Abstiegskampf in der Bundesliga: Noch spielen alle für den HSV – Sport


In der 80. Minute, als das Spiel wegen Verletzung unterbrochen war, ploppte auf der Anzeigetafel eine als Statistik getarnte Werbung auf: 95 Kilometer hatten die Fußballer des Hamburger SV zu diesem Zeitpunkt zurückgelegt, eine ohne Relationen recht willkürliche Zahl, die daraufhin noch ins Verhältnis zu erklommenen Treppenstufen gesetzt und auf die Summe der bereits zurückgelegten Saisonkilometern draufgerechnet wurde. Reklame eben. Als Metapher aber gar nicht so verkehrt: Wie viel ist der HSV seinem Saisonziel, dem Verbleib in der ersten Liga, mit dieser 1:2-Niederlage gegen die TSG Hoffenheim näher gekommen? Reicht es, sich im Kreis zu drehen, solange die Konkurrenz weiterhin alles dafür tut, einem nicht allzu sehr auf die Pelle zu rücken?

Der Samstag jedenfalls hat einmal mehr wie unter einem Brennglas offengelegt, wie sich für den Traditionsklub bereits die Monate zuvor dargestellt haben. Köln hatte vor Anpfiff des Abendspiels verloren, St. Pauli auch, Wolfsburg und Gladbach waren durch ein Remis im direkten Duell ebenfalls nur unwesentlich von der Stelle gekommen – im Tabellenkeller scheinen gerade sämtliche Teams für den HSV zu spielen, abgesehen vom HSV.

Trust the Process: Diese etwas abgerockte Parole wurde vom Hamburger Coach Merlin Polzin nach Spielende galant ins Deutsche übersetzt, man werde dem Prozess weiterhin „vertrauen“, immerhin habe dieser den Klub dorthin gebracht, „wo wir heute stehen“, sagte er. Und in der Tat, beim Blick auf die Tabelle stellt sich die Lage ja weiterhin recht komfortabel dar: Fünf Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz 16 weist der HSV dort auf, dazu ein um elf Treffer besseres Torverhältnis; auf einen direkten Abstiegsplatz ist es gar ein Zählerchen mehr. Damit lässt sich leben.

Zur Wahrheit jedoch gehört, dass eine Fortsetzung des Trends gleichbedeutend damit wäre, dass die Polzin-Elf weiterhin stark davon abhängig bliebe, was die Konkurrenz im Tabellenkeller so tut oder eben unterlässt. Aus den vergangenen zehn Spielen sprang für den HSV lediglich ein Sieg heraus – zumal mit Blick aufs anspruchsvolle Restprogramm (Frankfurt, Freiburg, Leverkusen) nicht zwingend damit kalkuliert werden sollte, dass bis Saisonende noch zahlreiche Punktgewinne hinzukommen werden.

Glatzel trifft und spielt gut: Warum hat Polzin so lange auf den Stürmer verzichtet?

Die Hamburger bewegen sich gerade ein wenig zwischen den Welten, zwischen weiterhin realen existenziellen Sorgen und dem ebenso realen Optimismus, dass es am Ende schon reichen wird. Der Auftritt gegen Hoffenheim jedenfalls dürfte eher die optimistischere Sichtweise genährt haben. Nicht ganz zu Unrecht konnte Polzin auf ein „inhaltlich sehr vernünftiges Spiel“ verweisen; eine Einschätzung, die vorn auf dem Pressepodium auf Zustimmung stieß. TSG-Trainer Christian Illzer attestierte dem Gegner „viel Idee“ und „viel gute Trainerarbeit“, wenngleich er auf den Hinweis verzichtete, dass auch der beste Plan nur so lange funktioniert, wie sich die eigenen Spieler daran halten.

Und was in der Hamburger Defensive los ist, sobald der 19-jährige Abwehrchef Luka Vuskovic fehlt. Der kroatische Hüne ist das fußballerische und moralische Oberhaupt im Hamburger Team, am Samstag fehlte er das dritte Spiel hintereinander wegen Oberschenkelproblemen – eine Beeinträchtigung, die sich bei den Treffern der Hoffenheimer Angreifer Fisnik Asllani (18. Minute) und Tim Lemperle (45.) nicht kaschieren ließ. Auf der linken Seite ließ der defensiv oft haarsträubend patzende Außenverteidiger William Mikelbrencis seinen Gegenspielern jeweils viel Gestaltungsspielraum, im Abwehrzentrum präsentierte sich Verteidigerkollege Waheed Omari einmal mehr desorientiert, indem er zuerst die Deckung vernachlässigte und dann durch Schläfrigkeit ein Abseits aufhob.

In beiden „Boxen“ gebe es deutlichen Nachbesserungsbedarf, erklärte Polzin. Wobei die Frage erlaubt sein muss, warum der Coach in einer dieser Boxen, dem Strafraum des Gegners, so lange auf seine profilierteste Fachkraft verzichtet hatte: Stürmer Robert Glatzel war quasi die gesamte Saison über zum Reservisten degradiert worden, weil es ihm vermeintlich an Defensivgeist und Spitzengeschwindigkeit gebricht – zwei Makel, die jetzt, wo Glatzel spielt und trifft, gar nicht mehr so schlimm erscheinen. Wie in der Vorwoche, beim 1:3 gegen Werder Bremen, reichten ein Steilpass sowie eine Unachtsamkeit eines Verteidigers, damit Glatzel allein zum gegnerischen Tor sausen konnte. Gegen Bremen traf der Stürmer mit einem fulminanten Schuss in den Winkel, am Samstag holte er beim TSG-Torwart Oliver Baumann einen Foulelfmeter heraus und verwandelte diesen zum zwischenzeitlichen 1:1 selbst (34.). Dass Polzin seinem Team diese Torgefahr so lange verwehrt hat, dürfte Gegenstand der Saisonanalyse werden.

Außerdem: Wo sind die Selbsterhaltungskräfte des HSV hin? Anders als in der Hinserie, in der sich die Hamburger mehrmals gegen Niederlagen stemmten, häufig in Form von wilden Aufholjagden gegen Ende der Partie, hinterließ auch die zweite Hälfte gegen die TSG Hoffenheim einen doch eher saturierten Eindruck. Noch jedenfalls können sich die Hamburger derlei leisten. Für den tabellarischen Vorsprung müsse man sich „nicht entschuldigen“, sagte Polzin, „denn wir haben etwas dafür getan“. Das stimmte, dennoch muss dieser Satz mit einer wichtigen Einschränkung versehen werden: Seit einigen Monaten haben die Hamburger hierfür so gut wie gar nichts mehr getan – und die 31 Punkte, die sie aktuell in der Tabelle vorweisen, haben in den vergangenen zehn Jahren nur in den seltensten Fällen zum Klassenverbleib gereicht.



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