bier, wie hier in Prag, ist ein wichtiger Teil der tschechischen Ess- und TrinkkulturBild: Luboš Palata/DW

Die junge Generation der Tschechen trinkt im Allgemeinen weniger Alkohol als die ältere – dennoch ist der Konsum nach wie vor hoch. Und auch das Risiko des Alkoholmissbrauchs bleibt bestehen. „Sehr besorgniserregend ist, dass Alkohol bei jungen Menschen als Ersatz für fehlende Beratungs- und Hilfsangebote dient“, sagt Katerina Duspivova, Senioranalystin am renommierten tschechischen Institut für empirische Forschung (STEM), gegenüber der DW. Laut der jüngsten Erhebung der Europäischen Schulstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD) aus dem Jahr 2024 tranken in Tschechien 14 Prozent der 16-Jährigen Alkohol, um ihre Probleme zu vergessen. Elf Prozent erklärten, dass sie zu Alkohol greifen, wenn sie sich depressiv fühlen.

Weniger Alkohol, aber neue Risiken

Für junge Tschechen gilt Alkohol inzwischen als deutlich weniger „cool“. Doch es gibt neue Sucht-Risiken: „Die Veränderungen im Verhalten junger Menschen werden auch vom Nationalen Beobachtungszentrum für Drogen und Sucht bestätigt. Nach dessen Angaben ist bei den jüngeren Generationen ein Rückgang des Alkoholkonsums zu verzeichnen, dafür konsumieren sie häufiger neue, nicht regulierte Substanzen und nutzen übermäßig soziale Netzwerke und Online-Spiele“, warnt Expertin Duspivova.

Mehrere Leute sitzen vor einem Hotel um einen Tisch herum, rechts neben ihnen steht ein Schild, das für Bier wirbt
Bier bleibt auch für Touristen eine der Hauptattraktionen der Tschechischen RepublikBild: Lubos Palata/DW

„Junge Tschechen verbringen mehr Zeit in der virtuellen Welt, haben aber nach wie vor mit den Problemen der realen Welt zu kämpfen. Und in diesem Bereich haben wir großen Nachholbedarf. Das bestätigen auch die Daten zum psychischen Wohlbefinden der einzelnen Generationen“, fügt Duspivova hinzu.



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