Das Rätsel um den deutschen Schatz


Es begann mit einem Rohrbruch. Handwerker durchbrachen die Kellerwand eines Hauses an der Kuracyjna-Straße im polnischen Walbrzych und stießen auf einen bislang unbekannten Raum. Darin lagen mehrere Dutzend Kisten, Körbe und Säcke mit Gegenständen, die einstige deutsche Bewohner dort verborgen hatten – in der Zeit, als Walbrzych noch Waldenburg hieß und die heutige Kuracyjna-Straße den Namen „Am Bradeschacht“ trug. Das Versteck blieb rund 77 Jahre lang unentdeckt – vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu seiner zufälligen Entdeckung im November 2022.

Der Fund sorgte für Aufsehen. Etwa 2000 Fundstücke präsentierte die Stadtverwaltung damals bei einer Pressekonferenz. Auf langen Tischen waren Porzellanservices ausgebreitet – als wären sie gerade erst einem Schrank entnommen worden. Daneben Schmuck, persönliche Gegenstände, Fotografien und Briefe – Dinge des Alltags, eingefroren in der Zeit. Bald war vom „Schatz von Walbrzych“ die Rede.

„Die, die vor uns hier waren“

Nach polnischem Recht ging der entdeckte Fund in den Besitz des Staates über. Er soll jedoch nicht im Depot verschwinden, sondern Teil der Dauerausstellung im Museum „Tygiel“ (deutsch: Schmelztiegel) werden. Das Stadtmuseum ist aktuell noch im Aufbau, seine Eröffnung ist für November 2026 geplant.

Das Museum soll vor allem die Nachkriegsgeschichte der Stadt und ihrer Bewohner nachzeichnen. Als „Waldenburg“ war die Stadt in Schlesien zunächst Teil des Deutschen Reichs. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vereinbarten die Siegermächte, dass sie die Grenzen neu ziehen würden. Die Sowjetunion annektierte einen Teil Ostpolens; Schlesien und andere deutsche Regionen östlich der Oder-Neiße-Linie gingen an Polen. Aus „Waldenburg“ wurde „Walbrzych“. Statt der vertriebenen Deutschen zogen polnische Vertriebene aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten in die Stadt, Siedler aus Großpolen, Bergleute aus Frankreich, Juden und später auch Griechen. Zugleich lebten weiterhin auch tausende Deutsche in Walbrzych. Sie wurden in den Bergwerken und Fabriken dringend gebraucht und ihnen die Ausreise deswegen teilweise verboten. Erst in den 1950er-Jahren verließen viele die Stadt.

In einem Flur stapeln sich zahlreiche geöffnete Kisten und Koffer, einige sind teilweise ausgepackt
Zum Abtransport des historischen Funds organisierte die Stadt einen LKW – so viele Gegenstände waren entdeckt wordenBild: Roman Szełemej/UM Wałbrzych/ facebook.com

„Wir können nicht über das heutige Walbrzych sprechen, ohne jene zu berücksichtigen, die hier zuvor gelebt haben“, sagt Wioletta Wrona Gaj, zentrale Koordinatorin für das Museum Tygiel und Leiterin des Museums für Industrie und Technik in Walbrzych. Es gehe nicht darum, die deutsche Vergangenheit hervorzuheben, sondern das materielle und kulturelle Erbe darzustellen. „Das war kein leerer Raum, kein Feld, auf dem alles von Grund auf neu entstand“, sagt sie gegenüber der DW.

Der historische Kontext des Zweiten Weltkriegs sowie die daraus folgende Flucht und Vertreibung sollen in dem Museum eine zentrale Rolle spielen. „Wir wollen diese Geschichte nicht ausblenden, sondern sie aus menschlicher Perspektive erzählen“, sagt Marek Arcimowicz, Fotograf und Architekt, der das neue Museum entworfen hat.

Auf Spurensuche

Der Fund aus der Kuracyjna-Straße soll eine wichtige Achse der Ausstellung bilden. Doch wann genau und unter welchen Umständen wurden die Gegenstände versteckt? Geschah dies noch während des Kriegs, als die Rote Armee näher rückte – oder erst kurz vor der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien nach Kriegsende? Und wer waren ihre Besitzer? Bislang verfügen die Kuratoren lediglich über bruchstückhafte Informationen und Vermutungen. Offenbar handelte es sich um eher wohlhabende Familien – darauf deuten Schmuckstücke, Porzellan und persönliche Erinnerungsobjekte wie Fotos und Tagebücher hin. Zurückgelassene Zeichnungen von Gebäuden und Baustellen legen nah, dass dort ein Bauunternehmer oder Architekt gelebt haben könnte.

