Anschläge auf Trump alle inszeniert?
Der mutmaßliche Anschlag auf US-Präsident Trump beim traditionellen Dinner der White-House-Korrespondenten am 25. April hat für eine Welle von Gerüchten und Verschwörungsmythen gesorgt. In den sozialen Netzwerken sind viele Menschen überzeugt, der mutmaßliche Anschlag sei inszeniert, gefälscht oder erinnere an Hollywood. Was ist dran an den Narrativen, und warum sind sie so schwer zu widerlegen?
Behauptung: „Hier ist der eindeutige Beweis für die inszenierte Show heute Abend! Kurz bevor Trump von der Bühne geholt wird, hält ein Mann ein Schild hoch. Es sieht so aus, als hätte er einer anderen Person etwas signalisiert. Eine Sekunde später reagiert Melania mit einem übertriebenen, vorgetäuschten Ausdruck des Entsetzens im Gesicht. Habt ihr es verstanden oder noch nicht”, schreibt ein User auf X.
Der Postmit der Szene hat über 3,5 Millionen Aufrufe. Die Behauptung kursiert auch auf anderen Plattformen wie Instagram.
DW Faktencheck: Falsch
Tatsächlich hat kurz vor der Tat der Magier Oz Pearlman direkt neben Trump einen Trick performt. Er gibt sich als ein sogenannter Mentalist aus, der den Eindruck erweckt, Gedanken lesen zu können. Hört man sich das Originalaudio dieser Szene im Video an, wird jedoch deutlich, dass die Schüsse fallen, bevor Pearlman die Karte umdreht und nicht, wie behauptet, danach.
Auch die Tatsache, dass die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, vor dem Dinner in einem Interview mit dem US-TV-Sender Fox Newsankündigte, „shots will be fired“, ist kein Beleg für eine Vorahnung oder eine Inszenierung des mutmaßlichen Anschlags, wie einige Nutzer andeuten.
Denn im Englischenwird diese Redewendung auch benutzt, um auszudrücken, dass jemand kampfeslustige, krasse Aussagen tätigen wird. Wofür Donald Trump auch bekannt ist.
In einer Pressekonferenz bezeichnet Leavittdie Behauptungen, die Schießerei sei gestellt gewesen, als „verrückten Unsinn“. Doch Spekulationen über eine vermeintliche Inszenierung kommen nicht nur aus dem demokratischen, sondern auch aus dem republikanischen Lager.
Vorwürfe der Inszenierung auch bei früheren Angriffen
Auch bei vorherigen Angriffen auf Trump tauchten schnell Behauptungen auf, die Vorfälle seien inszeniert– und zwar von Kritikern und Anhängern des US-Präsidenten gleichermaßen. So kursierte bereits wenige Minuten nach dem mutmaßlichen Anschlag am 13. Juli 2024 bei einer Wahlkampfveranstaltung im US-Bundesstaat Pennsylvania die Beschreibung „staged“, „inszeniert“ im Netz (hierund hier). Einige angebliche Belege für eine vermeintliche Inszenierung wurden damals bereits vom DW Faktencheck widerlegt.
Trump-Anhänger Mike Collins, republikanischer Kongressabgeordneter, beteiligte sich an der Verbreitung von Desinformation. „Biden hat den Befehl erteilt“, postete ernoch am selben Tag auf X. Der Post ist in Deutschland nicht mehr sichtbar, doch die Debatteund die Empörung über diese Behauptung darunter ist noch zu sehen.
Spekulationen statt überprüfbarer Annahmen
Solche Spekulationen tauchen oft unmittelbar nach wichtigen Nachrichten auf, bevor überprüfbare Fakten vorliegen. „Das frühe Informationsvakuum bietet Raum für Gerüchte“, weiß Roberta Schmid, Medienanalystin von der Plattform NewsGuard.
Nutzer passten Ereignisse schnell an ihre bestehenden Überzeugungen an. „Sie behaupten beispielsweise, ein Anschlag müsse inszeniert worden sein, wenn dies politisch vorteilhaft für sie erscheint“, so Schmid.
Dies bestätigt auch der Verhaltensforscher Sacha Altay von der Universität Zürich, der sich mit der Verbreitung von Desinformation beschäftigt. „Solche Behauptungen sind schwer zu widerlegen, weil die Zustimmung zu solchen Behauptungen von vornherein nicht wirklich auf Beweisen beruht. Menschen, die sich auf diese Thesen einlassen, bringen damit oft eher Misstrauen oder eine parteipolitische Identität zum Ausdruck, als dass sie eine empirisch überprüfbare Annahme treffen.“
Genau das macht einen Verschwörungsmythosaus: Menschen tun sich im Geheimen zusammen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen – in diesem Fall angeblich, um die Öffentlichkeit zu täuschen. Die Realität wird mit erfundenen „Fakten“ vermischt.
Politische Instrumentalisierung
Anschläge und Attacken auf Politiker gehen häufig mit Verschwörungsmythen und alternativen Deutungsmustern einher. So wurde der Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox im Jahr 2016 in Großbritannien von einigen Brexit-Befürwortern als eine inszenierte pro-EU Aktion dargestellt.
Die Messerattacke auf den brasilianischen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro 2018 in Rio wurde von Kritikern als „fakeada“, vorgetäuschter Messerangriff, bezeichnet. Und die Schüsse auf den nationalistischen slowakischen Regierungschef Robert Fico 2024 wurden fälschlicherweise mit seinen politischen Rivalen in Verbindung gebracht.
Der Begriff „inszeniert“ spreche beide Seiten gleichzeitig an, stellt Verhaltensforscher Altay fest.
Fazit: Verschwörungserzählungen kann man nicht komplett widerlegen. „Die Behauptungen säen immer Zweifel an der offiziellen Version“, stellt Verschwörungsexperte Roland Imhoff, Professor für Sozial- und Rechtspsychologie an Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, klar. „Sie sagen selten, wie es genau ist, aber dafür haben sie ‚gute‘ Gründe, denn es passiert ja im Geheimen.“
Damit nicht genug: Das vielfach bereits bestehende Misstrauen gegenüber Institutionen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens trägt dazu bei, dass falsche oder verschwörerische Behauptungen weiter kursieren, auch wenn sie bereits widerlegt worden sind.
