Darf Macht wieder sein? – KI-Umbruch und Führungskräfte
Tomkos hat Fragen
Darf Macht wieder sein?
Macht galt als toxisch. Warum Unternehmen in der Krise wieder klare Entscheidungen brauchen – und Macht kein Tabu mehr sein darf
In der Unternehmenswelt bewegt sich Macht seit Jahrzehnten in Richtung Dezentralisierung, Selbstorganisation, dienende Führung. Schließlich lehrt die Erfahrung, dass Komplexität sich nicht einfach von oben kontrollieren lässt – Macht muss daher geschickt verteilt werden. In der Politik läuft vielerorts das Gegenteil ab: Menschen wünschen sich Persönlichkeiten, die Kontrolle übernehmen – diese wiederum nutzen den schleichenden Verfall des Vertrauens in bestehende Institutionen und demonstrieren ihre Macht immer ungenierter.
Der Managementdenker Dirk Baecker bemerkte zwar, dass dieser politische Trend „eine Sehnsucht nach Einfachheit ist, die es nie gab“. Trotzdem ist die Frage aktueller denn je: Kommt die Macht nun auch in die Unternehmen zurück? Denn lange war dort Macht das, was man nicht offen wollte. Man wollte Verantwortung. Man wollte Gestaltungsraum. Man wollte – in besonders fortgeschrittenen Fällen – eine Purpose-Journey. Aber Macht? Nein danke, zu toxisch, zu hierarchisch, zu gestern.
Und jetzt? Heute stehen Unternehmen mitten in der größten Transformationsnot seit der Industrialisierung. KI zerlegt Geschäftsmodelle. Lieferketten verschieben sich. Märkte, die fünf Jahre lang stabil schienen, lösen sich in Quartalen auf. Und irgendwo in dieser Gemengelage stellt sich eine sehr unmoderne Frage: Wer entscheidet hier eigentlich und wie schnell?
Macht und Führung
In Deutschland glaubten 62 Prozent der Befragten einer „Next Work Innovation“-Studie von 2024, dass in der Krise mehr autoritäre Führung notwendig sei. Zugleich verdeutlicht der Leadership-Monitor 2025, dass Beschäftigte autoritäre Führung im Vergleich zu kooperativer dreimal seltener als wirksam bewerten.
In den vergangenen Monaten haben mir viele Führungskräfte ein Unwohlsein verdeutlicht: Sie nennen es „fehlende Richtung”. Oder „Entscheidungslähmung“. Andere sprechen schlicht davon, dass ihre Organisation im versuchten Konsens ertrinkt. Was sie meinen, ist oft dasselbe: In Zeiten radikalen Wandels raubt das Vermeiden klarer Macht den Unternehmen bisweilen ihre Reaktionsfähigkeit. Wer jeden Kurswechsel und Transformation per Abstimmung organisiert, der transformiert nicht, oder eben zu langsam, und verwaltet so höchstens die Ungewissheit.
Nun könnte man sagen: Macht korrumpiert. Ja, manchmal. Aber Machtlosigkeit lähmt. Die Managementliteratur hat das zuletzt ausgeblendet. Die zentrale Frage ist: Wofür wird Macht genutzt? Macht, die sich selbst dient, ist Machtmissbrauch. Aber Machtmissbrauch entsteht nicht nur dadurch, dass es Macht gibt. Er entsteht, wenn Macht nicht benannt, nicht reflektiert und nicht begrenzt wird. Macht, die einer Organisation Richtung gibt, die Entscheidungen trifft, die niemand sonst treffen will, die in Unsicherheit Kurs hält – das ist keine Pathologie. Das ist auch Führung.
Macht war nie verschwunden, vielmehr ist sie unübersichtlicher geworden. Sie steckt in Budgets, in Zugängen, in informellen Netzwerken. Sie zeigt sich weniger in Titeln, aber in Kalendern. Nicht im Organigramm, sondern im Verteiler. Wer glaubt, in seiner Organisation spiele Macht keine Rolle mehr, hat sie nur aus dem Blick verloren – und genau das macht sie gefährlich.
Macht als Tabu der Managementlehre
In gewisser Hinsicht liegt hier eine Achillesferse moderner Führung: Einige Manager profitieren von Macht, ohne sie wahrnehmen zu wollen. Sie erklären ihren Einfluss mit Kompetenz, mit Erfahrung, mit Marktlogik – und übersehen dabei, wie sehr Position, Rolle und Organisation ihnen längst Autorität verleihen. Über Macht zu sprechen, wäre ehrlicher. Aber auch riskanter. Denn dann ginge es nicht mehr nur um gute Absichten, sondern um Verantwortung. Um Grenzen. Um Konsequenzen.
Vielleicht ist Macht deswegen ein letztes Tabu der Managementlehre, weil sie das Selbstbild vieler Führungskräfte stört. Sie entlarvt die Illusion der herrschaftsfreien Organisation. Und sie zwingt dazu, über Einfluss, Hierarchie und Verantwortung ehrlich nachzudenken. Die Politik hat diese Dimension – auf gefährliche Weise – wiederentdeckt. Unternehmen stehen noch am Anfang. Die Hoffnung bleibt, dass sie einen verantwortungsvolleren, zugleich ehrlichen Umgang damit finden. Möge die Macht mit ihnen sein.
Thomas Tomkos gehört zu den führenden Personalberatern Deutschlands. Seit über 25 Jahren besetzt er Vorstands-, Aufsichtsrats- und Geschäftsführerposten und berät Topführungskräfte in Konzernen und Familienunternehmen. Der promovierte Physiker war 20 Jahre bei der internationalen Beratung Russell Reynolds tätig; im September 2024 hat er sich mit Tomkos Partners selbstständig gemacht. Seine Kolumne erscheint regelmäßig bei Capital.