Einige Kisten trugen Beschriftungen wie „Emma Kade“, „Rausch“, „Seidel“, einige lediglich Initialen.

Zwei Fotos liegen nebeneinander auf einem Tisch. Das links zeigt einen Mann im Anzug, das rechts eine Frau in einem gestreiften Kleid
Fotos der Familie Seidel – bis heute gibt es nur Spekulationen dazu, wer die Menschen waren, die ihr Hab und Gut in dem Keller verstecktenBild: Anna Widzyk/DW

In Archiven lässt sich eine Spur zu Familie Kade finden. Paul Kade starb als Wehrmacht-Soldat am 17. April 1944 in einem Feldlazarett im rumänischen Galati. Am Rand der Sterbeurkunde findet sich ein handschriftlicher Vermerk: „Emma Kade, Ibbenbüren, 22.7.57“.

Gemeinsames Erbe

Nicht nur in Walbrzych weckt das „deutsche Erbe“ Neugier. In vielen Städten in den früheren Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Reichs, in Polen als „Wiedergewonnene Gebiete“ bezeichnet, wurden deutsche Inschriften und andere Relikte aus der Vorkriegszeit entdeckt.

„Das ist Teil der Geschichte des Ortes, an dem wir leben“, sagt Jacek Drejer, Direktor des Wissenschafts- und Kulturzentrums Stara Kopalnia (deutsch: Alte Zeche) in Walbrzych. „Wir sind mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass die Geschichte hier ein wenig anders verlaufen ist als in Mittel- oder Ostpolen. Im Alltag begegnen wir ständig dem deutschen Erbe, das inzwischen zu unserem gemeinsamen Erbe geworden ist.“

Mehrere Papierbögen liegen übereinander gestapelt. Manche beinhalten handschriftliche Aufzeichnungen, andere scheinen gedruckten Erzeugnissen entnommen worden zu sein. Im Vordergrund liegt ein Foto
Briefe, Karten, Fotos: Unter den Fundstücken, die in dem Keller entdeckt wurden, waren auch zahlreiche Dokumente Bild: Urząd Miejski w Wałbrzychu (Stadtverwaltung Wałbrzych)

Für Menschen aus anderen Regionen Polens ist das oft nur schwer nachvollziehbar. Es passt auch nicht zum allgemeinen politischen Klima im Land, wo antideutsche Rhetorik immer noch eine gewisse Rolle spielt. Kritik an dem Narrativ einer gemeinsamen Vergangenheit kommt vor allem aus rechtskonservativen Kreisen: „Dieser Trend besteht seit 1989 und betrifft das gesamte Gebiet der Wiedergewonnenen Gebiete. Es ist eine Erzählung des heutigen liberalen und europäischen Deutschlands“, sagt Maciej Walaszczyk, Kommentator der rechtskonservativen Zeitschrift Sieci, gegenüber der DW.  Es handele sich um eine „bewusste Strategie, um auf der Grundlage einer kosmopolitischen Kultur eine neue städtische Identität zu schaffen, die faktisch deutsch ist“.

„Hier ist Polen!“

Im Dezember vergangenen Jahres wurde in der Alten Zeche in Walbrzych mit einem feierlichen Akt der 80. Jahrestag der Eingliederung der westlichen und nördlichen Gebiete in den polnischen Staat begangen. Premierminister Donald Tusk bekräftigte den historischen Anspruch Polens auf die Region und sprach vom Erbe der ersten polnischen Könige, der Piasten. Er betonte: „Hier ist Polen, hier war Polen und hier wird Polen sein.“

Anders klangen die Worte der Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, die eng mit Walbrzych und den westlichen Regionen Polens verbunden ist. Sie sprach von der Herausbildung „einer Art neuer Identität“, die sie vorläufig als „transgressiv“ bezeichnete. Aus „der eigenartigen Mischung von Menschen, die vor achtzig Jahren durch die Straßen dieser Städte gingen“, sei eine in ihrer Leidenschaft geeinte, offene Gesellschaft von Polinnen und Polen sowie Europäerinnen und Europäern entstanden – „Menschen, die hier Zuhause sind“. Zugleich lasse sich jedoch „die Vergangenheit unserer Orte nicht ignorieren“, betonte Tokarczuk.



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