Big Tech dominiert den Alltag


Nahaufnahme eines Smartphone-Bildschirms mit verschiedenen App-Symbolen, darunter Google, YouTube, WhatsApp, Maps, PayPal, Amazon, TikTok und ChatGPT. Die Icons sind in einem Raster angeordnet, einige mit Benachrichtigungsanzeigen. Das Bild steht sinnbildlich für die starke Präsenz großer Digitalkonzerne im Alltag.

Wie gut lässt sich auf Produkte großer US-Digitalkonzerne in der Praxis verzichten? Dafür testet WISO im Alltag für eine Woche Alternativen.

08.06.2026 | 8:07 min


Ein Leben ohne WhatsApp, Google und Co. – für die meisten kaum noch vorstellbar. Gleichzeitig warnen Experten und Politiker seit langem: Neben unseren sensiblen Daten haben die großen US-Tech-Konzerne eine enorme Macht über uns. Wie einfach oder schwer ist es privat unabhängiger zu werden – ein Selbstversuch.

Big Tech-Konzerne: ihre Macht und unsere Abhängigkeit

Im Alltag zeigt sich die Macht der US-Konzerne bereits in der Hosentasche: 99 Prozent der Smartphones in Deutschland laufen mit einem der zwei dominierenden Betriebssysteme: iOS von Apple und Android von Google. Bei Computern liegt Windows von Microsoft mit Abstand vorne, danach folgt Apples macOS.

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Dazu kommen zahlreiche Anwendungen: vom Messenger WhatsApp über den Kartendienst Google Maps bis hin zu Microsoft Office. Der Selbstversuch scheitert daran, eine Alternative zum Betriebssystem auf dem iPhone zu finden oder bei der Arbeit auf Microsoft Programme zu verzichten. Vor allem bei Apps gibt es aber europäische Alternativen.

Gmail/Outlook: Posteo, Mailbox.org, Proton Mail
WhatsApp: Signal, Threema
Google Suche: Ecosia, Qwant, Startpage
ChatGPT: Mistral Vibe, Ecosia KI
Microsoft Office: LibreOffice
Amazon: Deutsche Onlinehändler oder Einzelhandel
PayPal: Wero, Klarna, Echtzeitüberweisung
Google Maps: HereWeGo, Organic Maps, OpenStreetMap
Windows: Linux


Wechsel zu europäischen Alternativen

Der Umstieg von den etablierten Anbietern führt jedoch oft zu Problemen. Conrad Hoffmann, IT-Experte bei Topio, einem Verein zur Förderung digitaler Unabhängigkeit, erklärt, dass Hersteller den Wechsel gezielt erschweren. Sie schaffen ein nahtloses Ökosystem, das aber nur mit Produkten derselben Marke funktioniert. So siegt bei vielen Nutzern am Ende die Bequemlichkeit und sie verharren bei den US-Anbietern.

Dazu kommt – das wird auch am ersten Abend im Selbsttest klar – der Netzwerkeffekt. Die wenigsten Freunde nutzen alternative Messengerdienste. So bringt es nichts, wenn man sie selbst nutzt, man am Ende quasi isoliert ist.

An anderer Stelle klappt der Umstieg hingegen erstaunlich gut. Das niederländische HereWeGo bringt einen wie Google Maps auch zuverlässig ans Ziel. Und bei der KI geht es auch ohne ChatGPT: Der Chatbot von Mistral Vibe aus Frankreich gibt fast identische Antworten.

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Alternativen zu US-Konzernen zum Scheitern verurteilt?

Warum viele Alternativen trotzdem nicht so erfolgreich sind wie die amerikanischer Unternehmen, liegt für Medienwissenschaftler Martin Andree von der Universität Köln an einem systemischen Problem. Denn viele der großen US-Konzerne „dominieren oft ein ganzes Dutzend an Märkten“, erklärt Andree. So gehört beispielsweise zum Mutterkonzern Alphabet nicht nur die Google Suche, sondern auch die Videoplattform YouTube und das Betriebssystem Android.

In Summe entstünden laut Andree so Monopole, die dafür sorgten, dass Alternativen in diesen Bereichen nicht die nötige Finanzierung und Aufmerksamkeit bekämen. Für Nutzer sei der Umstieg entsprechend unattraktiv, vor allem, da es oft auch noch technische Hürden gebe.

Wie groß und dadurch auch mächtig die Big Tech-Konzerne sind, zeigt sich am Börsenwert der fünf Größten: Nvidia, Alphabet (Google), Apple, Microsoft und Amazon. Rund 20 Billionen US-Dollar sind sie zusammen wert.

Im Vergleich dazu kommt der gesamte DAX, bestehend aus den 40 größten deutschen Unternehmen wie Siemens oder SAP, auf rund zwei Billionen Euro.

Quelle: companiesmarketcap.com


Gefahr für Europa

Diese Situation sorgt laut Medienwissenschaftler Andree dafür, dass wir erpressbar sind. Würden die USA uns den Stecker ziehen, „bricht hier ganz viel zusammen“, warnt er. Spätestens seit der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump ist dieses Szenario wahrscheinlicher denn je.

Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X

:Digital ausgeliefert: Wenn Amerika den Stecker zieht

Ein Richter aus Frankreich bekommt plötzlich Kreditkarte, Amazon-Konto und Bankzugang entzogen. Was nach Science-Fiction klingt, betrifft im Kern jeden Bürger Europas.

von Dennis-Kenji Kipker

Terra X - Die Wissens-Kolumne: Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker

Kolumne

Auf europäischer Ebene forderte neben Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Ende letzten Jahres auf einem Digitalgipfel in Berlin: „Europa muss in vereinter Kraftanstrengung einen eigenen digitalen Weg gehen.“

Raus aus der Abhängigkeit

Im Kleinen kann jeder durch die Nutzung europäischer Alternativen einen Beitrag leisten. Nach sieben Tagen Selbsttest ohne die großen US-Tech-Konzerne bleiben zwar einige gute Alternativen wie die KI aus Frankreich oder die Suchmaschine Ecosia. Doch der Selbsttest zeigte auch – besonders auf WhatsApp lässt sich nicht so einfach verzichten.

Für Digitalexperte Martin Andree ist die Stärkung der Alternativen nur ein Baustein für Unabhängigkeit. „Gleichzeitig muss die Politik auch helfen, dass diese Märkte geöffnet werden“, um die Vormachtstellung der US-Konzerne zu schmälern. Passiere das nicht, würden unsere Abhängigkeit und mit ihr die Gefahren in Zukunft noch größer werden.

Richard Luttke ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.

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Über dieses Thema berichtete WISO am 08.06.2026 ab 19:25 Uhr.



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